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billig und recht, dass der Betrug, den ihr Ehrgeiz an mir begangen, auch durch mich an ihrem Ehrgeiz gerächet werde? Freudig sehe ich um mich her, wenn ich bedenke, dass ich das auserwählte Werkzeug war, durch welches die Niederträchtigkeit ihres Oheims, die Lüsternheit des Fürsten und die Dummheit der übrigen Helfer gestraft wurde! Es ist ja ein angenommener Lehrsatz, dass die Vorsicht sich der Bösewichter bediene, um die Vergehungen der Frommen zu ahnden. Ich war also nichts als die Maschine, durch welche das Weglaufen der Sternheim gebüsst werden sollte; dazu wurde mir auch das nötige Pfund von Gaben und Geschicklichkeit gegeben. Meine Belohnung hab' ich genossen. Sie mögen sich nun samt und sonders ihre erhaltne Züchtigung zunutz machen!

Wisse übrigens, dass ich wirklich der Vertraute von Seimourn geworden bin. Auf einem dorf sass er und beheulte den Verlust der Tugend des Mädchens, während, dass ich es in aller Stille auf der andern Seite unter Dach brachte und ihn belachte. Er wollte von mir wissen, wer wohl der Gemahl, mit dem sie, nach ihrem Briefe, entflohen wäre, sein könnte? Er hat Kuriere nach Florenz abgeschickt; aber ich hab' ein Mittel gefunden, seinen Nachspürungen Einhalt zu tun, da ich in dem letzten Billett, das mir die Sternheim nach D. geschrieben hatte, alle Worte abriss, die mich hätten verraten können, und das übrige Stück unter die Papiere des Sekretärs John warf, über dessen Ausbleiben man stutzig wurde und sein Zimmer auf mein Anraten aussuchte. Bei diesem Stück Papier wurden dann die Vermutungen auf ihn festgesetzt und er für den Erlöser erklärt, den sich das feine Mädchen erwählt habe. Eine Sache, die man als den Beweis ansah, dass lauter bürgerliche Begriffe und Neigungen in ihrer Seele herrschen; und ein Text, worüber nun die adeligen Mütter ihren Töchtern gegen die Heuraten ausser Stand Jahre lang predigen werden. Seimours Liebe versinkt in Unmut und Verachtung; er nennt ihren Namen nicht mehr und schickt keine Kuriere mehr fort, – ich aber erwarte einen aus England, und dann wirst du erfahren, ob ich zu dir komme oder nicht.

Rosina an

ihre Schwester Emilia

O meine Schwester, wie soll ich dir den entsetzlichen Jammer beschreiben, der über unser geliebtes fräulein gekommen ist! – Lord Derby! Gott wird ihn strafen und muss ihn strafen! der abscheuliche Mann! er hat sie verlassen und ist allein nach England gereist. Seine Heurat war falsch; ein gottloser Bedienter, wie sein Herr, in einen Geistlichen verkleidet, verrichtete die Trauung. Ach, meine hände zittern, es zu schreiben; der schändliche Bösewicht kam selbst mit dem Abschiedsbriefe, damit uns sein Gesicht keinen Zweifel an unserm Unglück übriglassen sollte. Der Lord sagt: die Dame hätte ihn nicht geliebt, sondern nur immer Mylord Seimourn im Herzen gehabt; dieses hätte seine Liebe ausgelöscht, sonst wäre er unverändert geblieben. Der ruchlose Mensch! Ewiger Gott! Ich, ich habe auch zu der Heurat geholfen! Wär' ich nur zum Lord Seimour gegangen! ach wir waren beide verblendetich darf unsere Dame nicht ansehen; das Herz bricht mir; sie isst nichts; sie ist den ganzen Tag auf den Knien vor einem Stuhl, da hat sie ihren Kopf liegen; unbeweglich, ausser dass sie manchmal ihre arme gegen Himmel streckt und mit einer sterbenden stimme ruft: "ach Gott, ach mein Gott!"

Sie weint wenig und nur seit heute; die ersten zwei Tage fürchtete ich, wir würden beide den Verstand verlieren, und es ist ein Wunder von Gott, dass es nicht geschehen ist.

Zwo Wochen hörten wir nichts vom Lord; sein Kerl reiste weg, und fünf Tage darnach kam der Brief, der uns so unglücklich machte. Der verfluchte Bösewicht gab ihn ihr selbst. Blass und starr wurde sie; endlich, ohne ein Wort zu sagen, zerriss sie mit der grössten Heftigkeit seinen Brief, und noch ein Papier, warf die Stücke zu Boden, deutete mit einer Hand darauf, und mit einem erbärmlichen Ausdruck von Schmerzen sagte sie dem Kerl: "geh, geh"; zugleich aber fiel sie auf ihre Knie, faltete ihre hände und blieb über zwo Stunden stumm und wie halb tot liegen. Was ich ausstund, kann ich dir nicht sagen; Gott weiss es allein! Ich kniete neben sie hin, fasste sie in meine arme und bat sie so lange mit tausend Tränen, bis sie mir mit gebrochener matter stimme und stotternd sagte: Derby verlasse sieihre Heurat wäre falsch, und sie hätte nichts mehr zu wünschen als den Tod. – Sie will sich nicht rächen; bei dir, liebste Schwester, will sie sich verbergen. Übermorgen reisen wir ab; ach, Gott sei uns gnädig auf unserer Reise! Du musst sie aufnehmen; dein Mann wird es auch tun und ihr raten. Wir nehmen nichts mit, was vom Lord da ist. Seinen Wechselbrief von sechshundert Carolinen hat sie zerrissen. All ihr Geld beläuft sich auf dreihundert; davon gibt sie den zwoen Mädchen noch funfzig und den andern Armen noch funfzig. Ihr Schmuck und ein Coffre mit Kleidern ist alles, was wir mitbringen. Du wirst uns nicht mehr kennen, so elend sehen wir aus. Sie spricht mit niemand mehr, der Bruder von den zwoen Mädchen führt uns den halben Weg zu dir. Wir suchen Trost bei dir, liebe Schwester! Sie möchte dir selbst schreiben und kann kaum die lieben