1771_La_Roche_064_72.txt

mit hängendem kopf die Erde ansah und Seufzer ausstiess, welche gewiss nicht mich zum gegenstand hatten. Ich fragte sie am Ende, ob sie dieses Lied heute zum ersten Male gesungen? Nein, sagte sie errötend; dieses veranlasste noch einige fragen über die Zeit, da sie angefangen hätte, gut für mich zu denken, und über ihre Gesinnungen für Seimour. Aber verdammt sei die Freimütigkeit, mit welcher sie mir antwortete; denn damit hat sie alle Knoten losgemacht, die mich an sie banden. Hundert Kleinigkeiten, und selbst die Mühe, die es sie kostete, zärtlich und fröhlich zu sein, überzeugten mich, dass sie mich nicht liebte. Ein wenig achtung für meinen Witz und für meine Freigebigkeit, die Freude, nach England zu kommen und kalter Dank, dass ich sie von ihren Verwandten und dem Fürsten befreit hatte: dies war alles, was sie für mich empfand, alles, was sie in meine arme brachte! Ja, sie war unvorsichtig genug, mir auf meine verliebte Bitte, die Eigenschaften zu nennen, die sie am meisten an mir lieben würdenichts anders als ein Gemälde von Seimour vorzuzeichnen; und immer betrieb sie unsere Reise nach Florenz; deutliches Anzeigen, dass sie nicht für das Glück meiner Liebe, sondern für die Befriedigung ihres Ehrgeizes bedacht war! denn sie vergiftete alle Tage ihres Besitzes durch diese Erinnerung, welcher sie alle mögliche Wendungen gab, sogar, dass sie mich versicherte, sie würde mich erst in Florenz lieben können. Sie vergiftete, sagt' ich dir, mein Glück, aber auch zugleich mein Herz, welches närrisch genug war, sich zuweilen meine falsche Heurat gereuen zu lassen, und sehr oft ihre Partie wider mich ergriff. In der dritten Woche frass das Übel um sich. Ich hatte ihr englische Schriften gegeben, die mit den feurigsten und lebendigsten Gemälden der Wollust angefüllt waren. Ich hoffte, dass einige Funken davon die entzündbare Seite ihrer Einbildungskraft treffen sollten; aber ihre widersinnige Tugend verbrannte meine Bücher, ohne ihr mehr zu erlauben, als sie durchzublättern und zu verdammen. Der Verlust der Bücher und meiner Hoffnung brachte einen kleinen Ausfall von Unmut hervor, den sie mit gelassener Tapferkeit aushielt. zwei Tage hernach kam ich an ihren Nachttisch, just wie ihre schönen Haare gekämmt wurden; ihre Kleidung war von weissem Musselin mit rotem Taft, nett an den Leib angepasst, dessen ganze Bildung das vollkommenste Ebenmass der griechischen Schönheit ist; wie reizend sie aussah! Ich nahm ihre Locken und wand sie unter ihrem rechten arme um ihre Hüften. Miltons Bild der Eva kam mir in den Sinn. Ich schickte ihr Kammermensch weg und bat sie, sich auf einen Augenblick zu entkleiden, um mich so glücklich zu machen, in ihr den Abdruck des ersten Meisterstücks der natur zu bewundern.15 Schamröte überzog ihr ganzes Gesicht; aber sie versagte mir meine Bitte geradezu; ich drang in sie, und sie sträubte sich so lange, bis Ungeduld und Begierde mir eingaben, ihre Kleidung vom Hals an durchzureissen, um auch wider ihren Willen zu meinem Endzweck zu gelangen. Solltest du glauben, wie sie sich bei einer in unsern Umständen so wenig bedeutenden Freiheit gebärdete? – "Mylord", rief sie aus, "Sie zerreissen mein Herz und meine Liebe für Sie; niemals werde' ich Ihnen diesen Mangel feiner Empfindungen vergeben! O Gott, wie verblendet war ich!" – Bittere Tränen und heftiges Zurückstossen meiner arme begleiteten diese Ausrufungen. Ich sagte ihr trocken: ich wäre sicher, dass sie dem Lord Seimour diese Unempfindlichkeit für sein Vergnügen nicht gezeigt haben würde. "Und ich bin sicher", sagte sie im hohen tragischen Ton, "dass Mylord Seimour mich einer edlern und feinern Liebe wert gehalten hätte."

Hast du jemals die Narrenkappe einer sonderbaren Tugend mit wunderlichern Schell behangen gesehen, als dass ein Weib ihre vollkommenste Reize nicht gesehen, nicht bewundert haben will? Und wie albern eigensinnig war der Unterschied, den sie zwischen meinen Augen und meinem Gefühl machte?

Ich wollt' es nachmittags von ihr selbst erklärt wissen, aber sie konnte mit allem Nachsinnen nichts anders sagen, als dass sie bei Entdeckung der besten moralischen Eigenschaften ihrer Seele die nämliche Widerstrebung äussern würde, ungeachtet sie mir gestund, dass sie mit Vergnügen bemerkte, wenn man von ihrem Geist und von ihrer Figur vorteilhaft urteile; dennoch wolle sie lieber dieses Vergnügen entbehren, als es durch ihre eigene Bemühung erlangen.16 Denkst du wohl, dass ich mit diesem verkehrten kopf vergnügt sollte leben können? Dieses Gemische von Verstand und Narrheit hat ihr ganzes Wesen durchdrungen und giesst Trägheit und Unlust über alle Bewegungen meiner muntern Fibern aus. Sie ist nicht mehr die Kreatur, die ich liebte; ich bin also auch nicht mehr verbunden, das zu bleiben, was ich ihr damals zu sein schien. – Sie selbst hat mir den Weg gebahnt, auf welchem ich ihren Fesseln entfliehen werde. Der Tod meines Bruders stimmt ohnehin die saiten meiner Leier auf einen andern Ton; ich muss vielleicht bald nach England zurücke, und dann kann Seimour sein Glücke bei meiner Witwe versuchen; denn ich denke, sie wird's bald sein; und bloss ihrem eigenen Betragen wird sie dies zu danken haben. Da sie sich für meine Ehefrau hält, war es nicht ihre Pflicht, sich in allem nach meinem Sinne zu schicken? Hat sie diese Pflicht nicht gänzlich aus den Augen gesetzt? Liebt sie nicht sogar einen andern? Und ist es also nicht