1771_La_Roche_064_71.txt

Gemahl angenehm zu sein; aber ich werde oft ausweichen müssen; wenn ich nur meinen Charakter und meine Grundsätze nicht aufopfern muss! – – Ich wählte ihn, ich übergab ihm mein Wohl, meinen Ruhm, mein Leben; ich bin ihm mehr Ergebenheit und mehr Dank schuldig, als ich meinem Gemahl unter andern Umständen schuldig wäre. O wenn ich einst in England in meinem eignen haus bin und Mylord in Geschäften sein wird, die dem Stolz seines Geistes angemessen sind: dann wird, hoffe ich, sein wallendes Blut im ruhigen Schosse seiner Familie sanfter fliessen lernen, sein Stolz in edle Würde sich verwandeln und seine Hastigkeit tugendhafter Eifer für rühmliche Taten werden. Diesen Mut werde' ich unterhalten, und, da ich nicht so glücklich war, eine Griechin der alten zeiten zu sein, mich bemühen, wenigstens eine der besten Engländerinnen zu werden.

Mylord Derby an

seinen Freund

Verwünscht seist du mit deinen Vorhersagungen; was hattest du sie in meine Liebesgeschichte zu mengen? Meine Bezauberung würde nicht lange dauern, sagtest du! Wie, zum Henker, konnte dein Dummkopf dieses in Paris sehen und ich hier so ganz verblendet sein? – Aber Kerl, du hast doch nicht ganz recht! Du sprachst von Sättigung; diese hab' ich nicht und kann sie nicht haben, weil mir noch viel von der idee des Genusses fehlt; und dennoch kann ich sie nicht mehr sehen! – Meine Sternheim, meine eigene Lady nicht mehr sehen! Sie, die ich fünf Monate lang bis zum Unsinn liebte! Aber ihr Verhängnis hat mein Vergnügen und ihre Gesinnungen gegeneinander gestellt; mein Herz wankte zwischen beiden; sie hat die Macht der Gewohnheit misskannt; sie hat die feurigen Umarmungen ihres Liebhabers bloss mit der matten Zärtlichkeit einer frostigen Ehefrau erwidert; kaltemit Seufzen unterbrochene Küsse gab sie mir, sie, die so lebhaft mitleidend, sie, die so geschäftig, so brennend eifrig für Ideen, für Hirngespenster sein kann! Wie süss, wie anfesselnd hab' ich mir ihre Liebe und ihren Besitz vorgestellt! wie begierig war ich auf die Stunde, die mich zu ihr führte! Pferde, Postknechte und Bedienten hätte ich der Geschwindigkeit meiner Reise aufopfern wollen. Stolz auf ihre Eroberung, sah ich den Fürsten und seine Helfer mit Verachtung an. Mein Herz, mein Puls klopften vor Freude, als ich das Dorf erblickte, wo sie war, und beinah hätt' ich aus Ungeduld meine Pistole auf den Kerl losgefeuert, der meine Chaise nicht gleich aufmachen konnte. In fünf Schritten war ich die Treppe hinauf. Sie stunde oben in englischer Kleidung, weiss, schön, majestätisch sah sie aus; mit Entzückung schloss ich sie in meine arme. Sie bewillkommte mich stammelnd; wurde bald rot, bald blass. Ihre Niedergeschlagenheit hätte mich glücklich gemacht, wenn sie nur einmal die Miene des Schmachtens der Liebe gehabt hatte; aber alle ihre Züge waren allein mit Angst und Zwang bezeichnet. Ich ging mich umzukleiden, kam bald wieder und sah durch eine tür sie auf der Bank sitzen, ihre beiden arme um den Vorhang des Fensters geschlungen, alle Muskeln angestrengt, ihre Augen in die Höhe gehoben, ihre schöne Brust von starkem tiefen Atemholen langsam bewegt; kurz, das Bild der stummen Verzweiflung! Sage, was für Eindrücke musste das auf mich machen? Was sollt' ich davon denken? Meine Ankunft konnte ihr neue, unbekannte Erwartungen geben; etwas bange mochte ihr werden; aber wenn sie Liebe für mich gehabt hätte, war wohl dieser starke Kampf natürlich? Schmerz und Zorn bemächtigten sich meiner; ich trat hinein; sie fuhr zusammen und liess ihre arme und ihren Kopf sinken; ich warf mich zu ihren Füssen und fasste ihre Knie mit starren bebenden Händen.

"Lächeln Sie, Lady Sophie, lächeln Sie, wenn Sie mich nicht unsinnig machen wollen" – schrie ich ihr zu.

Ein Strom von Tränen floss aus ihren Augen. Meine Wut vergrösserte sich, aber sie legte ihre arme um meinen Hals und lehnte ihren schönen Kopf auf meine Stirne.

"Teurer Lord, o sein Sie nicht böse, wenn Sie mich noch empfindlich für meine unglückliche Umstände sehen; ich hoffe, durch Ihre Güte alles zu vergessen."

Ihr Hauch, die Bewegung ihrer Lippen, die ich, indem ich redte, auf meiner Wange fühlte, einige Zähren, die auf mein Gesicht fielen, löschten meinen Zorn und gaben mir die zärtlichste, die glücklichste Empfindung, die ich in dreien Wochen mit ihr genoss. Ich umarmte, ich beruhigte sie, und sie gab sich Mühe, den übrigen Abend und beim speisen zu lächeln. Manchmal deckte sie mir mit allem Zauber der jungfräulichen Schamhaftigkeit die Augen zu, wenn ihr meine Blicke zu glühend schienen.

Reizende Kreatur, warum bliebst du nicht so gesinnt? warum zeigtest du mir deine sympatetische Neigung zu Seimour?

Die übrigen Tage suchte ich munter zu sein. Ich hatte ihr eine Laute mitgebracht, und sie war gefällig genug, mir ein artiges welsches Liedchen zu singen, welches sie selbst gemacht hatte und worin sie die Venus um ihren Gürtel bat, um das Herz, so sie liebte, auf ewig damit an sich zu ziehen. Die Gedanken waren schön und fein ausgedrückt, die Melodie rührend und ihre stimme so voll Affekt, dass ich ihr mit der süssesten und stärksten leidenschaft zuhörte. Aber mein schöner Traum verflog durch die Beobachtung, dass sie bei den zärtlichsten Stellen, die sie am besten sang, nicht mich, sondern