es, sie zu leicht und unzulänglich zu finden! So lang ich für andere unempfindlich war, fehlte ich nur gegen die Vorurteile der fühllosen Seelen, und wenn es auch schien, dass meine Begriffe von Wohltätigkeit übertrieben wären, so bleiben sie doch durch das Gepräge des göttlichen Ebenbildes verehrungs- und nachahmungswürdig. Aber jetzt, da ich nur für mich empfand, fehlte ich gegen den Wohlstand und gegen alle gesellschaftliche Tugenden eines guten Mädchens. – Wie dunkel, o wie dunkel ist dieser teil meines vergangenen Lebens: was bleibt mir übrig, als meine Augen auf den Weg zu heften, den ich nun vor mir habe, und darin einen geraden Schritt, bei klarem Lichte fortzugehen?
Meine ersten Erquickungsstunden hab' ich in der Beschäftigung gefunden, zwo arme Nichten meiner Wirtin arbeiten und denken zu lehren. Sie wissen, Emilia, dass ich gerne beschäftiget bin. Mein Nachdenken und meine Feder machten mich traurig; ich konnte am Geschehenen nichts mehr ändern, musste den Tadel, der über mich erging, als eine gerechte Folge meiner irregegangenen Eigenliebe ansehen und meine Ermunterung ausser mir suchen, teils in dem Vorsatze, Mylord Derby zu einem glücklichen Gemahl zu machen, teils in der Bestrebung, meinen übrigen Nebenmenschen alles mögliche Gute zu tun. Ich erkundigte mich nach den Armen des Orts und suchte ihnen Erleichterung zu schaffen. Bei dieser gelegenheit sagte mir die gute Rosina von zwoen Nichten der Wirtin, armen verwaisten Mädchen, die der Wirt hasste, und auch seiner Frau, deren Schwester-Töchter sie sind, wegen dem wenigen, so sie geniessen, sehr übel begegnete. Ich liess sie zu mir kommen, forschte ihre Neigungen aus und was jede schon gelernt hätte oder noch lernen möchte; beide wollten die Künste der Jungfer Rosine wissen; ich teilte mich also mit ihr in dem Unterricht der guten Kinder; ich liess auch beide kleiden, und sie kamen gleich den andern Tag, um meinem Anziehen zuzusehen. Vierzehn Tage darauf bedienten sie mich wechselsweise. Ich redete ihnen von den Pflichten des Standes, in welchen Gott sie, und von denen, in welchen er mich gesetzt habe, und brachte es so weit, dass sie sich viel glücklicher achteten, Kammerjungfern als Damen zu sein, weil ich ihnen sehr von der grossen Verantwortung sagte, die uns wegen dem Gebrauch unsrer Vorzüge und unsrer Gewalt über andere aufgelegt sei. Ihre Begriffe von Glück und ihre Wünsche waren ohnehin begrenzt, und die kleinen Prophezeiungen, die ich jeder nach ihrer Gemütsart machen kann, vergnügen sie ungemein; sie glauben, ich wisse ihre Gedanken zu lesen. Ich zahle dem Wirt ein Kostgeld für sie und kaufe alles, was sie zu ihren Lehrarbeiten nötig haben. Ich halte ihnen Schreibe- und Rechnungsstunden und suche auch, ihnen einen Geschmack im Putz einer Dame zu geben, besonders lehre ich sie, alle Gattung von Charakter zu kennen und mit guter Art zu ertragen. Die Wirtin und ihre Nichten sehen mich als ihren Engel an und würden alle Augenblicke vor mir knien und mir danken, wenn ich es dulden wollte. Süsse glückliche Stunden, die ich mit diesen Kindern hinbringe! Wie oft erinnere ich mich an den Ausspruch eines neuern Weisen, welcher sagte: "Bist du melancholisch, siehst du nichts zu deinem Trost um dich her – lies in der Bibel; befreie dich von einem anklebenden Fehler oder suche deinem Nebenmenschen Gutes zu tun: so wird gewiss die Traurigkeit von dir weichen –"
Edles unfehlbares Hülfsmittel! wie höchst vergnügt gehe ich mit meinen Lehrmädchen spazieren und rede ihnen von der Güte unsers gemeinsamen Schöpfers! Mit welchem innigen Vergnügen erfüllt sich mein Herz, wenn ich beide, über meine Reden bewegt, ihre Augen mit Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen Himmel wenden sehe' und sie mir dann meine hände küssen und drücken: in diesen Augenblicken, Emilia, bin ich sogar mit meiner Flucht zufrieden, weil ich ohne sie diese Kinder nicht gefunden hätte.
fräulein von Sternheim
an Emilien
O – noch einmal so lieb sind mir meine Mädchen geworden, seitdem Mylord da war; denn durch die Freude an den unschuldigen Kreaturen hat sich mein Geist und mein Herz gestärkt. Mylord liebt das Ernstafte meiner Gemütsart nicht; er will nur meinen Witz genährt haben; meine schüchterne und sanfte Zärtlichkeit ist auch die rechte Antwort nicht, die ich seiner raschen und heftigen Liebe entgegensetze, und über das Verbrennen seiner Bücher hat er einen männlichen Hauszorn geäussert. Er war drei Wochen da. Ich durfte meine Mädchen nicht sehen; seine Gemütsverfassung schien mir ungleich; bald äusserst munter und voller leidenschaft! bald wieder düster und trocken; seine Blicke oft mit Lächeln, oft mit denkendem Missvergnügen auf mich geheftet. Ich musste ihm die Ursachen meines anfänglichen Widerwillens gegen ihn und meine Ändrung erzählen; sodann fragte er mich über meine Gesinnungen für Lord Seimour. Mein Erröten bei diesem Namen gab seinem Gesicht einen mir entsetzlichen Ausdruck, den ich Ihnen nicht beschreiben kann, und in einer noch viel empfindlichern gelegenheit merkte ich, dass er eifersüchtig über Mylord Seimour ist; ich werde also beständig wegen anderer zu leiden haben. Mylord liebt die Pracht und hat mir viel kostbare Putzsachen gegeben, ich werde in seine Gesinnung eingehen, ungeachtet ich mich lieber in Bescheidenheit als in Pracht hervortun möchte. Gott gebe, dass dieses der einzige Punkt sein möge, in welchem wir verschieden sein; aber ich fürchte mehrere. – O Emilie, beten Sie für mich! – Mein Herz hat Ahndungen; ich will keine gefälligkeit, keine Bemühung versäumen, meinem