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Crafton hätte dazu geholfen, und dieser Argwohn widrige Folgen hätte haben können; sollte ich da nicht auch grossmütig sein und denjenigen, der mich liebte und rettete, durch mein Stillschweigen vor Verdruss und Verantwortung bewahren? Es war genug, dass er den Gesandtschaftsprediger gewann, dem ich die ganze geschichte meiner geheimen Trauung schrieb, und welchem Mylord eine Pension gibt, wovon er wird leben können, wenn er auch die Stelle bei dem Gesandten verliert. Durch alles dieses unterstützt, reiste ich mit frohem Herzen von D. ab, von einem der getreuesten Leute des Lords begleitet; mein Gemahl musste, um allem Verdacht auszuweichen, zurückbleiben, und den Festen beiwohnen, welche zwei fremden Prinzen zu Ehren angestellt wurden. Dieser Umstand war mir angenehm, denn ich würde an seiner Seite gezittert und gelitten haben, da ich hingegen mit unserer Rosine glücklich und ruhig meinen Weg fortsetzte, bis ich in diesem kleinen dorf meinen Aufentalt nahm, wo ich vier Wochen war, ehe Mylord den schicklichen Augenblick finden konnte, ohne Besorgnis zu mir zu eilen. Mein erster Gedanke war immer, meine Reise nach Florenz zu verfolgen und Mylorden da zu erwarten; aber ich konnte seine Einwilligung dazu nicht erlangen, und auch jetzt will er sich vorher völlig von Mylord Crafton losmachen und erst alsdann mit mir zum Grafen R., nach diesem aber gerade in sein Vaterland gehen.

In diesen vier Wochen, da ich allein war, hielt ich mich eingesperrt und hatte keine andere Bücher als etliche englische Schriften von Mylord, die ich nicht lesen mochte, weil sie übergebliebene Zeugnisse seiner durch Beispiel und Verführung verderbten Sitten waren. Ich warf sie auch alle an dem ersten kalten Herbsttag, der mich nötigte Feuer zu machen, in den Ofen, weil ich nicht vertragen konnte, dass diese Bücher und ich einen gemeinsamen Herrn und Wohnplatz haben sollten. Die Tage wurden mir lang, meine Rosina nahm sich Näharbeit von unsrer Wirtin, und ich Eng an, mit dem zunehmenden Gefühl der sich wieder erholten Kräfte meines Geistes Betrachtungen über mich und mein Schicksal anzustellen.

Sie sind traurig, diese Betrachtungen, durch den Widerspruch, der seit dem Tod meines geliebten ehrwürdigen Vaters, noch mehr aber seit dem Augenblick meines Eintritts in die grosse Welt, zwischen meinen Neigungen und meinen Umständen herrschet.

O hätte ich meinen Vater nur behalten, bis meine Hand unter seinem Segen an einen würdigen Mann gegeben gewesen wäre! Meine Glücksumstände sind vorteilhaft genug, und da ich nebst meinem Gemahl den Spuren der edlen Wohltätigkeit meiner Eltern gefolgt wäre, so würde die selige Empfindung eines wohlangewandten Lebens und die Freude über das Wohl meiner Untergebenen alle meine Tage gekrönt haben. Warum hörte ich die stimme nicht, die mich in P. zurückhalten wollte, als meine Seele, ganz mit Bangigkeit erfüllt, sich der Zuredungen meines Oheims und Ihres Vaters widersetzte? Aber ich selbst dachte endlich, dass Vorurteil und Eigensinn in meiner Abneigung sein könnte, und willigte ein, dass der arme Faden meines Lebens, der bis dahin so rein und gleichförmig fortgeloffen war, nun mit dem verworrnen, ungleichen Schicksal meiner Tante verwebt wurde, woraus ich durch nichts als ein gewaltsames Abreissen aller Nebenverbindungen loskommen konnte. Mit diesem vereinigte sich die Verschwörung wider meine Ehre und meine von Jugend auf genährte Empfindsamkeit, die nur ganz allein für meine beleidigte Eigenliebe arbeitete. O, wie sehr hab' ich den Unterschied der Würkungen der Empfindsamkeit für andere und der für uns allein kennengelernt!

Die zwote ist billig und allen Menschen natürlich! aber die erste allein ist edel; sie allein unterhält die Wahrscheinlichkeit des Ausdrucks, dass wir nach dem Ebenbild unsers Urhebers geschaffen sein, weil diese Empfindsamkeit für das Wohl und Elend unsers Nebenmenschen die Triebfeder der Wohltätigkeit ist, der einzigen Eigenschaft, welche ein zwar unvollkommnes, aber gewiss echtes Gepräge dieses göttlichen Ebenbildes mit sich führt; ein Gepräge, so der Schöpfer allen Kreaturen der Körperwelt eindrückte, als in welcher das geringste Grashälmchen durch seinen Beitrag zur Nahrung der Tiere ebenso wohltätig ist, als der starke Baum es auf so mancherlei Weise für uns wird. Das kleinste Sandkörnchen erfüllt seine Bestimmung, wohltätig zu sein, und die Erde durch Lokkernheit fruchtbar zu erhalten, so wie die grossen Felsen, die uns staunen machen, unsern allgemeinen Wohnplatz befestigen helfen. Ist nicht das ganze Pflanzen- und Tierreich mit lauter Gaben der Wohltätigkeit für unser Leben erfüllt? Die ganze physikalische Welt bleibt diesen Pflichten getreu; durch jedes Frühjahr werden sie erneuert; nur die Menschen arten aus und löschen dieses Gepräge aus, welches in uns viel stärker und in grösserer Schönheit glänzen würde, da wir es auf so vielerlei Weise zeigen könnten.

Sie erkennen hier, meine Emilia, die Grundsätze meines Vaters; meine Melancholie rief sie mir sehr lebhaft zurück, da ich in der Ruhe der Einsamkeit mich umwandte und den Weg abmass, durch welchen mich meine Empfindlichkeit gejagt und so weit von dem Orte meiner Bestimmung verschlagen hatte. O, ich bin den Pflichten der Wohltätigkeit des Beispiels entgangen!14 Niemand wird sagen, dass Kummer und Verzweiflung Anteil an meinem Entschluss hatten; aber jede Mutter wird ihre Tochter durch die Vorstellung meiner Fehler warnen; und jedes bildet sich ein, es würde ein edlers und tugendhafters Hülfsmittel gefunden haben. Ich selbst weiss, dass es solche gibt; aber mein Geist sah sie damals nicht, und es war niemand gütig genug, mir eines dieser Mittel zu sagen. Wie unglücklich ist man, meine Emilia, wenn man Entschuldigungen suchen muss, und wie traurig ist