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du darin das Bild meiner ersten Hoffnungen mit allen Schmerzen der Selbstberaubung vereinigt sehen würdest!

Derby ist nach einer Abwesenheit von acht Wochen wieder von einer Reise nach H. zurückgekommen und bewies mir eine ganz besondere Achtsamkeit; ich goss allen meinen zärtlichen Kummer bei ihm aus; er belachte mich und behauptete, dass er mit dem Ruf seiner Bosheit Viel weniger schädlich sei, als ich es durch diesen Tugendeifer gewesen; seine Bosheit führe eine Art von Verwarnung bei sich, die alle Menschen vorsichtig machen könne. Die Strenge meiner Grundsätze hätte mir eine Grausamkeit gegen die anscheinenden und unvermeidlichen Fehler der Menschen gegeben, welche die Widerspenstigkeit der Bösen vermehre und die guten Leute zur Verzweiflung bringe. Wie kommt Derby zu diesem Anspruch der Wahrheit? ich fühlte, ja ich fühlte, dass er recht hatte, dass ich grausam war, dass ich es war, ichElender! der die Beste ihres Geschlechts unglücklich gemacht!

O mein Freund, mein Lehrer, das Mass meines Verdrusses ist voll; alle Stunden meines Lebens sind vergiftet. John, unser Sekretär, ist zwei Tage vor der Flucht des Fräuleins abgereiset und seitdem nicht mehr gekommen. Die Kammerjungfer des Fräuleins war einmal bei ihm, und unter seinen Papieren hat man ein zerrissenes Blatt gefunden, wo mit der Hand meiner Sternheim geschrieben stunde, – "ich gehe in alle Ursachen ein, die Sie wegen der Verborgenheit unserer Verbindung angeben; sorgen Sie nur für unsere Trauung; denn ohnvermählt werde' ich nicht fortgehen, ob ich gleich die Verbindung mit einem Engländer allen andern vorziehe."

So ist sie also das Eigentum eines der verwerflichsten Menschen aller Nationen geworden! O – ich verfluche den Tag, wo ich sie sah, wo ich die sympatetische Seele in ihr fand! – und, ewig verdamme Gott den Bösewicht, dem sie sich in die arme warf! Was für Ränke muss der Kerl gebraucht haben! es ist nicht anders möglich, der Kummer hat ihren Verstand zerrüttet. Aber die Briefe, die sie zurückliess, sind in einem so wohltätigen, so edlem Ton und mit so vielem geist geschrieben ! – doch dünkt mich, einst gelesen zu haben, dass just in einer Zerrüttung der künstlichen und gelernten Bewegung des Verstandes die Triebfedern an den Tag kämen, durch welche er von unsern natürlichen und vorzüglichen Neigungen gebraucht wird. Urteilen Sie also von dem edlen Grund des Charakters unsers Fräuleins. –

fräulein von Sternheim

an Emilia

Hier in einem einsamen dorf, allen, die mich sehen, unbekannt, denen, die mich kannten, verborgen, hier fand ich mich wieder, nachdem ich durch meine Eigenliebe und Empfindlichkeit so weit von mir selbst geführt worden, dass ich mit hastigen Schritten einen Weg betrat, vor welchem ich in gelassenen denkenden Tagen mit Schauer und Eifer geflohen wäre. O wenn ich mir nicht sagen könnte, wenn meine Rosine, wenn Mylord Derby selbst nicht zeugen müssten, dass alle Kräfte meiner Seele durch Unmut und Krankheit geschwächt und unterdrückt waren; wo, meine Emilia, wo nähme ich einen Augenblick Ruhe und Zufriedenheit bei dem Gedanken, dass ich heimliche Veranstaltungen getroffenein heimliches Bündnis gemacht und aus dem haus entflohen bin, in welches ich selbst durch meinen Vater gegeben wurde.

Es ist wahr, ich wurde in diesem haus grausam gemisshandelt; es war ohnmöglich, dass ich mit Vertrauen und Vergnügen darin bleiben konnte; gewiss war meine Verbitterung nicht ungerecht; denn wie konnte ich ohne den äussersten Unmut denken, dass mein onkel und meine Tante mich auf eine so niederträchtige Weise ihrem Eigennutze aufopferten und Fallstricke für meine Ehre flechten und legen halfen?

Ich hatte sonst keinen Freund in D., mein Herz empörte sich bei der geringsten Vorstellung, die ich nach wiedererlangter Gesundheit, Verwandte, die mich meines Ruhms beraubt, und diejenigen wiedersehen müsste, die über meinen Widerstand und Kummer gespottet hatten und alle schon lange zuvor die Absichten wussten, welche man durch meine Vorstellung bei hof erreichen wollte. Ja, alle wussten es, sogar mein fräulein C., und keines von allem war edel und menschlich genug, mir, nachdem man doch meinen Charakter kannte, nur den geringsten Fingerzeig zu geben, mir, die ich keine Seele beleidigte, mich bemühte, meine Gesinnungen zu verbergen, sobald sie die ihrige zu tadeln oder zu verdriessen schienen! Wie bereit war ich, alles, was mir Fehler deuchte, zu entschuldigen! Aber sie dachten, es wäre nicht viel an einem Mädchen, aus einer ungleichen Ehe, verloren. Konnte ich bei diesem vollen Übermasse von Beleidigungen, die über meinen Charakter, meine Geburt und meinen Ruhm ausgegossen wurden, den Trost von mir werfen, den mir die achtung und Liebe des Mylord Derby anbot? Die Entfernung des Grafen und der Gräfin R., ihr Stillschweigen auf meine letzten Briefe, die Unart, mit welcher mir die Zuflucht auf meine Güter versagt wurde; und, meine Emilia, ich berge es Ihnen nicht, meine Liebe zu England, der angesehene Stand, zu welchem mich Mylord Derby durch seine Hand und seine Edelmütigkeit erhob; auch diese zwo Vorstellungen hatten grosse Reize für meine verlassene und betäubte Seele. Ich war vorsichtig genug, nicht unvermählt aus meinem haus zu gehen, ich schrieb es dem Fürsten, dem Mylord Crafton und meinem Oheim. Ich nannte meinen Gemahl nicht; wiewohl er so grossmütig war, mir die volle Freiheit dazu zu lassen, ungeachtet er damit die Gnade des Gesandten und seines Hofes verwürkt hätte, weil man den Gedanken fassen konnte, Mylord