Oheim erreichte seinen Zweck; die sorge meiner Liebe verlor sich mit meiner Hochachtung und mit der Hoffnung, die ich immer blindlings behalten hatte. Aber gleichgültig war ich noch nicht; meine Seele war durch das Andenken ihres Geistes und ihrer Tugend gekränkt. Wie glücklich, o Gott, wie glücklich hätte sie mich machen können (rief ich), wenn sie ihrer Erziehung und ihrer ersten Anlage getreu geblieben wäre! Ohne Erinnerung und Bestrafung wollt' ich sie nicht lassen, und der Maskenball dünkte mich ganz bequem zu meinem Vorhaben. Ich machte eine doppelte Maske. In der ersten wollt' ich mich noch von allem überzeugen, was mir von der Vergessenheit ihres Werts und ihrer Pflichten gesagt worden war. Sie kam von allen Grazien begleitet in den Saal; sie trug den Schmuck, welchen der Hofjuwelierer dem Lord gewiesen hatte. Sie war so niederträchtig gefällig, ihre schöne stimme hören zu lassen und ihn nebst der Gesellschaft zur Freude aufzumuntern. Hätte ich Kräfte gehabt, sie ihrer reizenden Gestalt und aller ihrer Talenten zu berauben, ich würde' es in diesem Augenblick getan haben. Leichter wär' es mir gewesen, sie elend, hässlich, ja gar tot zu sehen, als ein Zeuge ihrer moralischen Zernichtung zu sein. Der tiefste Schmerz war in meiner Seele, als ich sie singen hörte und mit dem Fürsten und mit andern Menuette tanzen sah. Aber als er sie um den Leib fasste, an seine Brust drückte und den sittenlosen, frechen Wirbeltanz der Deutschen mit einer aller Wohlstandsbande zerreissenden Vertraulichkeit an ihrer Seite daherhüpfte – da wurde meine stille Betrübnis in brennenden Zorn verwandelt; ich eilte in meine zwote Maske, näherte mich ihrer darin und machte ihr bittere und heftige Vorwürfe über ihre Frechheit, sich mit so vieler Lustigkeit in ihrem schändlichen Putz zu zeigen. Ich setzte hinzu: dass alle Welt sie verachtete, sie, die man angebetet habe. – Meine erste Anrede brachte das vollkommenste Erstaunen in ihr hervor; sie konnte nichts sagen, als ihre Hand gegen die Brust heben – "ich – ich –" stotterte sie – mit der andern wollte sie mich haschen. Aber ich Elender entfloh, ohne auf die wirkung achten zu wollen, die meine Rede machen würde. Nach haus eilte ich, liess mir sechs Postpferde vor meine Chaise geben, nahm meinen alten Dik mit und fuhr sechs Tage ohne zu wissen, wohin; bis ich endlich in einem dorf liegenbleiben musste, wo ich Diken auf das äusserste verbot, jemanden Nachricht von mir zu geben. Mein Gemütszustand ist nicht zu beschreiben; gefühllos, geistlos war ich, missvergnügt, unruhig, und dennoch versagt' ich mir die einzige hülfe, die meine Leiden erforderten – Nachrichten von D. zu haben. Dieser unselige Eigensinn legte den Grund zu der tiefen Traurigkeit, die mich bis an mein Ende begleiten wird. Denn während ich das stumme Wüten meiner unüberwindlichen Liebe in dem äussersten Winkel eines einsamen Dorfes verbarg, um die ersten Triumphtage des Fürsten vorbeirauschen zu lassen, hatte das fräulein den edelsten Widerstand gemacht, hatte aus Kummer beinahe das Leben verloren und war endlich aus dem haus ihres Oheims entwichen, weil man sie nicht auf ihre Güter gehen lassen wollte. Einen monat nach diesem Vorgang kam ich abgezehrt und finster zurück; Mylord empfing mich mit väterlicher Zuneigung; er sagte mir alle Sorgen, die ich ihm verursacht hätte, auch dass er auf den Gedanken geraten sei, ich möchte das fräulein entführt haben.
"Wollte Gott, Sie hätten mir's erlaubt," rief ich; "ich wäre nicht so elend. Aber reden Sie mir nicht mehr von ihr."
Er umarmte mich und sagte:
"Lieber Carl, du musst doch hören was geschehen ist. Sie war doch edel, tugendhaft, alles, was uns zu ihrem Nachteil gesagt wurde, war Betrug, und sie ist entflohen."
Meine Begierde, alles zu wissen, war nun so gross, als vorher meine sorge darüber gewesen war.
Das fräulein soll geglaubt haben, ihre Tante hätte ihren Schmuck neu fassen lassen und lehnte ihn ihr zum Ball; die Kleider habe sie ihrem Kaufmann schuldig zu sein geglaubt; ihr Singen wäre eine gezwungene gefälligkeit gewesen, und sie hätte in einem Brief an den Fürsten eine weisse Maske gesegnet, die ihr alle Bosheiten entdeckt habe, welche ihren Ruhm zernichtet hätten.
"O Mylord", rief ich; "diese weisse Maske war ich; ich habe mit ihr gesprochen und ihr Vorwürfe gemacht; aber gleich nach dieser Unterhaltung eilt' ich fort." Er fuhr fort, mir zu erzählen: das fräulein hätte noch auf dem Ball dem Fürsten seinen Schmuck vor die Füsse geworfen und wäre in der äussersten Beängstigung nach Haus gefahren; sie wäre aber acht Tage sehr krank gelegen und hätte keinen Menschen vor sich gelassen. Bei ihrer Wiederherstellung hätte sie auf ihre Güter zu gehen verlangt, ihr onkel aber hätte sie nicht gehen lassen, und acht Tage darauf, als man dem Prinzen von P. zu Ehren bei hof Lustbarkeiten angestellt, sei sie mit ihrer Kammerjungfer verschwunden. Der Graf und die Gräfin Löbau, die bis morgens bei dem Ball gewesen, und ihre Leute, welche auch nicht früh munter geworden, hätten nicht an das fräulein gedacht, bis nachmittags, da man die Tafel für den Grafen gedeckt hatte, man erst angefangen, das fräulein und ihr Mädchen zu vermissen; aber als man ihre Zimmer aufgesprengt, an ihrer Statt bloss Briefe gefunden habe, einen an den Fürsten