1771_La_Roche_064_65.txt

Schritt, und ich kniete bei ihr mit einer wahren Bewegung von Zärtlichkeit. Sie gab mir ihre hände, konnte aber nicht reden; Tränen fielen aus ihren Augen, die sich zu lächeln bemühten; ich konnte ihre Bestürzung genau nachahmen, denn ich fühlte mich ein wenig beklemmt, und John sagte mir nachher, dass es Zeit gewesen wäre, ihm das Zeichen zu geben, sonst würde er nichts mehr geantwortet haben, indem ihn seine Entschlossenheit beinahe verlassen habe.

Doch das waren leere Aufstossungen unserer noch nicht genug verdauten jugendlichen Vorurteile.

Ich drückte die rechte Hand meines Mädchens an meine Brust.

"Ist sie mein, diese segensvolle Hand? Wollen Sie mich glücklich machen?" – sagte ich mit dem zärtlichsten Tone.

Sie sagte ein stotterndes Ja! und zeigte mit ihrer linken Hand auf ihr Herz. John sah mein Zeichen und trat herbei, tat auf englisch eine kurze Anrede, plapperte die Trauformel hersegnete uns ein, und ichhob meine halb ohnmächtige Sternheim triumphierend auf, drückte sie das erstemal in meine arme und küsste den schönsten Mund, den meine Lippen jemals berührten. Ich fühlte eine mir unbekannte Zärtlichkeit und sprach ihr Mut zu. Einige Minuten blieb sie in ein stillschweigendes Erstaunen verhüllt. Endlich legte sie mit einer bezaubernden Vertraulichkeit ihren schönen Kopf an meine Brust, erhob ihn wieder, drückte meine hände an ihren Busen und sagte:

"Mylord, ich habe nun niemand auf der Erde als Sie und das Zeugnis meines Herzens. Der Himmel wird Sie für den Trost belohnen, den Sie mir geben, und dieses Herz wird Ihnen ewig danken."

Ich umarmte sie und schwur ihr alles zu. Nachdem musste sie mit ihrem Mädchen beiseite gehen und Mannskleider anziehen. Ich liess sie allein dabei, weil ich meiner leidenschaft nicht trauete und die Zeit nicht Verlieren durfte. Wir kamen unbemerkt aus dem haus, und da wegen des Festes, welches man dem Prinzen von ** gab, viel Kutschen aus und ein fuhren, achtete man die meinige nicht, in welcher ich meine Lady und ihr Mädchen fortschickte. John, der seine eigne Gestalt wieder angenommen, war ihr Begleiter. Ich redete ihren Ruheplatz in dem dorf Z* unweit B* mit ihm ab und eilte zum Ball zurück, wo niemand meine Abwesenheit wahrgenommen hatte.13 Ich tanzte meine Reihen mit Fröhlichkeit durch und lachte, als der Fürst dem Englischtanzen nicht zusehen wollte, indem ihn das Andenken der Sternheim quälte.

Das Gelärme, Mutmassen und Nachschicken des zweiten Tages will ich dir in einem andern Briefe beschreiben. Ich reise jetzt auf acht Tage zu meiner Lady, die, wie mir John schreibt, sehr tiefsinnig ist und viel weint.

Sie sehen, meine Freundin, aus den Briefen des ruchlosen Lords Derby, was für abscheuliche Ränke gebraucht wurden, um die beste junge Dame an den Rand des grössten Elendes zu führen. Sie können sich auch vorstellen, wie traurig ich die Zeit zugebracht habe, von dem Augenblick an, da sie vom Ball kam, krank war und dabei immer aus einer bekümmernden Unruhe des Gemüts in die andre gestürzt wurde. Da sie von keinem Menschen mehr Briefe bekam, vermuteten wir, der Fürst und der Graf Löbau liessen sie auffangen. Die Art, mit welcher ihr abgeschlagen wurde, auf ihre Güter zu gehen, und ein Besuch des Fürsten beförderten die Absichten des Lord Derby. Unglücklicherweise betäubte mich der unmenschliche Mann auch, dass ich zu allem half, um meine fräulein aus den Händen ihres onkel zu ziehen.

Sie sehen aus seinen Briefen, wieviel Arglist und Verstand er hatte. Daneben war er ein sehr schöner Mann; und mein fräulein freuete sich, ihre Begierde nach England zu befriedigen.

O wieviel werden Sie noch zu lesen bekommen, worüber Sie erstaunen werden. Ich will so fleissig sein, als mir immer möglich ist, um Sie nicht lange darauf warten zu lassen.

Zweiter teil

Seimour an Doktor T.

zwei Monate sind's, seit ich Ihnen schrieb; seit ich, von Zweifel und Argwohn gemartert, mich von aller Gesellschaft entielte und mich endlich durch einen übelverstandenen Eifer für die Tugend zu dem elendesten Geschöpfe auf der Erde machte. O, wär' ich es allein, ich würde mich glücklich dabei achten; aber ich habe die beste, die edelste Seele zu einem Entschluss der Verzweiflung gebracht; ich bin die Ursache des Verderbens meines angebeteten Fräuleins von Sternheim. Kein Mensch kann mir was von ihrem Schicksal sagen; aber mein Herz sagt mir, dass sie unglücklich ist. Dieser Gedanke frisst das Herz, in welchem er sich ernährt. Aber ich sage Ihnen unbegreifliche Dinge; ich muss mich verständlich machen; Sie wissen, wie missvergnügt ich von dem Feste des Grafen F. zurückkam, und dass ich von diesem Augenblick mich aller Gesellschaft entäusserte. Meine Liebe war verwundet, aber nicht getötet; ich dachte, sie würde durch Verachtung und Fliehen geheilt werden; ich wollte sogar nichts von dem fräulein reden hören; als endlich mein Oheim meine Leidenschaften auf einmal zu löschen glaubte, da er mir die Nachricht gab: dass auf das Geburtsfest des Fürsten ein Maskenball angestellt wäre; dass der Fürst die Maske des Fräuleins tragen würde und sie Kleidung und Schmuck von ihm bekomme. Ich könnte also schliessen, dass sie sich aufgeopfert habe; sie hätte schon vorher Gnaden von ihm erbeten und alles erhalten, was sie verlangt habe; der Fürst käme abends in den Garten des Grafen Löbau, allein von seinem Liebling begleitet usw. – Mein