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mir den folgenden Abend eine zweite Unterredung zu, und ich ging recht munter und voller Anschläge zu Bette.

Meine Hauptsorge war, dem pinselhaften Seimour den Widerstand des Fräuleins und die heroisch ausgezeichnete wirkung seiner unartigen Vorwürfe zu verbergen. Aber da ich nicht erfahren konnte, wo er sich aufhielt, musste ich meine Guineen zu hülfe nehmen und einen Post-Offizier gewinnen, der mir alle Briefe zu liefern versprochen hat, die an das fräulein, an Löbau und an alle Bekannten des Seimour einlaufen werden. Dass sie in ihrem eignen haus keine bekommen kann, bin ich sicher. Sie wollte zwar unverzüglich auf ihre Güter; aber ihr onkel erklärte, dass er sie nicht reisen lasse. Ihr Fieber dauert; sie wünscht zu sterben; sie lässt niemand als den Doktor und ihre Katze vor sich. Die letzte habe ich ganz gewonnen; ich sehe sie alle Nacht, wo ich viel von den Tugenden ihres Fräuleins muss erzählen hören: "Sie ist sehr zärtlich, aber sie wird niemand als einen Gemahl lieben."

Merkst du den Wink?

"Hat sie niemals geliebt?" fragte ich unschuldig.

"Nein, ich hörte sie nicht einmal davon reden oder einen Kavalier loben, als im Anfang unsers Hierseins den Lord Seimour; aber schon lange nennt sie ihn nicht mehr. Von Euer Gnaden Wohltätigkeit hält sie viel."

Ich tat sehr bescheiden und vertraut gegen das Tierchen; und da sie mir im Namen ihres Fräuleins, alle Verteidigung ihrer Ehre, die ich ihr angeboten, untersagte, so setzte ich kläglich hinzu: "Wird sie meine Anwerbung auch verwerfen? Ungeachtet ich sie auch wider den Willen des Lord G. machen müsste, so würde ich doch alles wagen, um sie aus den Händen ihrer unwürdigen Familie zu ziehen und sie in England einer bessern vorzustellen." Ich musste diese Saite anstimmen, weil sie mir selbst den Ton dazu angegeben, und weil ich ihren Ekel für D* und ihren Hang für Engelland benutzen wollte, ehe der Jast von Seimour verlöschen würde und er bei seiner Zurückkunft im Entusiasmus der Belohnung ihrer Tugend so weit ginge, als ihn seine Verachtung geführt hatte. Sie hatte ihn sonst vorzüglich gelobt, jetzt sprach sie nicht mehr von ihm, sie nennte auch den Lord G. nicht. Lauter Kennzeichen einer glimmenden Liebe. Ich fand Wege, ihr kleine satyrische Briefchen zuzuschicken, worin ihrer Krankheit und der Szene, die sie auf dem Ball gespielt hatte, gespottet wurde. Die Geringschätzung, welche Lord G. für sie bezeugte, wurde auch angemerkt. Neben diesem wiederholte ich beinahe alle Tage das Anerbieten meiner Hand, da ich zugleich ihrer freien Wahl überliess: ob ich es bekanntmachen sollte oder ob sie sich meiner Ehre und Liebe anvertrauen wollte. Diese Mine überlasse ich nun dem Schicksal. Lange kann ich nicht mehr herumkriechen. Zwo Wochen daurt es schon, und ohne die Anstalten, die der Hof auf die Ankunft zweier Prinzen von ** macht, hätte ich vielleicht meine Arbeit unterbrechen müssen. John ist ein vortrefflicher Kerl; er will im Fall der Not die Trauungs-Formeln auswendiglernen und die person des englischen Gesandtschaftspredigers spielen. Meine letzten Vorschläge müssen etwas fruchten, denn mit allen ihren strahlenden Vollkommenheiten ist sie dochnur ein Mädchen. Ihr Stolz ist beleidigt, und es ist schwer der gelegenheit zur Rache zu entsagen. Keine Seele nimmt sich ihrer an als ich; auch findet sie mich grossmütig und weiss mir vielen Dank für meine Gesinnungen. Niemals hätte sie dies vermutet; aber sie will mich nicht unglücklich machen, es soll niemand in ihr Elend verwickelt werden. Meine Zurückhaltung, dass ich auf keinen Besuch in ihrem Zimmer dringe, erfreut sie auch, vielleicht deswegen, weil sie sich nicht gerne mit ihrer Fieberfarbe sehen lassen will.

In wenig Tagen muss meine Mine springen, und es dünkt mich, sie soll geraten. Gibst du mir keinen Segen dazu?

Mylord Derby an

seinen Freund

Sie ist mein, unwiderruflich mein; nicht eine meiner Triebfedern hat ihren Zweck verfehlt. Aber ich hatte eine teuflische gefälligkeit nötig, um bei ihr gewisse Gesinnungen zu unterhalten und daneben zu hindern, dass andre keinen Gebrauch von ihrer Empfindlichkeit machten. Aber ihr guter Engel muss sie entweder verlassen haben, oder er ist ein phlegmatisches träges Geschöpfe; denn er tat auf allen Seiten nichts, gar nichts für sie. – Sagte ich dir nicht, dass ich sie durch ihre Tugend fangen würde? Ich habe ihre Grossmut erregt, da ich mich für sie aufopfern wollte; dafür war sie, um nicht meine Schuldnerin zu bleiben, so grossmütig und opferte sich auf. Solltest du es glauben? Sie willigte in ein geheimes Bündnis; einige Bedingungen ausgenommen, die nur einer Schwärmerin, wie sie ist, einfallen konnten. Meine satyrischen Briefe hatten ihr gesagt, dass ihr onkel sie dem Interesse seines Prozesses habe aufopfern wollen; dass man sich um so weniger darüber bedacht hätte, weil man gesagt, die Missheirat ihrer Mutter verdiene ohnehin nicht, dass man für sie die nämliche achtung trüge als für eine Dame.

Nun war alles aufgebracht; Tugend, Eigenliebe, Eitelkeit; und ich bekam das ganze Paket satyrischer Briefe zu lesen. Sie schrieb einen Auszug aus den meinigen und fragte mich: Ob ich durch meine Beobachtungen über ihren Charakter genugsame Kenntnis ihres Herzens und denkart hätte, um von der Falschheit dieser Beschuldigungen überzeugt zu sein? Sie wisse, dass man in England einem mann von Ehre keinen Vorwurf mache, wenn er nach seinem Herzen und