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Haus sehe, in welchem alle mein Wünschen, all mein Vergnügen wohnt; ach P.! –"

Der Baron P. wurde unruhig, weil ihm auf einige Augenblicke der Gedanke kann, sein Freund möchte vielleicht seine Gemahlin lieben und meide deswegen sein Haus, weil er sich zu bestreiten suche. Er beschloss, achtsam und zurückhaltend zu sein. Der Oberste hatte still gesessen, und der Baron war auch aus seiner Fassung. Endlich fing der letztere an: "Mein Freund, Ihr Geheimnis ist mir heilig; ich will es nicht aus Ihrer Brust erpressen. Aber Sie haben mir Ursache gegeben zu denken, dass ein teil dieses Geheimnisses mein Haus angehe: Darf ich nicht nach diesem Teile fragen?"

"Nein! Nein, fragen Sie nichts, und überlassen Sie mich mir selbst." – Der Baron schwieg, und reiste traurig und tiefsinnig fort.

Den andern Tag kam der Oberste, bat den Baron um Vergebung, dass er ihn gestern so trocken heimreisen lassen, und sagte, dass es ihn den ganzen Abend gequält hätte. "Lieber Baron", setzte er hinzu, "Ehre und Edelmut binden meine Zunge! Zweifeln Sie nicht an meinem Herzen, und lieben Sie mich!"

Er blieb den ganzen Tag in P., – fräulein Sophie und fräulein Charlotte wurden von ihrem Bruder gebeten, alles zu Ermunterung seines Freundes beizutragen. Der Oberste hielt sich aber meistens um die alte Dame und die Gemahlin des baron auf. Abends spielte fräulein Charlotte die Laute, der Baron und zwei Bediente akkompagnierten sie, und fräulein Sophie wurde so inständig gebeten zu singen, dass sie endlich nachgab.

Der Oberste stellte sich in ein Fenster, wo er bei halb zugezogenem Vorhang das kleine Familien-Konzert anhörte und so eingenommen wurde, nicht wahrzunehmen, dass die Gemahlin seines Freundes nahe genug bei ihm stunde, um ihn sagen zu hören: "O Sophie, warum bist du die Schwester meines Freundes? Warum bestreiten die Vorzüge deiner Geburt die edle, die zärtliche Neigung meines Herzens! –"

Die Dame wurde bestürzt; und um die Verwirrung zu vermeiden, in die er geraten sein würde, wenn er hätte denken können, sie habe ihn gehört, entfernte sie sich; froh, ihrem Gemahl die sorge benehmen zu können, die ihn wegen der Schwermut des Obersten plagte. – Sobald alles schlafen gegangen war, redete sie mit ihm von dieser Entdeckung. Der Baron verstund nun, was ihm der Oberste sagen wollte, da er sich wegen des vermeinten Kaltsinns verteidigte, dessen er beschuldigt wurde. "Wäre Ihnen der Oberste als Schwager ebenso lieb, wie er es Ihnen als mein Freund ist?" – fragte er seine Gemahlin.

"Gewiss, mein Liebster! Sollte denn das Verdienst des rechtschaffnen Mannes nicht so viel Wert haben, als die Vorzüge des Namens und der Geburt!"

"Werte edle Hälfte meines Lebens", rief der Baron, "so helfen Sie mir die Vorurteile bei meiner Mama und bei Sophien überwinden!" –

"Ich fürchte die Vorurteile nicht so sehr als eine vorgefasste Neigung, die unsre liebe Sophie in ihrem Herzen nährt. Ich kenne den Gegenstand nicht, aber sie liebt, und liebt schon lange. Kleine Aufsätze von Betrachtungen, von Klagen gegen das Schicksal, gegen Trennung, – die ich in ihrem Schreibetische gefunden habe, überzeugten mich davon. Ich habe sie beobachtet, aber weiter nichts entdecken können." "Ich will mit ihr reden", sagte der Baron, "und sehen, ob ihr Herz nicht durch irgendeine Lücke auszuspähen ist."

Den Morgen darauf ging der Baron zu fräulein Sophie, und nach vielen freundlichen fragen um ihre Gesundheit nahm er ihre hände in die seinigen. "Liebe teure Sophie", sprach er, "du gibst mir Versicherung deines Wohlseins; aber warum bleibt dir die leidende Miene? warum der Ton des Schmerzens; warum der Hang zur Einsamkeit! warum entfliehen diesem edlen gütigen Herzen so viele Seufzer? – O wenn du wüsstest; wie sehr du mich diese lange Zeit deiner Melancholie durch bekümmert hast; du würdest mir dein Herz nicht verschlossen haben !"

Hier wurde ihre Zärtlichkeit überwältigt. – Sie zog ihre hände nicht weg, sie drückte ihres Bruders seine an ihre Brust, und ihr Kopf sank auf seine Schulter. "Bruder, du brichst mein Herz ! ich kann den Gedanken nicht ertragen, dir Kummer gemacht zu haben! Ich liebe dich wie mein Leben; ich bin glücklich, ertrage mich, und rede mir niemals vom Heiraten."

"Warum das, mein Kind? Du würdest einen rechtschaffenen Mann so glücklich machen!"

"Ja, ein rechtschaffener Mann würde auch mich glücklich machen; aber ich kenne –" Tränen hinderten sie, mehr zu sagen. –

"O Sophiehemme die aufrichtige Bewegung deiner Seele nicht; schütte ihre Empfindungen in den treuen Busen deines Bruders ausKind! ich glaube, es gibt einen Mann, den du liebst, mit dem dein Herz ein Bündnis hat." –

"Nein, Bruder! mein Herz hat kein Bündnis –"

"Ist dieses wahr, meine Sophie?"

"Ja, mein Bruder, ja – –"

Hier schloss sie der Baron in seine arme. – "Ach, wenn du die entschlossne, die wohltätige Seele deiner Mutter hättest!" –

Sie erstaunte. "Warum, mein Bruder? was willst du damit? bin ich übeltätig gewesen?"

"