, mit allem weiblichen Eigensinn ihre Grundsätze zu behaupten. Die trockne Höflichkeit des Mylord G., die argwöhnische und kalte Miene des Seimour beleidigt die Überzeugung, die sie von dem Werte ihrer Tugend hat. Ich beweise ihr Ehrerbietung; ich bewundere ihren seltnen Charakter und achte mich nicht würdig, ihr von Liebe zu reden, bis ich nach ihrem Beispiel umgebildet sein werde; und so werde ich sie, in dem Harnisch ihrer Tugend und den Banden der Eigenliebe verwickelt, zum Streit mit mir untüchtig sehen; wie man die Anmerkung von den alten Kriegsrüstungen machte, unter deren Last endlich der Streiter erlag und mit seinem schönen festen Panzer gefangen wurde. Sage mir nichts mehr Von der frühen Sättigung, in welche mich der so lange gesuchte Genuss der schönen frommen *** brachte, und dass mich, nach aller Mühe, mit dieser Tugend das nämliche Schicksal erwarte. Du bist weit entfernt, eine richtige idee von der seltenen Kreatur zu haben, von der ich dir schreibe. Eine zärtliche Andächtige hat freilich ebensoviel übertriebne Begriffe von der Tugend als meine Sternheim, und es ist angenehm, alle diese Gespenster aus einer liebenswürdigen person zu verjagen; aber der Unterschied ist dieser: so wie die Devote bloss aus Zärtlichkeit für sich selbst den schrecklichen Schmerzen der Hölle durch Frömmigkeit zu entfliehen und hingegen den Genuss der ewigen Wonne zu erhalten sucht, folglich aus lauter Eigennutz tugendhaft ist, und Furcht der Hölle und Begierde nach dem Himmel allein aus dem feinen Gefühl ihrer Sinnen quillt, so kann auch ihre Ergebung an einen Liebhaber allein aus der Vorstellung des Vergnügens der Liebe kommen; denn wenn die Sinnen nicht so viel bei frommen Leuten gälten, woher kämen wohl die sinnlichen Beschreibungen ihrer himmlischen Freuden und woher die entzückte Miene, mit welcher sie Leckerbissen verkäuen?
Aber meine Moralistin ist ganz anders gestimmt; sie setzt ihre Tugend und ihre Glückseligkeit in lauter Handlungen zum Besten des Nebenmenschen. Pracht, Gemächlichkeit, delikate speisen, Ehrenbezeugungen, Lustbarkeiten – nichts kann bei ihr dem Vergnügen, Gutes zu tun, die Waagschale halten, und aus diesem Beweggrunde wird sie einst die Wünsche ihres Verehrers krönen, und das nämliche Nachdenken, das sie hat, alles Übel der Gegenstände ihrer Wohltätigkeit zu erleichtern und neues Glück für sie zu schaffen, dieses Nachdenken wird sie auch zur Vergrösserung meines Vergnügens verwenden, und ich halte für unmöglich, dass man ihr satt werden sollte. Doch in kurzer Zeit werde ich dir Nachricht davon geben können, denn die Komödie eilt zum Schlusse, weil die leidenschaft des Fürsten so heftig wird, dass man die Anstalten zu ihrer Verwicklung eifriger betreibt und Feste über Feste veranstaltet.
fräulein von Sternheim
an Emilia
Würden Sie, liebste Emilia, jemals geglaubt haben, dass es eine Stunde meines Lebens geben könnte, in der mich reuete, Gutes getan zu haben? Und sie ist gekommen, diese Stunde, in welcher ich mit dem warmen Eifer meines Herzens für das verbesserte Wohlergehen meines nächsten unzufrieden war und den Streit zwischen Mein und Dein empfunden habe. Sie wissen aus meinen vorigen Briefen, was es mich kostete, den Fürsten um eine Gnade für die Familie T* zu bitten. Sie kennen die Beweggründe meiner Abneigung und Überwindung derselben; aber die verdoppelte Beunruhigung, die mir damit durch den Fürsten und Mylord Derby zugekommen ist, gab mir die Stärke des Unmuts, der mich zur Unzufriedenheit mit meinem Herzen brachte. Der Fürst, welcher mich in Gesellschaften mit seinen Blicken und Unterredungen mehr als zuvor verfolgt, scheute sich nicht, bei einem Piquet, das ich mit ihm spielte, Ausrufungen über meine Annehmlichkeiten zu machen, und dieses mit einem Ton, worin leidenschaft war und der alle Leute aufmerksam machte. Mylord Derby war eben vom Pharao-Tisch zu uns gekommen, und da ich in der Verwirrung, in die ich aus Zorn und Verlegenheit über die Aufführung des Fürsten geriet, ungefähr meine Augen auf Derby richtete, sah ich wohl den Ausdruck einer heftigen Bewegung in seinem Gesicht, und dass er sich, nachdem seine Augen den Fürsten etwas wild angesehen, wegbegab und wie ein verwirrter Mensch spielte: Aber das konnte ich nicht sehen, dass ich von ihm noch den nämlichen Abend auf das äusserste beunruhigt werden sollte. Der Fürst verlor viel Geld an mich; ich hatte bemerkt, dass er mit Vorsatz schlecht spielte, wenn er allein gegen mich war; dieses verdross mich; seine Absicht mag gewesen sein, was sie will, sein Geld freute mich nicht, und ich sagte: dass ich es den Kindern des Rats T* noch den Abend geben wollte. Derby musste es gehört haben und fasste den Entschluss, mich zu belauschen und bei dem Rat T* zu sprechen. Listig fing er es an; denn als ich eine kleine Weile da war, kam er an das Haus, fragte nach der Frau T* und sagte dieser: er sei Sekretär bei Mylord G. und hätte mir etwas für ihre Familie zu bringen. Die Frau, von der Hoffnung eines grossen Geschenks eingenommen, holte ihren Mann und Kinder samt der Rosine aus dem Zimmer, wo ich war, und ehe ich sie fragen konnte, was sie wollte, trat sie mit Mylord Derby herein, meldete mir ihn als Sekretär, redete von seinem an sie habenden Geschenke und begab sich weg. Erstaunen und Unmut betäubten mich lange genug, dass Mylord zu meinen Füssen knien und mir seine Entschuldigungen und Abbitten machen konnte, ehe ich fähig war, über sein Eindringen meine Klage zu führen. Ich tat es mit wenigen ernstaften Worten