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Unterkleid und die schöne erhöhete Farbe, die ihr mein Anblick und meine Unterredung gab, machten sie unbeschreiblich reizend.

Als sie einige Minuten da war, pochte ich an die tür und rief sachte nach der Madam T*. Sie kam; ich sagte ihr, dass ich Sekretär bei Mylord G. wäre, der mich mit einem Geschenk für ihre Familie zu dem fräulein von Sternheim geschickt hätte, der ich es selbst übergeben solle und mit ihr deswegen zu reden habe; die Frau hiess mich einen Augenblick warten und lief hin, ihren Mann und ihre Kinder in ein ander Zimmer zu schaffen; sie winkte mir sodann. Ich Narr zitterte beinahe, als ich den ersten Schritt in die tür trat; aber die kleine Angst, die das Mädchen befiel, erinnerte mich noch zu rechter Zeit an die Oberherrschaft des männlichen Geistes, und eine überbleibende Verwirrung musste mir dazu dienen, mein gezwungenes Eindringen zu beschönen. Ehe sie sich von ihrem Erstaunen, mich zu sehen, erholen konnte, war ich zu ihren Füssen; machte in unsrer Sprache einige lebhafte Entschuldigungen wegen des Überfalls und wegen des Schreckens, den ich ihr verursacht, aber es sei mir unmöglich gewesen, noch länger zu leben, ohne ihr das Geständnis der lebhaftesten Verehrung zu machen, und dass, da mir durch Mylord G. die vielen Besuche in dem haus ihres Oncles untersagt worden, und ich gleichwohl mit Augen gesehen, dass andere die Kühnheit hätten, ihr ihre Gesinnungen zu zeigen, so wollte ich nur das Vorrecht haben, ihr zu sagen, dass ich sie wegen ihrem seltenen Geist verehrte, dass ich Zeuge von ihrer ausübenden Tugend gewesen wäre und sie allein mich an den Ausspruch des Weisen erinnert hätte, der gesagt, dass wenn die Tugend in sichtbarer Gestalt erschiene, niemand der Gewalt ihrer Reizungen würde widerstehen können; dass ich dieses Haus als einen Tempel betrachtete, in welchem ich zu ihren Füssen die Gelübde der Tugend ablegte, welche ich durch sie in ihrer ganzen Schönheit hätte kennenlernen, dass ich mich nicht würdig schätzte, ihr von Liebe zu reden, ehe ich mich ganz umgebildet hätte, wobei ich ihr Beispiel zum Muster nehmen würde. Meine Erscheinung und der Jast der Leidenschaften, in welchem ich zu ihr sprach, hatte sie wie betäubt und auch anfangs etwas erzürnt; aber das Wort Tugend, welches ich etlichemal aussprach, war die Beschwörung, durch welche ich ihren Zorn besänftigte und ihr alle Aufmerksamkeit gab, die ich nötig hatte, um mir ihre Eitelkeit gewogen zu machen. Ich sah auch, wie mitten unter den Runzeln, die der Unmut der jungfräulichen Sittsamkeit über ihre Stirne gezogen hatte, da sie mich etlichemal unterbrechen und forteilen wollte, mein Plato mit seiner sichtbar gewordenen Tugend diese ernstaften Züge merklich aufheiterte und der feinste moralische Stolz auf ihren zur Erde geschlagnen Augen sass. Diese Bemerkung war mir für diesmal genug, und ich endigte meine ganz zärtlich gewordene Rede mit einer wiederholten demütigen Abbitte meiner Überraschung.

Sie sagte mit einer etwas zitternden stimme: Sie bekenne, dass mein Anblick und meine Anrede ihr sehr unerwartet gewesen sei, und dass sie wünschte, dass mich meine Gesinnungen, wovon ich ihr redete, abgehalten hätten, sie in einem fremden haus zu überraschen.

Ich machte einige bewegliche Ausrufungen, und mein Gesicht war mit der Angst bezeichnet, ihr missfallen zu haben; sie betrachtete mich mit Sorgsamkeit und sagte: "Mylord, Sie sind der erste Mann, der mir von Liebe redt und mit dem ich mich allein befinde; beides macht mir Unruhe; ich bitte Sie, mich zu verlassen und mir dadurch eine probe der Hochachtung zu zeigen, die Sie für meinen Charakter zu haben vorgeben."

"Vorgeben! O Sternheim, wenn es vorgebliche Gesinnungen wären, so hätte ich mehr Vorsicht gebraucht, um mich gegen Ihren Zorn zu bewahren. Anbetung und Verzweiflung war's, die mich zu der Verwegenheit führten, hieher zu kommen; sagen Sie, dass Sie mir meine Verwegenheit vergeben und meine Verehrung nicht verwerfen."

"Nein, Mylord, die wahre Hochachtung des rechtschaffenen Mannes werde ich niemals verwerfen; aber wenn ich die Ihrige erhalten habe, so verlassen Sie mich."

Ich erhaschte ihre Hand, küsste sie und sagte zärtlich und eifrig: "Göttliches, anbetungswürdiges Mädchen! ich bin der erste Mann, der dir von Liebe redet: O wenn ich der erste wäre, den du liebtest!"

Seimour fiel mir ein, es war gut, dass ich ging; an der Tür legte ich mein Paket Geld hin und sagte zurück: "geben Sie es der Familie."

Sie sah mir mit einer leutseligen Miene nach; und seitdem habe ich sie zweimal in Gesellschaften gesehen, wo ich mich in einer ehrerbietigen Entfernung halte und nur sehr gelegen etliche Worte von Anbetung, Kummer oder so etwas sage und, wenn sie mich sehen oder hören kann, mich sehr weislich und züchtig aufführe.

Von Mylord G. weiss ich, dass man bei Hof verschiedene Anschläge macht, ihren Kopf zu gewinnen; das Herz, denken sie, haben sie schon, weil sie gerne Gutes tut und ihr der Fürst alles bewilligen wird. Man hält in ihrer Gegenwart immer Unterredungen von der Liebe und galanten Verbindungen, die man leicht, und was man in der Welt philosophisch heisst, beurteilt. Alles dieses dient mir; denn je mehr sich die andern bemühen, ihre Begriffe von Ehre und Tugend zu schwächen und sie zum Vergessen derselben zu verleiten; je mehr wird sie gereizt