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ihr Gnade für die Familie versprochen, und setzte etwas von dem Notstande dieser Leute hinzu. Dieses fasste ich mir, um gleich den andern Tag etwas für sie zu tun, ehe der Fürst die Bitte der Sternheim erfüllte. Ich ging nach meiner Gewohnheit in dem Überrock meines Kerls an die Fenster des Speisesaals vom Grafen Löbau, weil ich alle Tage wissen wollte, wer mit meiner Schönen zu Nacht esse; kaum war ich in der Gasse, so sah ich Tragsessel kommen, die an dem haus hielten, zwo ziemlich verkappte Frauenzimmer kamen an die Tür und ich hörte die stimme der Sternheim deutlich sagen, zu Rat T* am S*** Garten. Ich wusste das Haus, lief in mein Zimmer, holte mir Geld und warf es, da sie noch da war, bei dem Rat T* durchs Fenster, an welchem das fräulein sass, murmelte einige Worte von Freude über die Wohltätigkeit, und als man an die tür kam, eilte ich davon. Zauberkraft war in meinen Worten; denn da ich zwei Tage darauf dem fräulein in Graf F-s haus entgegenging, um ihr meine angenommene Ehrerbietung zu bezeugen, bemerkte ich, dass ihr schönes Auge sich mit einem Ausdruck von achtung und Zufriedenheit auf meinem gesicht verweilte; sie fing an, mir etliche Worte auf englisch zu sagen, aber da sie sehr spät gekommen war, wurde ihr gleich vom jungen Grafen F* eine Karte zu ziehen angeboten; sie sah sich unschlüssig, wie durch eine Ahndung, um und zog einen König, der sie zur Partie des Fürsten bestimmte.

"Musste ich just diese ziehen", sagte sie, mit unmutiger stimme; aber sie hätte lange wählen können, sie würde nichts als Könige gezogen haben, dann der Graf F* hatte keine andre Karten in der Hand, und ihre Tante war mit Bedacht spat gekommen, da alle Spieltische besetzt und der Fürst just als von ungefähr in die Gesellschaft gekommen und so höfisch war, keinem sein Spiel nehmen zu wollen, sondern dem Zufall unter der Leitung des diskreten F. die sorge übertrug, ihm jemand zu schaffen. Der französische Gesandte und die Gräfin F* machten die Partie mit; mein Pharaon erlaubte mir manchmal, hinter den Stuhl des Fürsten zu treten und meine Augen dem fräulein etwas sagen zu lassen; bezaubernde, unnachahmliche Anmut begleitete alles, was sie tat; der Fürst fühlte es einst, als sie mit ihrer schönen Hand Karten zusammenraffte, so stark, dass er hastig die seinige ausstreckte, einen ihrer Finger fasste und mit Feuer ausrief: "Ist es möglich, dass in P** alle diese Grazien erzogen wurden? Gewiss, Herr Marquis, Frankreich kann nichts Liebenswürdigers zeigen."

Der Gesandte hätte kein Franzose und kein Gesandter sein müssen, wenn er es nicht bekräftiget hätte, wäre er auch nicht davon überzeugt gewesen; und meine Sternheim glühete von Schönheit und Unzufriedenheit. Denn die Blicke des Fürsten mögen noch lebhafter gewesen sein als der Ton, mit welchem er redete. Mein Mädchen mischte die Karte mit niedergeschlagenem Auge fort. Als sie selbige austeilte, machte ich eine Wendung; sie blickte mich an; ich zeigte ihr ein nachdenkendes, trauriges gesicht, mit welchem ich sie ansah, meine Augen auf den Fürsten heftete und mit schnellem Schritte mich an den Pharao-Tisch begab, wo sie mich spielen sehen konnte. Ich setzte stark und spielte zerstreut; meine Absicht war, die Sternheim denken zu machen, dass meine Beobachtung der Liebe des Fürsten gegen sie Ursache an der Nachlässigkeit für mein Glück und der scheinbaren Zerstreuung meiner Gedanken sei. Dieses konnte sie nicht anders als der Stärke meiner leidenschaft für sie zuschreiben, und es ging, wie ich es haben wollte. Sie war auf alle meine Bewegungen aufmerksam. Als die Spiele geendigt waren, ging ich schwermütig zu dem Piquet, eben da das fräulein ihr gewonnenes Geld zusammenfasste; es war viel und alles von dem Fürsten.

"Heute noch", sagte sie, "sollen es die Kinder des Rats T* bekommen, denen ich sagen werde, dass Euere Durchlaucht ihnen zulieb es so grossmütig verloren haben."

Der Fürst sah sie lächelnd und vergnügt an, und ich riss mich aus dem Zimmer weg, mit dem Entschluss auf sie zu lauren, wenn sie zum Rat T* ginge, um mich dort einzudringen und ihr von meiner Liebe zu reden. Den ganzen Nachmittag hatte sie mich mit Tiefsinn und Heftigkeit wechselsweise behaftet gesehen; mein Eindringen konnte auf die Rechnung meiner starken leidenschaft geschrieben werden. Ich habe ohnehin während meinem Aufentalt in Deutschland gefunden, dass ein günstiges Vorurteil für uns darin herrschet, kraft dessen man von unsern verkehrtesten Handlungen auf das gelindeste urteilt, ja, sie noch manchmal als Beweise unsrer grossen und freien Seelen ansieht.

Bei dieser Kunst, den Augenblick des Zufalls zu benutzen, habe ich mehr gewonnen, als ich durch ein ganzes Jahr Seufzen und Winseln erhalten hätte. Lies diese Szene und bewundere die Gegenwart des Geistes und die Gewalt, die ich über meine sonst unbändige Sinnen in der ganzen halben Stunde hatte, die ich allein, ganz allein mit meiner Göttin in einem Zimmer war und ihre schöne Figur in der allerreizendsten Gestalt vor mir sah. Sie war nach haus gegangen, um ihr Oberkleid und ihren Kopfputz abzulegen und warf nur einen grossen Mantel und eine Kappe über sich, als sie sich zu Rat T* tragen liess. Die Kappe, welche sie abzog, nahm allen Puder von ihren KastanienHaaren hinweg und brachte auch die Locken etwas in Unordnung; ein kurzes