sei. Ich sagte auch ganz munter: er hätte meine Bitte in Gnaden angehört und zugesagt. Die Düsternheit des Mylords Derby verlor sich und blieb nur nachdenkend, aber ganz heiter, und die übrigen zeigten mir ihren Beifall über meine Fürbitte mit Worten und Gebärden. Aber was denken Sie, meine Emilia, wie mir war, als ich nach der Gesellschaft mich nur auszog und einen Augenblick mit meiner Rosine in einem Tragsessel mich zum Rat T* bringen liess, der gar nicht weit von uns wohnt; ich wollte den guten Leuten eine vergnügte Ruhe verschaffen, indem ich ihnen die Gnade des Fürsten versicherte. Ich hatte mich nahe an das Fenster, welches in eine kleine Gasse gegen einen Garten geht, gesetzt. Eltern und Kinder waren um mich versammelt; der Rat T* hatte auf mein Zureden neben mir auf der Bank Platz genommen, und ich zog die Frau mit meiner Hand an mich, indem ich beiden sagte: "Bald, meine lieben Freunde, werde ich Sie mit einem vergnügten gesicht sehen, denn der Fürst hat dem Herrn Rat ein Amt und andre hülfe versprochen."
Die Frau und die zwei ältesten Kinder knieten vor mich hin mit Ausrufung voll Freude und Danks. Im nämlichen Augenblick pochte jemand an den Fensterladen; der Rat T* machte das Fenster und den Laden auf, und es flog ein Paket mit Geld herein, das ziemlich schwer auffiel und uns alle bestürzt machte. Eilends näherte ich meinen Kopf dem Fenster und hörte ganz deutlich die stimme des Mylords Derby, der auf englisch sagte: "Gott sei Dank, ich habe etwas Gutes getan, mag man mich wegen meiner Lustigkeit immer für einen Bösewicht halten!"
Ich bekenne, dass mich seine Handlung und seine Rede in der Seele bewegte, und mein erster Gedanke war: Vielleicht ist Mylord Seimour nicht so gut, als er scheint, und Derby nicht so schlimm, als von ihm gedacht wird. Die Frau T* war an die Haustüre geloffen und rief: "Wer sind Sie?" Aber er eilte davon wie ein fliehender Vogel. Das Paket wurde aufgemacht und funfzig Karolinen darin gefunden. Urteilen Sie von der Freude, die darüber entstand. Eltern und Kinder weinten und drückten sich wechselsweise die hände; wenig fehlte, dass sie nicht das Geld küssten und an ihr Herz drückten. Da sah ich den Unterschied zwischen der wirkung, welche die Hoffnung eines Glücks und der, die der wirkliche Besitz desselben macht. Die Freude über das versprochene Amt war gross, doch deutlich mit Furcht und Misstrauen vermengt; aber fünfzig Karolinen, die man in die hände fasste, zählte und ihrer sicher war, brachten alle in Entzückung. Sie fragten mich: was sie mit dem Gelde anfangen sollten? Ich sagte zärtlich: "Meine lieben Freunde, gebrauchen Sie es sorgfältig, als wenn Sie es mit vieler Mühe erworben hätten und als ob es der ganze Rest Ihres Glücks wäre, denn wir wissen noch nicht, wann oder wie der Fürst für Sie sorgen wird." Ich ging sodann nach haus und war mit meinem Tage vergnügt.
Ich hatte durch meine Fürbitte die Pflicht der Menschenliebe ausgeübt und den Fürsten zu einer Ausgabe der Wohltätigkeit gebracht, wie ihn andre zu Ausgaben von Wollust und Üppigkeit verleiteten. Ich hatte die Herzen trostloser Personen mit Freude erfüllt und das Vergnügen genossen, von einem für sehr boshaft gehaltenen Mann eine edle und gute Handlung zu sehen. Denn wie schnell hat Mylord D. die gelegenheit ergriffen, Gutes zu tun? An dem Spieltische meiner Tante hört er ungefähr von einem mitleidenswürdigen haus reden und erkundigt sich gleich mit so vielem Eifer darnach, dass er noch den nämlichen Abend eine so freigebige, wahrhaftig engländische hülfe leistet.
Er dachte wohl nicht, dass ich da wäre, sondern zu haus an der Tafel sitzen würde, sonst sollte er nicht englisch geredet haben. In Gesellschaften hörte ich ihn oft gute Gesinnungen äussern; aber ich hielte sie für Heucheleien eines feinen Bösewichts; allein die freie, allen Menschen unbekannte Handlung kann unmöglich Heuchelei sein. O möchte er einen Geschmack an der Tugend finden und ihr seine Kenntnisse weihen! Er würde einer der hochachtungswürdigsten Männer werden.
Ich kann mich nun nicht verhindern, ihm einige Hochachtung zu bezeugen, weil er sie verdient. Seinen feinen Schmeicheleien, seinem Witz und der Ehrerbietung, die er mir beweist, hätte ich sie niemals gegeben. Es kann oft geschehen, dass äusserliche Annehmlichkeit uns die Aufwartung und vielleicht die stärkste leidenschaft des grössten Bösewichts zuzieht. Aber wie verachtungswert ist ein Frauenzimmer, die einen Gefallen daran bezeugt und sich wegen diesem armen Vergnügen ihrer Eigenliebe zu einer Art von Dank verbunden hält. Nein! niemand als der Hochachtungswürdige soll hören, dass ich ihn hochschätze. Zu meiner Höflichkeit ist die ganze Welt berechtigt; aber bessere Gesinnungen müssen durch Tugenden erworben werden.
Nun glaube ich aber nötig zu sagen, dass mein ganzer Plan für die Familie T* umgearbeitet werden müsse, wenn sie ein sicheres Einkommen erhalten. Ich überlasse es Ihrem gutdenkenden und aller Klassen der Moral und Klugheit kundigen mann, diesen Plan brauchbar zu machen. Ich bitte Sie aber bald darum. Und da meine Augen vor Schlaf zufallen, wünsche ich Ihnen, meine teure Emilia, gute Nacht.
fräulein von Sternheim
an Frau T*
Ich danke Ihnen, werte Madam T*, für das Vergnügen, welches Sie mir durch Ihre Offenherzigkeit gemacht haben; ich versichre Sie dagegen meiner wahren Freundschaft und eines unermüdeten Eifers, Ihnen zu dienen.
Sie wissen von meinem letzten Besuch,