. Ich wurde unmutig, keine Hand zu finden, die sich mit der meinigen zu diesem Werk der Wohltätigkeit vereinigen wollte; mit dem Fürsten redete ich sehr ungern, ich konnte auf seine Bereitwilligkeit zählen, denn seine Neigung für mich hatte ich schon deutlich genug gesehen, aber eben daher entstund meine Unschlüssigkeit, ich wünschte, immer in einer Entfernung von ihm zu bleiben, und meine Fürbitte, seine Zusage und mein Dank nähern mich ihm und seinen Lobsprüchen, nebst den Erzählungen, die er mir schon von neuen, ihm bisher unbekannten Gesinnungen, die ich ihm einflösste, zweimal gemacht hat. Etliche Tage kämpfte ich mit mir, aber da ich den vierten Abend einen Besuch in dem trostlosen haus machte, die Eltern froh über meine Gaben, das Haus aber noch leer von Notdürftigkeiten und mit sechs teils grossen, teils kleinen Kindern besetzt sah, o da hiess ich meine Empfindlichkeit für meine Ruhe und Ideen derjenigen weichen, welche mich zum Besten dieser Kinder einnahm; sollte die Delikatesse meiner Eigenliebe nicht der Pflicht der hülfe meines notleidenden nächsten Platz machen, und der Widerwille, den mir die aufglimmende Liebe des Fürsten erreget, sollte dieser das Bild der Freude verdrängen, welche durch die Erhaltung eines Amts und Einkommens in diese Familie kommen würde. Ich war der achtung gewiss, die er für denselben hätte; und was dergleichen mehr war. Man hatte mich der hülfe versichert; mein Herz wusste, dass mir die Liebe des Fürsten ohne meine Einwilligung nicht schädlich sein konnte; ich führte also gleich den andern Tag meinen Entschluss aus, da wir bei der Prinzessin von W* im Konzert waren und ich meine stimme hören lassen musste. Der Fürst schien entzückt und ersuchte mich einigemal, mit ihm im Saal auf und ab zu gehen. Sie können denken, dass er mir viel von der Schönheit meiner stimme und der Geschicklichkeit meiner Finger redete, und dass ich diesem Lob einige bescheidne Antworten entgegensetzte; aber da er den Wunsch machte, mir seine Hochachtung durch etwas anders als Worte beweisen zu können, so sagte ich, dass ich von seiner edlen und grossmütigen denkart überzeugt wäre und mir daher die Freiheit nähme, seine Gnade für eine unglückliche Familie zu erbitten, die der hülfe ihres Landesvaters höchst bedürftig und würdig sei.
Er blieb stillestehen, sah mich lebhaft und zärtlich an: "Sagen Sie mir, liebenswürdiges fräulein Sternheim: wer ist diese Familie? was kann ich für sie tun?" Ich erzählte ihm kurz, deutlich und so rührend, als ich konnte, das ganze Elend, in welchem sich der Rat T* samt seinen Kindern befänden, und bat ihn um der letzteren willen, Gnade und Nachsicht für den erstern zu haben, der seine Unvorsichtigkeit schon lange durch seinen Kummer gebüsset hätte. Er versprach mir alles Gute, lobte mich wegen meinem Eifer und setzte hinzu, wie gerne er Unglücklichen zu hülfe komme; aber, dass er wohl einsehe, dass diejenigen, die ihn umgäben, immer zuerst für sich und die Ihrigen besorgt wären; ich würde ihm vieles Vergnügen machen, wenn ich ihm noch mehr Gegenstände seiner Wohltätigkeit anzeigen wollte.
Ich versicherte ihn, dass ich seine Gnade nicht missbrauchen würde, wiederholte nochmals ganz kurz meine Bitte für die Familie T*.
Er nahm meine Hand, drückte sie mit seinen beiden Händen und sagte mit bewegtem Ton: "Ich verspreche Ihnen, meine liebe, eifrige Fürbitterin, dass alle Wünsche Ihres Herzens erfüllt werden sollen, wenn ich erhalten kann, dass Sie gut für mich denken."
Diesen Augenblick verwünschte ich beinahe mein mitleidendes Herz und die Familie T*; denn der Fürst sah mich so bedeutend an, und da ich meine Hand wegziehen wollte, so hielt er sie stärker und erhob sie gegen seine Brust. "Ja, wiederholte er, alles werde ich anwenden, um Sie gut für mich denken zu machen."
Er sagte dieses laut und mit einem so feurigen und unruhvollen Ausdruck in seinem gesicht, dass sich viele Augen nach uns wendeten und mich ein kalter Schauer ankam. Ich riss meine Hand los und sagte mit halb gebrochner stimme, dass ich nicht anders als gut von dem Fürsten denken könne, der so willig wäre, seinen unglücklichen Landeskindern väterliche Gnade zu beweisen; machte dabei eine grosse Verbeugung und stellte mich mit etwas Verwirrung hinter den Stuhl meiner Tante. Der Fürst soll mir nachgesehen und mit dem Finger gedroht haben. Mag er immer drohen; ich werde nicht mehr mit ihm spazierengehen und will meinen Dank für seine Wohltat an T* nicht anders als mitten im Kreis ablegen, den man allezeit bei seinem Eintritt im Saal bei hof um ihn schliesst.
Alle Gesichter waren mit Aufmerksamkeit bezeichnet, und noch niemals hatte ich an den Spieltischen eine so allgemeine Klage über zerstreute Spieler und Spielerinnen gehört. Ich fühlte, dass ihre Aufmerksamkeit auf mich und den Fürsten Ursache daran war und konnte mich kaum von meiner Verwirrung erholen. Mylord Derby sah etwas traurig aus und schien mich mit Verlegenheit zu betrachten; er war in ein Fenster gelehnt und seine Lippen bewegten sich wie eines Menschen, der stark mit sich selbst redet; er näherte sich dem Spieltische meiner Tante just in dem Augenblick, da sie sagte:
"Sophie, du hast gewiss mit dem Fürsten für den armen Rat T* gesprochen; denn ich sehe dir an, dass du bewegt bist."
Niemals war mir meine Tante lieber als diesen Augenblick, da sie meinen Wunsch erfüllte, dass alle wissen möchten, was der Inhalt meines Gesprächs mit dem Fürsten gewesen