erzählt; er ist so weitläufig und auf so dichtes Papier geschrieben, dass ich ihn nicht beischliessen kann. Sie werden aber aus dem Entwurf meiner Antwort das meiste davon sehen, und einige Hauptzüge will ich hier bemerken.
Sie ist aus einer guten, aber armen Rats-Familie entsprossen; ihre Mutter war eine rechtschaffene Frau und sorgfältige Hauswirtin, die ihre Töchter sehr gering in Speise und Kleidung hielt, wenig aus dem haus gehen liess und zu beständigem arbeiten anstrengte, auch ihnen immer von ihrem wenigen Vermögen redete, welches die Hindernis sei, warum sie und die Ihrigen in Kleidung, Tisch und übrigem Aufwande andern, die reicher und glücklicher wären, nicht gleichkäme. Die Kinder liessen sich's, wiewohl ungern, gefallen. Die Mutter stirbt, der Rat T* wirbt um die zwote Tochter und erhält sie sehr leicht, weil man wusste, dass er ein artiges Vermögen von seinen Eltern ererbt hatte. Der junge Mann will seinen Reichtum zeigen, macht seiner Frau schöne Geschenke, die Einrichtung seines Hauses wird auch so gemacht, sie geben Besuche, laden Gäste ein, und diese werden nach der Art begüterter Leute bedient; sie ziehen sich dadurch eine Menge Tischfreunde zu, und die gute Frau, welche in ihrem Leben nichts als den Mangel dieser Glückseligkeiten des Reichtums gekannt hatte, übergibt sich mit Freuden dem Genuss des Wohllebens, der Zerstreuung in Gesellschaften und dem Vergnügen schöner und abwechselnder Kleidung. Sie bekömmt Kinder; diese fängt man auch an standesmässig zu erziehen; und das Vermögen wird aufgezehrt; man macht Schulden und führt mit entlehntem Gelde den gewohnten Aufwand fort, bis die Summe so gross wird, dass die Gläubiger keine Geduld mehr haben und sie mit ihren Mobilien und dem haus selbst die Bezahlung machen müssen; und nun verschwanden auch alle ihre Freunde. Die Gewohnheit eines guten Tisches und die Liebe zu schöner Kleidung nahm ihnen das übrige. Das Einkommen von seinem amt wurde in den ersten Monaten des Jahres verbraucht, in den andern fand sich Mangel und Kummer ein; der Mann konnte seinen Stolz, die Frau ihre Liebe zur Gemächlichkeit nicht vergnügen; bei ihm fehlte der Wille, bei ihr die Klugheit, sich nach ihren Umständen einzurichten; es wurden Wohltäter gesucht; es fanden sich einige; aber ihre hülfe war nicht zureichend. Der Mann wurde unmutig, machte den Leuten, welche seine Freunde gewesen, Vorwürfe, beleidigte sie, und sie rächten sich, indem sie ihn seines Amts verlustig machten. Nun war Verzweiflung und Elend in gleichem Mass ihr Anteil; beides wurde noch durch den Anblick von sechs Kindern vergrössert. Alle Verwandten hatten die hände abgezogen, und da ihr Elend sie zu allerhand kleinen, oft niederträchtigen Hülfsmitteln zwang, so wurden sie endlich ein Gegenstand der Verachtung und des Hasses. In diesem Zustande lernte ich sie kennen und bot ihnen meine hülfe an. Geld, Kleidung und Leinengeräte und andrer nötiger Hausrat war der Anfang davon. Ich sehe aber wohl, dass dieses nicht hinreichen wird, wenn das Übel nicht in der Wurzel gehoben und ihre Denkensart von den falschen Begriffen von Ehre und Glück geheilt wird. Ich habe einen Entwurf dazu gemacht, und Ihren rechtschaffenen Mann, den einsichtvollen Herrn Br*, bitte ich, ihn auszuarbeiten und zu verbessern. Denn ich sehe wohl ein, dass die Erfahrung und das Nachdenken eines zwanzigjährigen Mädchens nicht hinreichend ist, die dieser Familie auf allen Seiten nötige Anweisung zu einer richtigen denkart zu geben. Sie, meine Emilia, werden sehen, dass meine Gedanken meistens Auszüge aus den Papieren meiner Erziehung sind, die ich auf diesen Fall anzupassen suchte. Es ist für den Reichen schwer, dem Armen einen angenehmen Rat zu geben; denn dieser wird den Ernst des erstern bei seinen moralischen Ideen immer in Zweifel ziehen und seine Ermahnungen zu Fleiss und Genügsamkeit als Kennzeichen annehmen, dass er seiner Wohltätigkeit müde sei; und dieser Gedanke wird alle gute Wirkungen verhindern. Zwei Tage von Zerstreuung haben mein Schreiben, wo ich bei dem Rat T* stehenblieb, unterbrochen. Wollte Gott, ich hätte ihn reich machen können und hätte nur die Bitte zu dieser Gabe setzen dürfen, sie mit Klugheit zu brauchen. Das Wohlergehn dieser Familie hat mich mehr gekostet, als wenn ich ihnen die Hälfte meines Vermögens gegeben hätte. Ich habe ihr einen teil meiner denkart aufgeopfert; der Rat T* lag mir sehr an, ihm durch meinen onkel wieder ein Amt zu verschaffen. Ich sagte es diesem, und er antwortete mir: er könne die Gnade, welche er wieder anfange, bei dem Fürsten zu geniessen, für niemand als seine Kinder verwenden, indem er seinen Familien-Prozess zu gewinnen suchte. Ich war darüber traurig, aber meine Tante sagte mir: ich sollte bei nächster gelegenheit selbst mit dem Fürsten sprechen; ich würde finden, dass er gerne Gutes tue, wenn man ihm einen würdigen Gegenstand dazu zeigte, und ich würde gewiss keine Fehlbitte tun. Nachmittags kamen der Graf F* und seine Gemahlin zu uns; mit diesen beredete ich mich auch und ersuchte beide, sich bei dem Fürsten dieser armen Familie wegen zu verwenden; aber auch sie sagten mir: weil es die erste Gnade wäre, die ich mir ausbäte, so würde ich sie am leichtesten durch mich selbst erhalten. Zudem würde er es, der Seltenheit wegen, zusagen, weil sich noch niemals eine junge muntere Dame mit so vielem Eifer um eine verunglückte Familie angenommen habe, und dieser neue Zug meines Charakters würde die Hochachtung vermehren, die er für mich zeigte