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hinzugehen, wenn ich will; wir wollen es morgen besehen."

Den Tag darauf ritten die beiden Herren dahin, in Begleitung des Pfarrers von P., eines sehr würdigen Mannes, von welchem die Damen die Beschreibung des rührenden Auftritts erhielten, der zwischen den beiden Freunden vorgefallen war.

Der Baron hatte dem Obersten das ganze Gut gewiesen und führte ihn auch in das Haus, welches gleich an dem Garten und sehr artig gelegen war. Hier nahmen sie das Frühstück ein.

Der Oberste bezeugte seine Zufriedenheit über alles, was er gesehen, und fragte den Baron: ob es war sei, dass man dieses Gut kaufen könne?

"Ja, mein Freund; gefällt es Ihnen?"

"Vollkommen; es würde mich von nichts entfernen, was ich liebe."

"O wie glücklich bin ich, teurer Freund", sagte der Baron, da er ihn umarmte; "ich habe das Gut schon vor drei Jahren gekauft, um es Ihnen anzubieten; ich habe das Haus ausgebessert und oft in diesem Kabinette für Ihre Erhaltung gebetet. Nun werde ich den Führer meiner Jugend zum Zeugen meines Lebens haben."

Der Oberste wurde ausserordentlich gerührt; er konnte seinen Dank und seine Freude über das edle Herz seines Freundes nicht genug ausdrücken; er versicherte ihn, dass er sein Leben in diesem haus zubringen würde; aber zugleich verlangte er zu wissen, was das Gut gekostet habe. Der Baron musste es sagen und es auch durch die Kaufbriefe beweisen. Der Ertrag belief sich höher, als es nach dem Ankaufsschilling sein sollte. Der Baron versicherte aber, dass er nichts als seine eigne Auslage annehmen würde.

"Mein Freund (sagte er) ich habe nichts getan, als seit drei Jahren alle Einkünfte des Guts auf die Verbesserung und Verschönerung desselben verwendet. Das Vergnügen des Gedanken: du arbeitest für die Ruhetage des Besten der Menschen; hier wirst du ihn sehen und in seiner Gesellschaft die glücklichen zeiten deiner Jugend erneuern; sein Rat, sein Beispiel, wird zu der Zufriedenheit deiner Seele und dem Besten deiner Angehörigen beitragen. – Diese Gedanken haben mich belohnt."

Wie sie nach haus kamen, stellte der Baron den Obersten als einen neuen Nachbar seiner Frau Mutter und seinen Schwestern vor. Alle wurden sehr froh über die Versicherung, seinen angenehmen Umgang auf immer zu geniessen.

Er bezog sein Haus sogleich, als er Besitz von der kleinen herrschaft genommen hatte, die nur aus zweien Dörfern bestund. Er gab auch ein Festin für die kleine Nachbarschaft, fing gleich darauf an zu bauen, setzte noch zwei schöne Flügel an beide Seiten des Hauses, pflanzte Alleen und einen artigen Lustwald, alles in englischem Geschmack. Er betrieb diesen Bau mit dem grössten Eifer. Gleichwohl hatte er von Zeit zu Zeit eine düstre Miene, die der Baron wahrnahm, ohne anfangs davon etwas merken zu lassen, bis er in dem folgenden Herbst einer Gemütsveränderung des Obersten überzeugt zu sein glaubte, bei welcher er nicht länger ruhig sein konnte. Sternheim kam nicht mehr so oft, redete weniger und ging bald wieder weg. Seine Leute bedauerten die ungewöhnliche Melancholie, die ihren Herrn befallen hatte.

Der Baron wurde um so viel mehr bekümmert, als sein Herz von der zurückgefallnen Traurigkeit seiner ältern Schwester beklemmt war. Er ging zum Obersten, fand ihn allein und nachdenkend, umarmte ihn mit zärtlicher Wehmut und rief aus; – "O mein Freund ! wie nichtig sind auch die edelsten, die lautersten Freuden unsers Herzens! – Lange fehlte mir nichts als Ihre Gegenwart; nun sehe' ich Sie; jetzt habe ich Sie in meinen Armen und sehe Sie traurig! Ihr Herz, Ihr Vertrauen ist nicht mehr für mich; haben Sie vielleicht der Freundschaft zu viel nachgegeben, indem Sie hier einen Wohnsitz nehmen? – Liebster bester Freund! quälen Sie sich nicht; Ihr Vergnügen ist mir teurer als mein eigenes, ich nehme das Gut wieder an; es wird mir wert sein, weil es mir Ihr schätzbares Andenken und Ihr Bild an allen Orten erneuern wird."

Hier hielt er inne; Tränen füllten sein Auge, welches auf dem Gesicht seines Freundes geheftet war. – Er sah die grösste Bewegung der Seele in dernselben ausgedrückt.

Der Oberste stunde auf und umfasste den Baron. "Edler P., glauben Sie ja nicht, dass meine Freundschaft, mein Vertrauen gegen Sie vermindert sei; noch weniger denken Sie, dass mich die Entschliessung gereue, meine Tage in Ihrer Nachbarschaft hinzubringen. – O Ihre Nachbarschaft ist mir lieber, als Sie sich vorstellen können! – Ich habe eine leidenschaft zu bekämpfen, die mein Herz zum erstenmal angefallen hat. Ich hoffte, vernünftig und edelmütig zu sein; aber ich bin es noch nicht in aller der Stärke, welche der Zustand meiner Seele erfordert. Doch ist es nicht möglich, dass ich mit Ihnen davon spreche; mein Herz und die Einsamkeit sind die einzigen Vertrauten, die ich haben kann."

Der Baron drückte ihn an seine Brust; "ich weiss", sagte er, "dass Sie in allem wahrhaft sind, ich zweifle also nicht an den Versicherungen Ihrer alten Freundschaft. Aber warum kommen Sie so selten zu mir? Warum eilen Sie so kalt wieder aus meinem haus?"

"Kalt, mein Freund! Kalt eile ich aus Ihrem haus? O P., wenn Sie das brennende Verlangen kennten, das mich zu Ihnen führt; das mich Stunden lang an meinem Fenster hält, wo ich das geliebte