dem eigentlichen Ton, der für diesen Gegenstand gehört, so dass er mir aufs neue achtung für seine Talente und Bedauern über die schlimme Verwendung derselben einflösste. Ich fand bei dem Tanzen, dass es nicht für alle vorteilhaft ist, dass der Ball sich mit Menuetten anfängt, weil dieser Tanz so viel Anmut in der Wendung und so viel Nettigkeit des Schritts erfodert, dass es manchen Personen sehr schwer fiel, diesen Gesetzen Genüge zu leisten. Der ausserordentliche Beifall, den ich erhielt, führte mein Herz auf ein zärtliches Andenken meiner teuren Eltern zurück, die unter andern liebreichen Bemühungen für meine Erziehung auch das frühzeitige und öftere Tanzen betrieben, weil mein schnelles Wachsen eine grosse Figur versprach, und mein Vater sagte: dass der frühe Unterricht im Tanzen einer grossen person am nötigsten sei, um durch die Musik ihre Bewegungen harmonisch und angenehm zu machen, indem es immer bemerkt worden sei, dass die Grazien sich leichter mit einer person von mittlerer Grösse verbinden, als mit einer von mehr als gewöhnlicher Länge. Dieses war die Ursache, warum ich alle Tage tanzen und bei meinen Handarbeiten, wenn wir alleine waren, eine Menuet-Arie singen musste, denn mein Vater behauptete, dass durch diese Übung unvermerkt alle meine Wendungen natürliche Grazien erhalten würden. Sollte ich alles Lob glauben, das man meinem Tanzen und Anstand gibt, so sind seine Vermutungen alle eingetroffen; so wie ich seinen Ausspruch über den Vorzug der Anmut vor der Schönheit ganz wahr gefunden habe, weil ich gesehen, dass die holdselige Miene der mit sehr wenig Schönheit begabten Gräfin Zin*** ihr beinahe mehr Neiderinnen zuzog, als die fräulein von B* mit ihrer Venus-Figur nicht hatte; und die Neiderinnen waren selbst unter der Zahl der Frauenzimmer von Verdiensten. Woher dieses Emilia? Fühlen etwa vernünftige Personen den Vorzug der Anmut vor der Schönheit stärker als andre und wünschen sie daher begieriger zu ihrem Eigentum? Oder kam dieser Neid von der Beobachtung, dass die ganz anmutsvolle Gräfin Z*** die hochachtungswürdigste Mannspersonen an sich zog? Oder wagt die feine Eigenliebe eher einen Anfall auf Reize des Angenehmen als auf die ganze Schönheit, weil jene nicht gleich von allen Augen bemerkt werden und der Mangel der äussersten Vollkommenheit sehr leicht mit dem Gedanken eines fehlerhaften Charakters oder Verstandes verbunden wird und also der Tadlerin wohl noch den Ruhm eines scharfen Auges geben kann, da hingegen die kleinsten Schmähungen über ein schönes Frauenzimmer von jedem Zuhörer an die Rechnung des Neides kommen? Edle und kluge Eigenliebe sollte sich immer die Gunst der Huldgöttinnen wünschen, weil sie ihre Geschenke niemals zurücknehmen und weder Zeit noch Zufälle uns derselben berauben können. Ich gestehe ganz aufrichtig, dass wenn ich in den schönen griechischen zeiten geboren gewesen wäre, so hätte ich meine besten Opfer dem Tempel der Grazien geweiht. – Aber ich sehe, meine Emilia, ich errate, was sie denkt; denn indem sie dieses Schreiben liest, fragt der Ausdruck ihrer Physionomie: "War meine Freundin Sternheim so fehlerfrei, weil sie die von den andern so dreuste bezeichnet? Neid mag sie nicht gehabt haben, denn der Plan, dem sich ihre Eitelkeit nachzugehen vorgenommen hatte, meint durch nichts gestört worden zu sein; der Dank für die Tanzübungen in ihrer Erziehung zeigt es an; oft ist es bloss ein grosser Grad der Zufriedenheit mit sich selbst, was uns vom Neide frei macht, anstatt, dass es die wahre Tugend tun sollte."
Sein Sie ruhig, meine liebe strenge Freundin, ich empfinde, dass Sie recht haben; ich war eitel und sehr mit mir zufrieden; aber ich wurde dafür gestraft. Ich hielt mich für ganz liebenswürdig, aber ich war es nicht in den Augen desjenigen, bei dem ich es vorzüglich zu sein wünschte. Ich befliss mich so sehr gut englisch zu tanzen, dass Mylord G. und Derby zu dem Fürsten sagten, eine geborne Engländerin könnte den Schritt, die Wendungen und den Takt nicht besser treffen. Man bat mich, mit einem Engländer eine Reihe durchzutanzen. Mylord Seimour wurde dazu aufgefodert, und, Emilia! er schlug es aus; mit einer so unfreundlichen, beinahe verächtlichen Miene, dass es mir eine schmerzliche Empfindung gab. Mein Stolz suchte diese Wunde zu verbinden; doch beunruhigte mich sein düstres Bezeugen gegen alle Welt am allermeisten; er redete mit gar niemand mehr als mit seinem onkel und Herrn Derby, welcher mit entzückter Eilfertigkeit der Auffoderung entgegenging. Ich suchte ihn auch dafür durch mein bestes Tanzen zu belohnen und zugleich Seimourn durch meine Munterkeit zu zeigen, dass mich sein Widerwille nicht gerührt habe. Sie kennen mich. Sie urteilen gewiss, dass dieser Augenblick nicht angenehm für mich war; aber meine voreilige Neigung verdiente eine Strafe! Warum liess ich mich durch die Lobreden der Liebhaberin des Mylord Seimour so sehr zu seinem Besten einnehmen, dass ich die Gerechtigkeit für andre darüber vergass und auf dem Wege war, die achtung für mich selbst zu vergessen? Aber ich habe ihm Dank, dass er mich zum Nachdenken und Überlegen zurückführte; ich bin nun ruhiger in mir selbst, billiger für andre und habe auch deswegen neue Ursache, mit diesem Feste vergnügt zu sein. Ich habe für meinen nächsten eine Pflicht der Wohltätigkeit ausgeübt und für mich eine Lektion der Klugheit gelernt, und nun hoffe ich, meine Emilia ist mit mir zufrieden und liebt mich wie sonst.
fräulein von Sternheim
an Emilia
Nun habe ich den Brief, den mir die arme Madam T* auf dem Gute des Grafen F* versprochen und worin sie mir die Ursachen ihres Elends