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die vom Apollo verfolgte Daphne, ein feines niedliches Stück; es schien auch, dass mich andere darum beneideten, weil es für das schönste gehalten wurde. Es dünkte mich, vielerlei Veränderungen und Ausdrücke auf den Gesichtern einiger Damen zu lesen, da sie es ansahen.

Wie der ganze Adel beisammen war, wurden wir junge fräulein gebeten, die älteren Damen und Kavaliere mit Erfrischungen bedienen zu helfen; unsre Geschäftigkeit war artig zu sehen; für eine fremde person aber müssten die forschenden, halb verborgnen Blicke, die immer eine Dame nach der andern schickte, zu vielen kleinen Betrachtungen Anlass gegeben haben. Ich war voll herzlicher Freude; es war Grasboden, den ich betrat, Bäume, unter deren Schatten ich eine Schüssel Milch verzehrte, frische Luft, was ich atmete, ein heitrer offner Himmel um mich her, nur zwanzig Schritte von mir ein schöner Bach und wohlangebaute reiche Kornfelder! Mir schien's, als ob die unbegrenzte Aussicht in das Reich der natur meinen Lebensgeistern und Empfindungen eine freiere Bewegung verschaffte, sie von dem einkerkernden Zwang des Aufentalts in den Mauren eines Palastes voller gekünstelten Zieraten und Vergoldungen in ihre natürliche Freiheit und in ihr angebornes Element setzte. Ich redete auch mehr und freudiger als sonst und war von den ersten, die Reihentänze zwischen den Bäumen anfingen. Diese zogen alle Einwohner des Dorfs aus ihren Hütten, um uns zuzusehen. Nach einigem Herumhüpfen ging ich mit meiner Tante und der Gräfin F*, die mich sehr lobten und liebkosten, auf und ab; wo mir dann bald der fröhliche und glänzende Haufen von Landleuten, die wir vorstellten, in die Augen fiel, bald auch der, welchen unsre Zuseher ausmachten, darunter ich viele arme und kummerhafte Gestalten erblickte. Ich wurde durch diesen Kontrast und das guterzige Vergnügen, womit sie uns betrachteten, sehr gerührt, und sobald ich am wenigsten bemerkt wurde, schlüpfte ich in den Pfarrgarten, der ganz nahe an die Wiese stösst, wo wir tanzten, und gab dem Pfarrer etwas für die Armen des Dorfs und ging mit einem glücklichen Herzen zurück in die Gesellschaft. Mylord Derby schien auf meine Schritte gelauert zu haben; denn wie ich aus dem Pfarrgarten heraustrat, sah ich, dass er an dem einen Ende des Milchhauses stand und seine Augen unverwandt auf die tür des Gartens geheftet hatte, mit forschenden und feurigen Blicken sah er mich an, ging mir hastig entgegen, um mir einige ausserordentliche, ja gar verliebte Sachen über meine Gestalt und Physionomie zu sagen. Dieses und die neugierige Art, womit mich alle ansahen, machte mich erröten und die Augen zur Erde wenden; als ich sie in die Höhe hob, war ich einem Baume, an welchen sich Mylord Seimour ganz traurig und zärtlich aussehend lehnte, so nahe, dass ich dachte, er müsste alles gehöret haben, was Mylord Derby mir gesagt hatte. Ich weiss nicht ganz, warum mich diese Vorstellung etwas verwirrte; aber bestürzt wurde ich, da ich alles aufstehen und sich in Ordnung stellen sah, weil der Fürst eben aus dem Pfarrgarten kam. Der Gedanke, dass er mich da hätte antreffen können; machte mir eine Art Entsetzen, so dass ich zu meiner Tante floh, gleich als ob ich fürchtete, allein zu sein. Aber meine innerliche Zufriedenheit half mir wieder zu meiner Fassung, so dass ich dem Fürsten meine Verbeugung ganz gelassen machte. Er betrachtete und lobte meine Kleidung in sehr lebhaften Ausdrücken. Die Gräfin F*, welche mich nötigte, ihm eine Schale Sorbet anzubieten, brachte mich in eine Verlegenheit, die mir ganz zuwider war; denn ich musste mich zu ihm auf die Bank setzen, wo er mir über meine person und zum teil auch über den übrigen Adel, ich weiss nicht mehr, was für wunderliches Zeug vorsagte. Die meisten fingen an einsam spazieren zu gehen. Da ich ihnen mit Aufmerksamkeit nachsahe, fragte mich der Fürst: Ob ich auch lieber herumgehen als bei ihm sein wollte? Ich sagte ihm, ich dächte, es würden wieder Reihen getanzt und ich wünschte dabeizusein. Sogleich stunde er auf und begleitete mich zu den übrigen. Ich dankte mir den Einfall und mengte mich eilends unter den Haufen junger Leute, die alle beisammenstunden. Sie lächelten über mein Eindringen, waren aber sehr höflich, bis auf fräulein C*, die immer ganz mürrisch den Kopf nach einer Seite kehrte. Ich wandte mich auch hin und erblickte Seimourn und Derby, die einander am Armfahrten und mit hastigen Schritten am Bach auf und nieder gingen. Indessen wurde es etwas dunkel, und man lud uns zu dem Abendessen, welches in der andern Bauerhütte bereitstund. Man blieb nicht lange bei Tische; denn alles eilte in den Tanzsal, der in einer dazu aufgebaueten Scheuer versteckt war. Niemand konnte über das Ende der Tafel froher sein als ich; denn als die Ranglose gezogen wurden, setzte mich mein widriges Geschicke gleich an den Fürsten, der beständig mit mir redte und mich alle augenblicke etwas kosten machte. Dieser Vorzug des Ungefähr10 zeigte mir die Hofleute in einem neuen aber sehr kleinen Lichte; denn ihr Betragen gegen mich war, als ob ich eine grosse Würde erhalten hätte und sie sich mir gefällig machen müssten. Es war niemand, der mir nicht irgendeine schickliche oder unschickliche Schmeichelei sagte, den einzigen Seimour ausgenommen, welcher nichts redete. Sein onkel G. und Mylord Derby sagten mir dagegen desto feinere Höflichkeiten vor; besonders hatte dieser die gefälligste Ehrerbietung in seinem ganzen Bezeugen gegen mich. Er sprach vom Tanzen mit