zu meiner Gemahlin gewünscht, ein Zeuge sein musste, wie sie Ehre und Unschuld aufgab und im Angesichte des himmels und der Menschen ein triumphierendes Aussehen dabei hatte. Unbegreiflich ist mir eine Beobachtung über mein Herz in dieser gelegenheit. Sie wissen, wie heftig ich einst eine unserer Schauspielerinnen liebte; ich wusste, dass ihre Gunst zu erkaufen war und dass sie für ihr Herz ganz keine achtung verdiente. Ich hatte auch keine, und dennoch dauerte meine leidenschaft in ihrer ganzen Stärke fort. Jetzt hingegen verachte, verfluche ich diese Sternheim und ihr Bild. Ihre Reize und meine Liebe liegen noch in dem grund meiner Seele; aber ich hasse beide und mich selbst, dass ich zu schwach bin, sie zu vernichten.
Mein onkel redete mir im Nachhausefahren zu, wie ein Mann dessen Leidenschaften schon lange gesättigt sind und der, wenn er als Minister zu Vergnügung des Ehrgeizes seines Fürsten tausend Schlachtopfer für nichts achtet, natürlicherweise die Aufopferung der Tugend eines Mädchens zu Befriedigung der leidenschaft eines Grossen für eine sehr wenig bedeutende Kleinigkeit ansehen muss. O wäre sie ein gemeines Mädchen mit Papageien-Schönheit und PapageienVerstand gewesen, so könnte ich es ansehen wie er! Aber die edelste Seele und Kenntnisse zu besitzen; an die Verehrung der ganzen Welt Anspruch zu haben und sich hinzuwerfen! Sie soll zur linken Hand vermählt worden sein. Elende lächerliche Larve, eine verstellte Tugend vor Schande sicherzustellen! – Alle schmeichelten ihr; Sie, mein Freund, kennen mich genug, um zu wissen, ob ich es tat. Ich werde nicht an den Hof gehen, bis ich ruhiger bin; niemals liebte ich das Hofleben ganz, nun verabscheue ich es! Die Reisen meines Oncles will ich aushalten; aber meine Frau Mutter soll nicht fodern, dass ich Hofdienste nehme oder mich verheirate; das fräulein von Sternheim hat mich beidem auf ewig entsagen gemacht. Derby, der ruchlose Derby, verachtet sie auch, aber er hilft sie betäuben; denn er erzeigt ihr mehr Ehrerbietung als sonst. – Der Bösewicht!
fräulein von Sternheim
an Emilien
Kommen Sie, meine Emilia, Sie sollen auch einmal eine aufgeweckte Erzählung von mir erhalten. Sie wissen, dass ich gerne tanze und dass F* einen Ball geben wollte. Dieser ist nun vorbei, und ich war so vergnügt dabei, dass das Andenken davon mir noch jetzt angenehm ist. Alle Anstalten dieses niedlichen Festins waren völlig nach meinem Geschmack, nach meinen eigensten Ideen eingerichtet. Ländliche Einfalt und feine Hofkünste fanden sich so artig miteinander verwebt, dass man sie nicht trennen konnte, ohne dem einen oder dem andern seine beste Annehmlichkeit zu rauben. Ich will versuchen, ob eine Beschreibung davon diese Vorstellung bei Ihnen bekräftigen wird.
Der Graf F* wollte auf dem Gut, wo seine Gemahlin die Kur gebraucht und die Besuche des ganzen Adels empfangen hatte, zum Beweis seiner Freude über das Wohlsein der Gräfin und seines Danks für die ihr bewiesene achtung, an dem nämlichen Orte eine Ergötzung für uns alle anstellen. Wir wurden acht Tage voraus geladen und gebeten, paarweise in schönen Bauerkleidungen zu erscheinen, weil er ein Landfest vorstellen wollte. Der junge Graf F*, sein Nepote, wurde in der Liste ein Bauer und ich bekam die Kleidung eines Alpen-Mädchens; lichtblau und schwarz; die Form davon brachte meine Leibesgestalt in das vorteilhafteste Ansehen, ohne im geringsten gesucht oder gezwungen zu scheinen. Das feine ganz nachlässig aufgesetzte Strohhütgen und meine simpel geflochtnen Haare machten meinem Gesicht Ehre. Sie wissen, dass mir viele Liebe für die Einfalt und die ungekünstelten Tugenden des Landvolks eingeflösst worden ist. Diese Neigung erneuerte sich durch den Anblick meiner Kleidung. Mein edel einfältiger Putz rührte mich; er war meinem die Ruhe und die natur liebenden Herzen noch angemessner als meiner Figur, wiewohl auch diese damals, in meinen Augen, im schönsten Lichte stunde. Als ich völlig angezogen den letzten blick in den Spiegel warf und vergnügt mit meinem ländlichen Ansehen war, machte ich den Wunsch, dass, wenn ich auch diese Kleidung wieder abgelegt haben würde, doch immer reine Unschuld und unverfälschte Güte meines Herzens den Grund einer heitern wahren Freude in meiner Seele erhalten möchte! Mein onkel, meine Tante, und der Graf F* hörten nicht auf, mein zärtliches und reizendes Aussehen zu loben, und so kamen wir auf das Gut, wo wir in der halben Allee, die auf schönen Wiesengrund gepflanzt ist, abstiegen und gleich den Ton der Schalmei hörten, verschiedene Paare von artigen bauern und Bäuerinnen erblickten und im Fortfahren bald eine Maultrommel, bald eine kleine Landpfeife, oder irgendein andres Instrument dieser Art, das völlige Landfest ankündigen hörten. Simpel gearbeitete hölzerne Bänke waren zwischen den Bäumen gesetzt und zwei artige Bauerhäuser an beiden Seiten der Allee erbaut, wo in einem auf alle mögliche Art zubereitete Milch und andre Erfrischungen in kleinen porcelainen Schüsselchen bereit waren. Jedes hatte seinen hölzernen Teller und seinen Löffel von Porcelain. Unter der tür dieses Hauses war die Gräfin F*, als Wirtin gekleidet, und bewillkommte die Gäste mit einer reizenden gefälligkeit. Alle Bedienten des Hauses waren als Kellerjungen oder Schenkknechte und auch die Musikanten nach bäuerischer Art angezogen; auf einem Platz waren Bäcker und Bilderkrämer, wo unsre bauern uns hinführten und eine Bäuerin eine Prezel oder sonst ein Stück aus feiner Pastille gearbeitetes Brot bekam, welches der Bauer zerbrach und dann entweder ein Stück Spitzen, Bänder oder andre artige Sachen darin fand. Bei dem Bilderkrämer bekamen wir niedliche Miniatur-Gemälde zu sehen, welche wie aus einer Lotterie gezogen wurden. Ich bekam