Sympatie der Schwärmerei zu schwächen suche, die in einem einzigen Augenblick zwischen ihr und Seimourn entstehen könnte, wenn sie jemals einander im Umgang nahe genug kämen, den so gleich gestimmten Ton ihrer Seelen zu hören. Doch dem bin ich ziemlich zuvorkommen, indem sich Seimour just des Sekretärs seines Oncles, der mein Sklave ist, bedient, um Nachrichten einzuziehen, die dieser bei mir holt, ohne mit mir zu reden. Denn wir schreiben uns nur und stecken unsre Billetts hinter ein alt Gemälde im obern gang des Hauses. Dieser Jünger des Luzifers leistet mir vortreffliche Dienste. Doch muss ich Seimourn die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er uns die Mühe, soviel an ihm ist, erleichtert. Er flieht die Sternheim wie eine Schlange, ungeachtet er sich um alle ihre Bewegungen erkundigt; und diese werden durch die Farbe, welche ihnen meine Nachrichten geben, schielend und zweideutig genug, um auf seinen schon eingenommenen Kopf alle wirkung zu machen, die ich wünsche. Den Fürsten fürchte ich nicht; jeder Schritt, den er machen wird, entfernt ihn vom Ziel. Von allem, was Fürsten geben können, liebt sie nichts. Das Mädchen macht eine ganz neue Gattung von Charakter aus!
Mylord Seimour
an den Doktor B.
Ich bin seit vier Stunden von einem prächtigen und wohlausgesonnenen Feste zurückgekommen; und da ich, ungeachtet der heftigen Bewegungen, die meine Lebensgeister erlitten, keinen Schlaf Enden kann, so will ich wenigstens die Ruhe suchen, welche eine Unterredung mit einem würdigen Freund einem bekümmerten Herzen gibt. Warum, o mein teurer Lehrmeister, konnte Ihre erfahrne Weisheit kein Mittel Enden, meine Seele gegen die Heftigkeit guter Eindrücke zu bewaffnen, so wie Sie eins gefunden haben, mich gegen das Beispiel und die Aufmunterung der Bosheit zu bewahren. Ich will Ihnen die Ursache erzählen; so werden Sie selbst sehen, wie glücklich ich durch eine vernünftige Gleichgültigkeit geworden wäre.
Der erste Minister des Hofs gab dem Adel, oder vielmehr der Fürst gab unter dem Namen des Grafen F* dem fräulein von Sternheim eine Fete auf dem land, welche die Nachahmung auf den höchsten Grad der Gleichheit führte, denn die Kleidungen, die Musik, der Platz, wo die Lustbarkeit gegeben wurde, alles bezeichnete das Landfest. Mitten auf einer Matte waren eigne Bauerhäuser und eine Tanzscheure erbaut. Der Gedanke und die Ausführung entzückte mich, in den ersten zwo Stunden, da ich nichts als die Schönheit des Festes und die alles übertreffende Liebenswürdigkeit des Fräuleins von Sternheim vor mir sah. Niemals, mein Freund, niemals wird das Bild der lautern Unschuld, der reinen Freude wieder so vollkommen erscheinen, als es diese zwo Stunden durch in der edlen schönen Figur von Sternheim abgezeichnet war! Verdammt sein die Künste, welche es an ihr auszulöschen wussten! Aber in einer person von so vielem geist, von einer so vortrefflichen Erziehung muss der Wille dabei gewesen sein; es war unmöglich, sie zu berücken; unmöglich ist es auch, dass es allein die wirkung ihrer von Musik, Pracht und Geräusch empörten Sinnen gewesen sei. Ich weiss wohl, dass man bei diesen Umständen unvermerkt von der Bahn der moralischen Empfindungen abweicht und sie aus dem gesicht verliert. Aber da sie die letzte Warnung ihres guten Genius verwarf und wenige Minuten darauf der angestellten Unterredung mit dem Fürsten entgegeneilte und sich dadurch die Geringschätzung des Elendesten unter uns zuzog: da hatte ich Mühe, den hohen Grad von Verachtung und Abscheu, die mich gegen sie einnahmen, zu verbergen. Ich muss Ihnen erklären, was ich unter dem letzten Wink ihres Genius verstehe. Es war eine Bilderbude da, wo die Damen Lotteriezettel zogen; sagen Sie, ob es wohl ein blosses Ungefähr oder nicht ein letzter Wink der Vorsicht war, dass das fräulein von Sternheim die vom Apollo verfolgte Daphne bekam! Die Partie des Fürsten sah es nicht gerne; sie dachte, es würde ihre Widerspenstigkeit bestärken. Ihr gefiel es, sie wies es jedermann, und redete es als eine gute Kennerin von der Zeichnung und Malerei. Meine Freude war nicht zu beschreiben; ich hielt die Besorgnisse der Hofleute gegründet, und die Freude des Fräuleins bekräftigte mich in der idee, dass sie durch ihre Tugend eine neue fliehende Daphne sein würde. Aber wie schmerzhaft, wie niederträchtig hat mich nicht ihre Scheintugend betrogen, da sie sich gleich darauf dem Apollo in die arme warf! Ich sah sie mit ihrer ehrlosen Tante und der Gräfin F* einige Zeit auf und ab gehen; die zwo elenden Unterhändlerinnen schmeichelten ihr in die Wette. Endlich merkte ich, dass sie mit einer zärtlichen und sorgsamen Miene bald die Gesellschaft, bald die tür des Pfarrgartens ansah und auf einmal mit dem leichtesten, freudigsten Schritt durch die Zuseher drang und in den Garten eilte. Lang war sie nicht darin, aber ihr Hineingehen hatte schon aufsehen erweckt. Wie vieles verursachte erst der Ausdruck von Zufriedenheit und Beschämung, mit welchem sie zurückkam; da der Fürst bald nach ihr heraustrat, der sein Vergnügen über sie nicht verbergen konnte und seine leidenschaft in vollem Feuer zeigte. Mit wieviel niederträchtiger gefälligkeit bot sie ihm Sorbet an, schwatzte mit ihm, tanzte ihm zuliebe englisch mit einem Eifer, den sie sonst nur für die Tugend zeigte. Und wie reizend, o Gott, wie reizend war sie! Wie unnachahmlich ihr Tanz; alle Grazien in ihr vereinigt, so wie es die Furien in meinem Herzen waren! denn ich fühlte es von dem Gedanken zerrissen, dass ich, der ihre Tugend angebetet hatte, der sie