1771_La_Roche_064_44.txt

ihn auf die Bank sitzen machte; die Freude des alten von F*, der Stolz ihres Oncles und ihrer Tante, der sich schon recht sichtbar zeigtealles bestärkte unsre Mutmassungen. Wut nahm mich ein, und im ersten Anfall nahm ich Seimourn, der ausser sich war, beim Arm und redete mit ihm von dieser Szene. Die heftigste äusserste Verachtung belebte seine Anmerkungen über ihre vorgespielte Tugend und die elende Aufopferung derselben; über die Frechheit, sich vor dem ganzen Adel zum Schauspiel zu machen und die vergnügteste Miene dabei zu haben. Dieser letzte Zug seines Tadels brachte mich zur Vernunft. Ich überlegte, der Schritt wäre in Wahrheit zu frech und dabei zu dumm; die Szene des Wirtshauses in F* Gel mir ein; ein Zweifel, der sich darüber bei mir erhob, machte mich meinen Will rufen. Ich versprach ihm hundert Guineen, um die Wahrheit dessen zu erfahren, was im Pfarrhause zwischen dem Fürsten und der Sternheim vorgegangen. In einer Stunde, wovon mir jede Minute ein Jahr dünkte, kam er mit der Nachricht, dass die fräulein den Fürsten nicht gesehen, sondern allein mit dem Pfarrer gesprochen und ihm zehn Karolinen für die Armen des Dorfs gegeben habe, mit der inständigsten Bitte, ja niemand nichts davon zu sagen. Der Fürst wäre nach ihr gekommen und hätte dem Adel von weitem zusehen wollen, wie sie sich belustigten, ehe er komme, um sie desto ungestörter fortfahren zu machen.

Da stunde ich und fluchte über die Schwärmerin, die uns zu Narren machte. Und dennoch war das Mädchen wirklich edler als wir alle, die wir nur an unser Vergnügen dachten; während sie ihr Herz für die armen Einwohner des Dorfs eröffnete, um einen der Freude gewidmeten Tag bis auf sie auszudehnen. Was war aber ihre Belohnung davor? Die niederträchtigste Beurteilung ihres Charakters, wozu sich das elendeste geschöpf unter uns berechtigt zu sein glaubte. In Wahrheit, eine schöne Aufmunterung zur Tugend! Willst du mir sagen, dass die innerliche Zufriedenheit unsre wahre Belohnung sei, so darf ich nur denken, dass just der Ausdruck dieser Zufriedenheit auf dem gesicht des englischen Mädchens, da es vom Pfarrhof zurückkam, zu einem Beweis ihres Fehlers gemacht wurde. Aber wie dankte ich meiner Begierde, die Sache ganz zu wissen, die mich berufenen Bösewicht zu der besten Seele der ganzen Gesellschaft machte; denn ich allein wollte die Sache ergründen, ehe ich ein festes Urteil über sie fasste, und siehe, ich wurde auf der Stelle für diese Tugend mit der Hoffnung belohnt, das liebenswerte Geschöpfe ganz rein in meine arme zu bekommen; dann nun soll es nur ihr oder mein Tod verhindern können; mein ganzes Vermögen und alle Kräfte meines Geistes sind zu Ausführung dieses Vorhabens bestimmt.

Mit triumphierendem gesicht eilte ich zur Gesellschaft, nachdem ich Willen verboten, keiner Seele nichts von seiner Entdeckung zu sagen, und ihm noch hundert Guineen für sein Schweigen versprochen hatte. Du wirst fodern, dass ich meine Entdeckung zum Besten des Fräuleins hätte mitteilen sollen. Dann, meinst du, wäre mein Triumph edel gewesen! Sachte, mein guter Herr! sachte! Ich konnte auf dem Weg der guten Handlungen nicht so eilend fortwandern, noch weniger gleich mein ganzes Vergnügen aufopfern. Und wozu hätte meine Entdeckung gedient, als des Fürsten und meine Beschwerlichkeiten zu vergrössern? Wie vielen Spasses hätte ich mich beraubt, wenn ich die Unterredungen des vorigen Stoffs unterbrochen hätte? Denn indes ich weg war, hatte eine missverstandne Antwort des Fürsten die ganze Sache ins reine gebracht. Denn da der Graf F* den Fürsten gefragt: ob er das fräulein im Pfarrgarten gesehen habe? und der Fürst ihm ganz kurz mit Ja antwortete und die Augen gleich nach ihr kehrte, da war der Vorgang gewiss, ja sie war, weil man doch auch dem Pfarrer eine Rolle dabei zu spielen geben wollte, zur linken Hand vermählt, und viele bezeugten ihr schon besondere Aufwartungen als der künftigen Gnaden-Ausspenderin. Der Graf F*, seine Frau, der onkel und die Tante des Fräuleins führten den Reihen dieser wahnsinnigen Leute. Selbst Mylord G. spielte die Rolle mit, ob sie gleich etwas gezwungen bei ihm war. Aber Seimour, durch die Beleidigung seiner Liebe und der Vollkommenheit des Ideals, das er sich von ihr in den Kopf phantasiert hatte, in einen unbiegsamen Zorn gebracht, konnte sich kaum zu der gewöhnlichen Höflichkeit entschliessen, einen Menuet mit ihr zu tanzen; sein frostiges störriges Aussehen, womit er die freundlichsten Blicke ihrer schönen Augen erwiderte, machte endlich, dass sie ihn nicht mehr ansah; aber goss zugleich eine Niedergeschlagenheit über ihr ganzes Wesen aus, welche die edle Anmut ihres unnachahmlichen Tanzes auf eine entzückende Art vergrösserte. Jeder Vorzug, den ihm ihr Herz gab, machte mich rasend, aber verdoppelte meine Aufmerksamkeit auf alles, was zu Erhaltung meines Endzwecks dienen konnte. Ich sah, dass sie die ausserordentlichen Bemühungen und Schmeicheleien der Hofleute bemerkte und Missfallen daran hatte. Ich nahm die Partie, ihr lauter edle feine Ehrerbietung zu beweisen; es gefiel ihr, und sie redete in schönem Englischen mit mir recht artig und aufgeweckt vom Tanzen als der einzigen Ergötzlichkeit, die sie liebte. Da ich die Vollkommenheit ihrer Menuet lobte, wünschte sie, dass ich dieses von ihr bei den englischen Landtänzen sagen möchte, in denen sie die schöne Mischung von Fröhlichkeit und Wohlstand rühmte, die der Tänzerin keine Vergessenheit ihrer selbst und dem Tänzer keine willkürliche Freiheiten mit ihr erlaubte; wie es bei den deutschen Tänzen gewöhnlich sei.