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wobei man ihm übelnahm, wenn er nicht darüber in Entzückung geriet, oder wenn er auch andere Sachen nicht so sehr erhob, als man es haben wollte. O! wie geizte ich nach jeder Minute, die mir dieser hochachtungswerte Mann schenkte; wenn er mit dem liebreichsten, meiner Wissbegierde und Empfindsamkeit angemessnen Tone meine fragen beantwortete, oder mir vorzügliche Bücher nannte und mich lehrte, wie ich sie mit Nutzen lesen könne. Mit edler Freimütigkeit sagte er mir einst: Ob sich schon Fähigkeiten und Wissensbegierde in beinahe gleichem Grade in meiner Seele zeigten, so wäre ich doch zu keiner Denkerin geboren; hingegen könnte ich zufrieden sein, dass mich die natur durch die glücklichste Anlage, den eigentlichen Endzweck unsers Daseins zu erfüllen, dafür entschädigt hätte; dieser bestehe eigentlich im Handeln, nicht im Spekulieren;7 und da ich die Lücken, die andre in ihrem moralischeLeben und in dem Gebrauch ihrer Tage machen, so leicht und fein empfände, so sollte ich meine Betrachtungen darüber durch edle Handlungen, deren ich so fähig sei, zu zeigen suchen.8

Niemals, meine Emilia, war ich glücklicher als zu der Zeit, da dieser einsichtsvolle Ausspäher der kleinsten Falten des menschlichen Herzens dem meinigen das Zeugnis edler und tugendhafter Neigungen beilegte. Er verwies mir, mit der achtsamsten Güte, meine Zaghaftigkeit und Zurückhaltung in Beurteilung der Werke des Geistes und schrieb mir eine richtige Empfindung zu, welche mich berechtigte, meine Gedanken so gut als andre zu sagen. Doch bat er mich, weder im Reden noch im Schreiben einen männlichen Ton zu suchen. Er behauptete, dass es die wirkung eines falschen Geschmacks sei, männliche Eigenschaften des Geistes und Charakters in einem Frauenzimmer vorzüglich zu loben. Wahr sei es, dass wir überhaupt gleiche Ansprüche, wie die Männer, an alle Tugenden und an alle die Kenntnisse hätten, welche die Ausübung derselben befördern, den Geist aufklären oder die Empfindungen und Sitten verschönern; aber dass immer in der Ausübung davon die Verschiedenheit des Geschlechts bemerkt werden müsse. Die natur selbst habe die Anweisung hiezu gegeben, als sie, z. E. in der leidenschaft der Liebe, den Mann heftig, die Frau zärtlich gemacht; in Beleidigungen jenen mit Zorn, diese mit rührenden Tränen bewaffnet; zu Geschäften und Wissenschaften dem männlichen geist Stärke und Tiefsinn, dem weiblichen Geschmeidigkeit und Anmut; in Unglücksfällen dem mann Standhaftigkeit und Mut, der Frau Geduld und Ergebung vorzüglich mitgeteilt; im häuslichen Leben jenem die sorge für die Mittel der Familie zu erhalten, und dieser die schickliche Austeilung derselben aufgetragen habe usw. Auf diese Weise, und wenn ein jeder teil in seinem angewiesnen Kreise bliebe, liefen beide in der nämlichen Bahn, wiewohl in zwoen verschiedenen Linien, dem Endzweck ihrer Bestimmung zu; ohne dass durch eine erzwungene Mischung der Charakter die moralische Ordnung gestört würde. – Er suchte mich mit mir selbst und meinem Schicksale, über welches ich Klagen führte, zufriedenzustellen und lehrte mich, immer die schöne Seite einer Sache zu suchen, den Eindruck der widrigen dadurch zu schwächen und auf diese nicht mehr Aufmerksamkeit zu wenden, als vonnöten sei, den Reiz und Wert des Schönen und Guten desto lebhafter zu empfinden.

O Emilia! in dem Umgang dieses Mannes sind die besten Tage meines Geistes verflossen! Es ist etwas in mir, das mich empfinden lässt, dass sie nicht mehr zurückkommen werden, dass ich niemals so glücklich sein werde, nach meinen Wünschen und Neigungen, so einfach, so wenig fodernd sie sind, leben zu können! Schelten Sie mich nicht gleich wieder über meine zärtliche Kleinmütigkeit; vielleicht ist die Abreise des Herrn* * daran Ursache, die für mich eine abscheuliche Leere in diesem haus lässt. Er kommt nur manchmal hieher. Wie Pilgrime einen verfallenen Platz besuchen, wo ehemals ein Heiliger wohnte, besucht er dieses Haus, um noch den Schatten des grossen Mannes zu verehren, der hier lebte, dessen grossen Geist und erfahrne Weisheit er bewunderte, der sein Freund war und ihn zu schätzen wusste.

Den Tag nach seiner Abreise langte ein kleiner französischer Schriftsteller an, den ein Mangel an Pariser Glück und die seltsame Schwachheit unsers Adels, "die französische Belesenheit immer der Deutschen vorzuziehen", in dieses Haus führte. Die Damen machten viel Wesens aus der Gesellschaft eines Mannes, der geraden Weges von Paris kam, viele Marquisinnen gesprochen hatte und ganze Reihen von Abhandlungen über Moden, Manieren und Zeitvertreiber der schönen Pariser Welt zu machen wusste; der bei allen Frauenzimmerarbeiten helfen konnte und der galanten Witib sein Erstaunen über die Delikatesse ihres Geistes und über die Grazien ihrer person und ihrer gar nicht deutschen Seele in allen Tönen und Wendungen seiner Sprache vorsagte.

So angenehm es mir anfangs war, ein Urbild der Gemälde zu sehen, die mir schon oft in Büchern von diesen Mietgeistern der Reichen und Grossen in Frankreich vorgekommen waren; so wurde ich doch schon am vierten Tag seiner leeren und nur in andern Worten wiederholten Erzählungen von Meubles, Putz, Gastereien und Gesellschaften in Paris herzlich müde. Aber die Szene wechselte bei der Rückkunft des Herrn**, der sich die Mühe nahm, diesen aus Frankreich berufenen Hausgeist an den Platz seiner Bestimmung zu setzen.

Das Gepränge, womit das sklavische Vorurteil, so unser Adel für Frankreich hat, dem Herrn** den Pariser vorstellte; das Gezier, die Selbstzufriedenheit, womit der Franzose sich als den Autor sehr artiger und beliebter Büchergen anpreisen hörte, würde meine Emilia, wie mich, geärgert haben.

Aber wie schön leuchtete die Bescheidenheit unsers weisen Landmanns