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könnte, wie dieses Herz zu gewinnen ist, ohne dass die vielen Anstalten und Vorkehrungen nötig wären, die man mit ihr macht." –

Ich sagte wenig darauf, doch so viel, um sie in Atem zu halten, weiterzureden. Die Genealogie des Fräuleins Sternheim wurde also vorgenommen, ihr Vater und ihre Mutter verleumdet und die Tochter lächerlich gemacht; mehr habe ich nicht behalten, der Kopf war mir warm. Die Sternheim blieb ziemlich lange weg. Endlich kam sie mit einem gerührten, doch zufriednen gesicht, etwas verweinten Augen und ruhigem Lächeln gegen uns, und mit einem Ton der stimme, so weich, so voll Liebe, dass ich noch toller als vorher wurde und gar nicht mehr wusste, was ich denken sollte.

Das fräulein R* betrachtete sie auf eine beleidigende Weise, und meine Göttin mochte unsere Verlegenheit gemerkt haben, denn sie schwieg, wie wir, in einem fort, bis wir wieder zu haus kamen. Ich eilte abends fort, um meine Nachrichten zu hören. Da erzählte mir mein Kerl: Er hätte die Wirtin und die Frau heulend über die Güte des Fräuleins angetroffen; die Frau sei dem fräulein ganz fremd gewesen, hätte sich über das Anreden dieser Dame verwundert und wäre ihr mit sorgsamem Gesicht in die stube gefolgt, wohin sie sie mit den Kindern geführt. Da hätte ihr das fräulein zugesprochen, sie um Vergebung für ihr Zudringen gebeten und hülfe angeboten, auch wirklich Geld gegeben, und nachdem sie erfahren, dass sie nach D* gehe und dort wohne, hätte sie ihren Namen und Aufentalt der Frau aufgeschrieben und ihr auf das liebreichste fernere Dienste versichert, auch bei der Wirtin eine gute Kutsche bestellt, welche die Frau und Kinder nach haus bringen sollte.

Ich dachte, mein Kerl oder ich müsste ein Narr sein und widersprach ihm alles; aber er fluchte mir die Wahrheit seiner geschichte; und ich fand, dass das Mädchen den wunderlichsten Charakter hat. Was Twird sie rot und verwirrt, wenn sie etwas Gutes tun will; was hatte sie uns zu belügen, sie kenne die Frau; besorgte sie, wir möchten Anteil an ihrer Grossmut nehmen?

Aber diese Entdeckung, das Ungefähr, werde ich mir zunutze machen; ich will die Familie aufsuchen und ihr Gutes tun, wie Engländer es gewohnt sind, und dieses, ohne mich merken zu lassen, dass ich etwas von ihr weiss. Aber gewiss werde ich keinen Schritt machen, den sie nicht sehen soll. Durch diese Wohltätigkeit werde ich mich ihrem Charakter nähern, und da man sich allezeit mit einer gewissen zärtlichen Neigung an die Gegenstände seines Mitleidens und seiner Freigebigkeit heftet, so muss in ihr notwendigerweise eine gute Gesinnung für denjenigen entstehen, der, ohne ein Verdienst dabei zu suchen, das Glück in eine Familie zurückrufen hilft. Ich werde schon einmal zu sagen wissen, dass ihr edles Beispiel auf mich gewirkt habe, und wenn ich nur eine Linie breit Vorteil über ihre Eigenliebe gewonnen habe, so will ich bald bei Zollen und Spannen weitergehen.

Sie beobachtet mich scharf, wenn ich nahe bei ihr in ein Gespräch verwickelt bin. Dieser kleinen List, mich ganz zu kennen, setzte ich die entgegen, allezeit, wenn sie mich hören konnte, etwas Vernünftiges zu sagen oder den Diskurs abzubrechen und recht altklug auszusehen. Aber ob schon ihre Zurückhaltung gegen mich schwächer geworden ist, so ist es doch nicht Zeit von Liebe zu reden; die Waagschale zieht noch immer für Seimour. Ich möchte wohl wissen, warum das gesunde junge Mädchen den blassen traurigen Kerl meiner frischen Farbe und Figur vorzieht und seinen krächzenden Ton der stimme lieber hört als den muntern laut der meinigen, seine toten Blicke sucht und mein redendes Auge flieht? Sollte soviel wasser in ihre Empfindungen gegossen sein? Das wollen wir beim Ball sehen, der angestellt ist, denn da muss eine Lücke ihres Charakters zum Vorschein kommen, wenigstens sind alle möglichen Anstalten gemacht worden, um die tiefschlafendsten Sinnen in eine muntere Geschäftigkeit zu bringen. Deinem Freund wird das Erwachen der ihrigen nicht entgehen, und dann will ich schon sorge tragen, sie nicht einschlummern zu lassen.

fräulein von Sternheim

an Emilia

Ich komme von der angenehmsten Reise zurück, die ich jemals mit meiner Tante gemacht habe. Wir waren zehn Tage bei dem Grafen von T*** auf seinem schloss, und haben da die verwitibte Gräfin von Sch*, welche immer da wohnt, zwei andere Damen von der Nachbarschaft und zu meiner unbeschreiblichen Freude den Herrn ** gefunden, dessen vortreffliche Schriften ich schon gelesen und soviel Feines für mein Herz und meinen Geschmack daraus erlernt hatte. Der ungezwungene ruhige Ton seines Umgangs, unter welchen er seinen Scharfsinn und seine Wissenschaft verbirgt; und die Gelassenheit, mit welcher er sich in Zeitvertreibe und Unterredungen einflechten liess, die der Grösse seines Genies und seiner Kenntnissen ganz unwürdig waren, erregten in mir für seinen leutseligen Charakter die nämliche Bewunderung, welche die übrige Welt seinem geist widmet. Immer hoffte ich auf einen Anlass, den man ihm geben würde, uns allen etwas Nützliches von den schönen Wissenschaften, von guten Büchern, besonders von der deutschen Literatur zu sagen, wodurch unsere Kenntnisse und unser Geschmack hätte verbessert werden können; aber wie sehr, meine Emilia, fand ich mich in meiner Hoffnung betrogen! Niemand dachte daran, die Gesellschaft dieses feinen, gütigen Weisen für den Geist zu benützen; man missbrauchte seine Geduld und gefälligkeit auf eine unzählbare Art mit geringschätzigen Gegenständen, auf welchen der Kleinigkeitsgeist haftet, oder mit neu angekommenen französischen Broschüren,