1771_La_Roche_064_4.txt

von welchem er die sorgfältigste Erziehung genoss. Edelmut, Grösse des Geistes, Güte des Herzens, waren die Grundzüge seines Charakters. Auf der Universität L. verband ihn die Freundschaft mit dem jüngern Baron von P. so sehr, dass er nicht nur alle Reisen mit ihm machte, sondern auch aus Liebe zu ihm mit in Kriegsdienste trat. Durch seinen Umgang und durch sein Beispiel wurde der vorher unbändige Geist des baron so biegsam und wohldenkend, dass die ganze Familie dem jungen Mann dankte, der ihren geliebten Sohn auf die Wege des Guten gebracht hatte. Ein Zufall trennte sie. Der Baron musste nach dem tod seines ältern Bruders die Kriegsdienste verlassen und sich zu Übernehmung der Güter und Verwaltung derselben geschickt machen. Sternheim, der von Offizieren und Gemeinen auf das vollkommenste geehrt und geliebt wurde, blieb im Dienste und erhielt darin von dem Fürsten die Stelle eines Obersten und den Adelstand. "Ihr Verdienst, nicht das Glück hat Sie erhoben", sagte der General, als er ihm im Namen des Fürsten in Gegenwart vieler Personen das Obersten-Patent und den Adelsbrief überreichte; und nach dem allgemeinen Zeugnisse waren alle Feldzüge Gelegenheiten, wo er Grossmut, Menschenliebe und Tapferkeit in vollem Mass ausübte.

Bei Herstellung des Friedens war sein erster Wunsch, seinen Freund zu sehen, mit welchem er immer Briefe gewechselt hatte. Sein Herz kannte keine andere Verbindung. Schon lange hatte er seinen Vater verloren; und da dieser selbst ein Fremdling in W. gewesen war, so blieben seinem Sohne keine nahe Verwandte von ihm übrig. Der Oberste von Sternheim ging also nach P., um daselbst das ruhige Vergnügen der Freundschaft zu geniessen. Der Baron P., sein Freund, war mit einer liebenswürdigen Dame vermählt und lebte mit seiner Mutter und zwoen Schwestern auf den schönen Gütern, die ihm sein Vater zurückgelassen, sehr glücklich. Die Familie von P., als eine der angesehensten in der Gegend, wurde von dem zahlreichen benachbarten Adel öfters besucht. Der Baron P. gab wechselsweise Gesellschaft und kleine Feste; die einsamen Tage wurden mit Lesung guter Bücher, mit Bemühungen für die gute Verwaltung der herrschaft und mit edler anständiger Führung des Hauses zugebracht.

Zuweilen wurden auch kleine Konzerte gehalten, weil das jüngere fräulein das Klavier, die ältere aber die Laute spielte und schön sang, wobei sie von ihrem Bruder mit etlichen von seinen Leuten akkompagniert wurde. Der Gemütszustand des ältern Fräuleins störte dieses ruhige Glück. Sie war das einzige Kind, welches der Baron P. mit seiner ersten Gemahlin, einer Lady Watson, die er auf einer Gesandtschaft in England geheuratet, erzeugt hatte. Dieses fräulein schien zu aller sanften Liebenswürdigkeit einer Engländerin auch den melancholischen Charakter, der diese Nation bezeichnet, von ihrer Mutter geerbt zu haben. Ein stiller Gram war auf ihrem gesicht verbreitet. Sie liebte die Einsamkeit, verwendete sie aber allein auf fleissiges Lesen der besten Bücher, ohne gleichwohl die Gelegenheiten zu versäumen, wo sie, ohne fremde Gesellschaft, mit den Personen ihrer Familie allein sein konnte.

Der Baron, ihr Bruder, der sie zärtlich liebte, machte sich Kummer für ihre Gesundheit, er gab sich alle Mühe, sie zu zerstreuen und die Ursache ihrer rührenden Traurigkeit zu erfahren.

Etlichemal bat er sie, ihr Herz einem treuen zärtlichen Bruder zu entdecken. Sie sah ihn bedenklich an, dankte ihm für seine sorge und bat ihn mit tränenden Augen, ihr ihr Geheimnis zu lassen und sie zu lieben. Dieses machte ihn unruhig. Er besorgte, irgendein begangener Fehler möchte die Grundlage dieser Betrübnis sein, beobachtete sie in allem auf das genaueste, konnte aber keine Spur entdecken, die ihn zu der geringsten Bestärkung einer solchen Besorgnis hätte leiten können.

Immer war sie unter seinen oder ihrer Mutter Augen, redete mit niemand im haus und vermied alle Arten von Umgang. Einige Zeit überwand sie sich und blieb in Gesellschaft; und eine ruhige Munterkeit machte Hoffnung, dass der melancholische Anfall vorüber wäre.

Zu diesem Vergnügen der Familie kam die unvermutete Ankunft des Obersten von Sternheim, von welchem diese ganze Familie so viel reden gehört und in seinen Briefen die Vortrefflichkeit seines Geistes und Herzens bewundert hatte. Er überraschte sie abends in ihrem Garten; die Entzückung des baron, und die neugierige Aufmerksamkeit der übrigen, ist nicht zu beschreiben. Es währte auch nicht lange, so flösste sein edles liebreiches Betragen dem ganzen haus eine gleiche Freude ein.

Der Oberste wurde als ein besonderer Freund des Hauses bei allen Bekannten vom Adel aufgeführt und kam in alle ihre Gesellschaften.

In dem haus des baron machte er die Erzählung seines Lebens, worin er ohne Weitläuftigkeit das Merkwürdige und Nützliche, was er gesehen, mit vieler Anmut und mit dem männlichen Tone, der den weisen Mann und den Menschenfreund bezeichnet, vortrug. Ihm wurde hingegen das Gemälde vom Landleben gemacht, wobei bald der Baron von den Vorteilen, welche die Gegenwart des Herrn den Untertanen verschafft, bald die alte Dame von demjenigen teil der ländlichen Wirtschaft, der die Familienmutter angeht, bald die beiden fräulein von den angenehmen Ergötzlichkeiten sprachen, die das Landleben in jeder Jahrszeit anbietet. Auf diese Abschilderung folgte diese Frage:

"Mein Freund, wollten Sie nicht die übrigen Tage Ihres Lebens auf dem land zubringen?"

"Ja, lieber Baron! aber es müsste auf meinen eignen Gütern und in der Nachbarschaft der Ihrigen sein."

"Das kann leicht geschehen, denn es ist eine kleine Meile von hier ein artiges Gut zu kaufen; ich habe die Erlaubnis