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zu geben, ich wollte für die Bezahlung sorgen. Mylord und das fräulein R. waren in dem Garten des Wirtshauses, wo ich sie antraf und ihnen für die gefälligkeit dankte, dass sie auf mich gewartet hatten. Mein Gesicht hatte den Ausdruck des Vergnügens, etwas Gutes getan zu haben; aber meine Augen waren noch rot von Weinen. Der Lord sah mich oft und ernstaft an und redete den ganzen übrigen Spaziergang sehr wenig mit mir, sondern unterhielt das fräulein R.; dies war mir desto angenehmer, weil es mich an einen Entwurf denken liess, dieser ganzen Familie so viel mir möglich aufzuhelfen, und dies, meine Emilia, ist das Stück urbaren Erdreichs, so ich angetroffen: wo ich Sorgen, Freundschaft und Dienste aussäen will. Die Ernte und der Nutzen soll den drei armen Kindern zugute kommen. Denn ich hoffe, dass die Eltern der Pflichten der natur getreu genug sein werden, um davon keinen andern Gebrauch, als zum Besten ihrer unschuldigen und unglücklichen Kinder zu machen. Gelingt mir alles, was ich tun will und was mir mein Herz angibt, so will ich meinen Aufentalt segnen; dann nun achte ich die Zeit, die ich hier bin, nicht mehr für verloren. Ich soll in wenigen Tagen von den Ursachen des Unglücks dieser Familie Nachricht erhalten, nach dem werde ich erst eigentlich wissen, was ich zu tun habe. Der Rat T* ist sehr krank, deswegen konnte die Frau noch nicht schreiben. Vorgestern kamen wir zurück.

Mylord Derby

an Mylord B * in Paris

Du bist begierig, den Fortgang meiner angezeigten Intrige zu wissen. Ich will dir alles sagen. Weil man doch immer einen Vertrauten haben muss, so kannst du diese Ehrenstelle vertreten und dabei für dich selbst lernen.

Lass dir nicht einfallen, zur Unzeit ein dummes Gelächter anzufangen, wenn ich dir frei bekenne, dass ich noch nicht viel würde gewonnen haben, wenn der Zufall nicht mehr als mein Nachdenken und die feinste Wendung meines Kopfs zu Beförderung meiner Absichten beigetragen hätte. Ich bin damit zufrieden; denn meine Liebesgeschichte stehet dadurch in der nämlichen Klasse wie die Staatsgeschäfte der Höfe; der Zufall tut bei vielen das meiste, und die Weisheit manches Ministers besteht allein darin, durch die Kenntnis der geschichte der vergangenen und gegenwärtigen Staaten diesen Augenblick des Zufalls zu benutzen und die übrige Welt glauben zu machen, dass es die Arbeit seiner tiefen Einsichten gewesen sei6. Nun sollst du sehen, wie ich diese Ähnlichkeit gefunden und wie ich mir eine unvorgesehene gelegenheit durch die Historie der Leidenschaften und die Kenntnisse des weiblichen Herzens zu bedienen gewusst habe.

Ich war vor einigen Tagen in einer ungeduldigen Verlegenheit über die Auswahl der Mittel, die ich brauchen müsste, um das fräulein von Sternheim zu gewinnen. Hätte sie nur gewöhnlichen Witz und gewöhnliche Tugend, so wäre mein Plan leicht gewesen; aber da sie ganz eigentlich nach grundsätzen denkt und handelt, so ist alles, wodurch ich sonst gefiel, bei ihr verloren. Besitzen muss ich sie, und das mit ihrer Einwilligung. Dazu gehört, dass ich mir ihr Vertrauen und ihre Neigung erwerbe. Nun bleibt mir nichts übrig, als mir, wie der Minister, zufällige Anlässe nützlich zu machen. Von beiden erfuhr ich letztin die probe auf dem Landgut der Gräfin F*. Ich wusste, dass das fräulein mit ihrer Tante auf etliche Tage hinging, und fand mich auch ein. Ich kam zweimal mit meiner Göttin und dem fräulein R. allein auf den Spaziergang und hatte Anlass, etwas von meinen Reisen zu erzählen. Du weisst, dass meine Augen gute Beobachter sind und dass ich manche halbe Stunde ganz artig schwatzen kann. Der Gegenstand war von Gebäuden und Gärten. Das fräulein von Sternheim liebt Verstand und Kenntnisse. Ich machte mir ihre Aufmerksamkeit ganz vorteilhaft zunutze und habe ihre achtung für meinen Verstand so weit erhalten, dass sie eine Zeichnung zu sich nahm, die ich währender Erzählung von einem Garten in England machte. Sie sagte dabei zu fräulein R.: "Dieses Papier will ich zu einem Beweis aufheben, dass es Kavaliere gibt, die zu ihrem Nutzen und zum Vergnügen ihrer Freunde reisen." Dies ist ein wichtiger Schritt, der mich weit genug führen wird. Keine lächerliche Grimasse, dummer Junge, dass du mich über diese Kleinigkeit froh siehst, da ich es sonst kaum über den ganzen Sieg war; ich sage dir, das Mädchen ist ausserordentlich. Aus ihren fragen bemerkte ich eine vorzügliche Neigung für England, die mir ohne meine Bemühung von selbst Dienste tun wird. Ich redete vergnügt und ruhig fort; denn da sie durch die gleichgültige Gegenstände unserer Unterredung zufrieden und vertraut wurde, so hütete ich mich sehr, meine Liebe und eine besondere Aufmerksamkeit zu entdecken. Aber bald wäre ich aus meiner Fassung geraten, weil ich eine Veränderung der stimme und Gesichtszüge des Fräuleins von Sternheim wahrnahm. Sie schien bewegt; ihre Antworten waren abgebrochen; ich redete aber mit fräulein R., soviel ich konnte, gleichgültig fort, beobachtete aber die Sternheim genau. Indem brachte uns ein erhöheter gang in dem Garten auf einen Platz, wo man das freie Feld entdeckte. Wir blieben stehen. Das bezaubernde fräulein von Sternheim heftete ihre Blikke auf eine gewisse Gegend; eine feine Röte überzog ihr Gesicht und ihre Brust, die von der Empfindung des Vergnügens eine schnellere Bewegung zu erhalten schien. sehnsucht war in ihrem Gesicht verbreitet, und eine Minute darauf stunde eine Träne in ihren Augen. B*, alles, was ich jemals