ja nicht unter die zu geraten, welche nur durch Erfahrung und eigenes Elend besser werden können.
fräulein von Sternheim
an Emilien
Ich danke Ihnen, meine wahre Freundin, dass Sie mich an den teil meiner Erziehung zurückgewiesen, der mich anführte, mich an den Platz der Personen zu stellen, wovon ich urteilen wollte; aber nicht allein, um zu sehen, was ich in ihren Umständen würde getan haben, sondern auch mir die so nötige menschenfreundliche Behutsamkeit zu geben, "nicht alles, was meinen grundsätzen, meinen Neigungen zuwider ist, als böse oder niedrig anzusehen". Sie haben mich daran erinnert, weil Ihnen meine Unzufriedenheit mit den Hofleuten zu unbillig und zu lebhaft und beinahe ungerecht schien. Ich habe Ihnen gefolgt und dadurch die zwote Quelle meiner Verbesserung gefunden, indem ich meine Abneigung vor dem hof durch die Vorstellung gemässigt, dass gleichwie in der materiellen Welt alle mögliche Arten von Dingen ihren angewiesenen Kreis haben, darin sie alles antreffen, was zu ihrer Vollkommenheit beitragen kann: so möge auch in der moralischen Welt das Hofleben der Kreis sein, in welchem allein gewisse Fähigkeiten unsers Geistes und Körpers ihre vollkommene Ausbildung erlangen können; als z E. die höchste Stufe des feinen Geschmacks in allem, was die Sinnen rührt und von der Einbildungskraft abhängt; dahin nicht allein die unendliche Menge Sachen aller Künste und beinahe aller Notdürftigkeiten von Nahrung, Kleidung, Gerätschaft nebst allen Arten von Verzierungen gehören, deren alle Gattungen von äusserlichen Gegenständen fähig sind, sich beziehen. Der Hof ist auch der schicklichste Schauplatz, die ausserordentliche Biegsamkeit unsers Geistes und Körpers zu beweisen; eine Fähigkeit, die sich daselbst in einer unendlichen Menge feiner Wendungen in Gedanken, Ausdruck und Gebärden, ja selbst in moralischen Handlungen äussert, je nachdem Politik, Glück oder Ehrgeiz von einer oder andern Seite eine Bewegung in der Hofluft verursachen. Viele Teile der schönen Wissenschaften haben ihre völlige Auspolierung in der grossen Welt zu erhalten; gleichwie Sprachen und Sitten allein von den da wohnenden Grazien eine ausgesuchte angenehme Einkleidung bekommen. Alles dieses sind schätzbare Vorzüge, die auf einen grossen teil der menschlichen Glückseligkeit ihren Einfluss haben und wohl ganz sicher Bestandteile davon ausmachen. Das Pflanzenund Tierreich hat seine Züge von Schönheit und Zierlichkeit in Form, Ebenmass und Farbenmischung; auch die rauhesten Nationen haben Ideen von Verschönerung. Unser Gesicht, Geschmack und Gefühl sind auch nicht umsonst mit so grosser Empfindlichkeit im Vergleichen, Wählen, Verwerfen und Zusammensetzen begabt, so dass es ganz billig ist, diese Fähigkeiten zu benutzen, wenn nur die Menschen nicht so leicht und so gerne über die Grenzen träten, die für alles gezogen sind. Doch wer weiss, ob nicht selbst dieses Überschreiten der Grenzen seine Triebfeder in der Begierde nach Vermehrung der Vollkommenheit unsers Zustandes hat? Einer Begierde, die der grösste Beweis der Güte unsers Schöpfers ist, weil sie, so sehr sie in gesunden und glücklichen Tagen irrig und übel verwendet wird, dennoch im Unglück, in dem Zeitpunkt der Auflösung unsers Wesens, ihre Aussicht und Hoffnung auf eine andere Welt und dort immer daurende unabänderliche Glückseligkeiten und Tugenden wendet und dadurch allein einen Trost erteilt, welchen alle andre Hülfsmittel nicht geben können. Sie denken leicht, meine Emilia, in wieviel Stunden des Nachdenkens und Überlegens sich alle diese hier nur flüchtig berührte Gegenstände abteilen lassen, und Sie sehen auch, dass mir dabei, neben den übrigen Zerstreuungen, die mir das Haus meiner Tante gibt, kein Augenblick zu Langerweile bleibt.
Nun will ich Sie zu dem Stück urbaren Erdreichs führen, das ich angetroffen habe. Dieses geschah auf dem Landgute des Grafen von F*. Eine Brunnenkur, deren sich die Gräfin bedient, gab gelegenheit, dass wir auf ein paar Tage zu einem Besuch dahin reisten. Meine Tante hatte die Gräfin B* und das fräulein R. auch hinbestellt, und der Zufall brachte den Lord Derby dazu. Gut, Haus und Garten ist sehr schön. Die Damen hatten viele kleine weibliche Angelegenheiten unter sich auszumachen; man schickte also das fräulein R. und mich mit Herrn Derby auf einen Spaziergang. Erst durchliefen wir das ganze Haus und den Garten, wo Mylord in Wahrheit ein angenehmer Gesellschafter war, indem er uns von der Verschiedenheit unterhielt, die der Nationalgeist eines jeden volkes in die Bauart und die Verzierungen legte. Er machte uns Beschreibungen und Vergleichungen von englischen, italienischen und französischen Gärten und Häusern, zeichnete auch wohl eines und das andre mit einer ungemeinen Fertigkeit und ganz artig ab. Kurz, wir waren mit unserm Spaziergang so wohl zufrieden, dass wir Abrede nahmen, den andern Tag nach dem Frühstück auf das freie Feld und in dem dorf herumzugehen.
Es waren zwei glückliche Tage für mich. Landluft, freie Aussicht, Ruhe, schöne natur, der Segen des Schöpfers auf Wiesen und Kornfeldern, die Emsigkeit des Landmanns. – Mit wieviel Zärtlichkeit und Bewegung heftete ich meine Blicke auf dies alles! Wieviel Erinnerungen brachte es in mein Herz von verflossenen zeiten, von genossener Zufriedenheit! Wie eifrig machte ich Wünsche für meine Untertanen; für Segen zu ihrer Arbeit und für die Zurückkunft meiner Tante R.! Sie wissen, meine Emilia, dass mein Gesicht allezeit die Empfindungen meiner Seele ausdrückt. Ich mag zärtlich und gerührt ausgesehen haben; der Ton meiner stimme stimmte zu diesen Zügen. Aber Lord Derby erschreckte mich beinahe durch das Feuer, mit dem er mich betrachtete, durch den Eifer und die Hastigkeit, womit er mich bei der Hand fasste, und auf englisch sagte: "Gott! wenn die Liebe einmal