Hastigkeit die Leute bemüht sind, einen Tag ihres Lebens auf die Seite zu räumen; wie oft der Hofton, der Modegeist, die edelsten Bewegungen eines von natur vortrefflichen Herzen unterdrückt und, um das Auszischen der Modeherren und Modedamen zu vermeiden, mit ihnen lachen und beistimmen heisst: dies erfüllt mich mit Verachtung und Mitleiden. Der Durst nach Ergötzlichkeiten, nach neuem Putz, nach Bewunderung eines Kleides, eines Meubles, einer neuen schädlichen Speise, o meine Emilia! wie bange, wie übel wird meiner Seele dabei zumute, weil ich gewöhnt bin, allen Sachen ihren eigentlichen Wert zu geben! Ich will von dem falschen Ehrgeiz nicht reden, der so viele niedrige Intrigen anspinnt, vor dem im Glücke sitzenden Laster kriecht, Tugend und Verdienste mit Verachtung ansieht, ohne Empfindung Elende macht. – Wie glücklich sind Sie, meine Freundin! Ihre Geburt, Ihre Umstände haben Sie nicht von dem Ziel unserer moralischen Bestimmung entfernt; Sie können ohne Scheu, ohne Hindernis alle Tugenden, alle edlen und nützlichen Talente üben; in den Tagen Ihrer Gesundheit, in den Jahren Ihrer Kräfte alles Gute tun, was die meisten in der grossen Welt in ihren letzten Stunden wünschen getan zu haben!
Indessen geniessen dennoch Religion und Tugend ganz schätzbare Ehrenbezeugungen. Die Hofkirchen sind prächtig geziert, die besten Redner sind zu Predigern darinnen angestellt, die Gottesdienste werden ordentlich und ehrerbietig besucht; der Wohlstand im Reden, im Bezeugen wird genau und ängstlich beobachtet; kein Laster darf ohne Maske erscheinen; ja selbst die Tugend der Nächstenliebe erhält eine Art von Verehrung in den ausgesuchten und feinen Schmeicheleien, die immer eines der Eigenliebe des andern macht. Alles dieses ist eine Quelle zu moralischen Betrachtungen für mich worden, aus welcher ich den Nutzen schöpfe, in den grundsätzen meiner Erziehung immer mehr und mehr bestärkt zu werden. Oft beschäftigt sich meine Phantasie mit dem Entwurf einer Vereinigung der Pflichten einer Hofdame, zu denen sie von ihrem Schicksal angewiesen worden, mit den Pflichten der vollkommenen Tugend, welche zu dem Grundbau unserer ewigen Glückseligkeit erfodert wird. Es lässt sich eine Verbindung denken; allein es ist so schwer, sie immer in einer gleichen Stärke zu erhalten, dass mich nicht wundert, so wenig Personen zu sehen, die darum bekümmert sind. – Wie oft denke ich, wenn ein Mann, wie mein Vater war, den Platz des ersten Ministers hätte, dieser Mann wäre der verehrungswürdigste und glücklichste der Menschen.
Es ist wahr, viele Mühseligkeit würde seine Tage begleiten; doch die Betrachtung des grossen Kreises, in welchem er seine Talente und sein Herz zum Besten vieler tausend Lebenden und Nachkommenden verwenden könnte; diese Aussicht, die schönste für eine wahrhaft erhabne und gütige Seele, müsste ihm alles leicht und angenehm machen. Die Kenntnis des menschlichen Herzens würde seinem feinen geist den Weg weisen, das Vertrauen des Fürsten zu gewinnen; seine Rechtschaffenheit, tiefe Einsicht und Stärke der Seele, fänden dadurch ihre natürliche Obermacht unterstützt, so dass die übrigen Hof- und Dienstleute sich für den Zügel und das Leitband des weisen und tugendhaften Ministers ebenso lenksam zeigen würden, als man sie täglich bei den Unvollkommenheiten des Kopfs und den Fehlern des Herzens derjenigen sieht, von welchen sie Glück und Beförderung erwarten. So, meine Emilia, beschäftigt sich meine Seele oft, seitdem ich von den Umständen, dem Charakter und den Pflichten dieser oder jener person unterrichtet bin. Meine Phantasie stellt mich nach der Reihe an den Platz derer, die ich beurteile; dann messe ich die allgemeinen moralischen Pflichten, die unser Schöpfer jedem Menschen, wer er auch sei, durch ewige unveränderliche gesetz auferlegt hat, nach dem Vermögen und der Einsicht ab, so diese person hat, sie in Ausübung zu bringen. Auf diese Weise war ich schon Fürst, Fürstin, Minister, Hofdame, Favorit, Mutter von diesen Kindern, Gemahlin jenes Mannes, ja sogar auch einmal in dem Platz einer regierenden und alles führenden Mätresse; und überall fand ich gelegenheit, auf mannigfaltige Weise Güte und Klugheit auszuüben, ohne dass die Charakter oder die politische Umstände in eine unangenehme Einförmigkeit gefallen waren. Bei vielen habe ich Ideen und Handlungen angetroffen, deren Richtigkeit, Güte und Schönheit ich so leicht nicht hatte erreichen, noch weniger verbessern können; aber auch bei vielen war ich mit meinem Kopf und Herzen besser zufrieden als mit dem ihrigen. Natürlicherweise führte mich die Billigkeit nach diesen phantastischen Reisen meiner Eigenliebe auf mich selbst und die Pflichten zurück, die mir auszurichten angewiesen sind. Sie verband mich, so genau und streng in Berechnung meiner Talente und Kräfte für meinen Wirkungskreis zu sein, als ich es gegen andre war; und dadurch, meine Emilia, habe ich eine Quelle entdeckt, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst zu verstärken, Kenntnisse, Empfindung und Überzeugung des Guten tiefer in mein Herz zu graben und mich von Tag zu Tag mehr zu versichern, wie sehr ein grosser Beobachter der menschlichen Handlungen recht hatte, zu behaupten: "dass sehr wenige Personen sein, welche das ganze Mass ihrer moralischen und physikalischen Kräfte nützten". Denn in Wahrheit, ich habe viele leere Stellen in dem Zirkel meines Lebens gefunden, zum teil auch solche, die mit verwerflichen Sachen und nichts werten Kleinigkeiten ausgefüllt waren. Das soll nun weggeräumt werden, und weil ich nicht unter der glücklichen Klasse von Leuten bin, die gleich von Haus aus ganz klug, ganz gut sind, so will ich doch unter die gehören, die durch Wahrnehmungen des Schadens der andern weise und rechtschaffen werden, um