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; aber, mein Freund, ich konnte mich nicht entalten, in meinem Herzen zu sagen, so lächelt Satan, wenn er sich eines giftigen Anschlags bewusst ist.

fräulein von Sternheim

an Emilien

Ihr Stilleschweigen, meine Freundin, dünket mich und Rosinen sehr lange und unbillig; aber ich werde mich wegen der Unruhe, die Sie mir dadurch gemacht, nicht anders rächen, als Ihnen, wenn ich einmal eine lange Reise mache, auf halbem Wege zu schreiben; denn da ich weiss, wie Sie mich lieben, so könnte ich den Gedanken nicht ertragen, Ihrem zärtlichen Herzen den Kummer für mich zu geben, den das meinige in dieser gelegenheit für Sie gelitten. Aber Ihre glückliche Ankunft in W. und Ihr Vergnügen über Ihre Aussicht in die Zukunft hat mich dafür belohnt. Auch ohne dies, wie sehr, meine Emilia, bin ich erfreut, dass mir mein Schicksal zu gleicher Zeit einen vergnügten Gegenstand zu etlichen Briefen an Sie gegeben hat! Denn hätte ich fortfahren müssen, über verdriessliche Begegnisse zu klagen, so wäre Ihre Zufriedenheit durch mich gestört worden, da Ihr liebreiches Herz einen so lebhaften Anteil an allem nimmt, was mich und die seltene Empfindsamkeit meiner Seele betrifft. Ich habe in dieser für mich so dürren moralischen Gegend, die ich seit drei Monaten durchwandre, zwei angenehme Quellen und ein Stück urbares Erdreich angetroffen, wobei ich mich eine Zeitlang aufhalten werde, um bei dem ersten meinen Geist und mein Herz zu erfrischen und für die Anpflanzung und Kultur guter Früchte bei dem letzteren zu sorgen. Doch ich will ohne Gleichnis reden. Sie wissen, dass die Erziehung, die ich genossen, meine Empfindungen und Vorstellungen von Vergnügen mehr auf das Einfache und Nützliche lenkte als auf das Künstliche und nur allein Belustigende. Ich sah die Zärtlichkeit meiner Mama niemals in Bewegung als bei Erzählung einer edlen, grossmütigen Handlung oder einer, so von der Ausübung der Pflichten und der Menschenliebe und andern Tugenden gemacht wurde. Niemals drückte sie mich mit mehr Liebe an ihr Herz, als wenn ich etwas sagte oder etwas für einen Freund des Hauses, für einen Bedienten oder Untertanen unternahm, so die Kennzeichen der Wohltätigkeit und Freude über anderer Vergnügen an sich hatte; und ich habe sehr wohl bemerkt, dass, wenn mir, wie tausend andern Kindern, ungefähr eine feine und schickliche Anmerkung oder ein Gedanke beigefallen, worüber oft die ganze Gesellschaft in Bewunderung und Lob ausgebrochen, sie nur einen Augenblick gelächelt und sofort die achtung, welche mir ihre Freunde zeigen wollten, auf die Seite des tätigen Lebens zu lenken gesucht, indem sie entweder etwas von meinem Fleiss in Erlernung einer Sprache, des Zeichnens, der Musik oder anderer Kenntnisse lobte, oder von einer erbetenen Belohnung oder Wohltat für jemand redte, und mir also dadurch zu erkennen gab, dass gute Handlungen viel ruhmwürdiger sein als die feinsten Gedanken. Wie einnehmend bewies mein Papa mir diesen Grundsatz, da er mich in dem Naturreiche auf die Betrachtung führte, dass die Gattungen der Blumen, welche nur zu Ergötzung des Auges dienten, viel weniger zahlreich und ihre Fruchtbarkeit weit schwächer wäre5 als der nützlichen Pflanzen, die zur Nahrung der Menschen und Tiere dienen; und waren nicht alle Tage seines Lebens mit der Ausübung dieses Satzes bezeichnet? Wie nützlich suchte er seinen Geist und seine Erfahrungen seinen Freunden zu machen? Was tat er für seine Untergebenen und für seine Untertanen? Nun, meine Emilie! mit diesen grundsätzen, mit diesen Neigungen kam ich in die grosse Welt, worin der meiste teil nur für auge und Ohr lebt, wo dem vortrefflichen Geist nicht erlaubt ist, sich anders als in einem vorübergehenden witzigen Einfalle zu zeigen; und Sie sehen, mit wie vielem Fleisse meine Eltern die Anlage zu diesem Talent in mir zu zerstören suchten.

Ganz ist es nicht von mir gewichen; doch bemerkte ich seine Gegenwart niemals mehr als in einem Anfalle von Missvergnügen oder Verachtung über jemands Ideen oder Handlungen. Urteilen Sie selbst darüber! Letztin wurde ich durch meine Liebe für Deutschland in ein Gespräch verflochten, worin ich die Verdienste meines Vaterlandes zu verteidigen suchte; ich tat es mit Eifer; meine Tante sagte mir nachher, ich hätte einen schönen Beweis gegeben, dass ich die Enkelin eines Professors sei. – Dieser Vorwurf ärgerte mich. Die Asche meines Vaters und Grossvaters war beleidigt, und meine Eigenliebe auch. Diese antwortete für alle dreie. "Es wäre mir lieber, durch meine Gesinnungen den Beweis zu geben, dass ich von edeldenkenden Seelen abstamme, als wenn ein schöner Name allein die Erinnerung gäbe, dass ich aus einem ehemals edlen Blute entsprossen sei." Dieses verursachte eine Kälte von einigen Tagen unter uns beiden; doch unvermerkt erwärmten wir uns wieder. Meine Tante, denke ich, weil sie nach dem alt adeligen Stolz fühlte, wie empfindlich es sein müsse, wenn einem der Mangel von Ahnen vorgeworfen würde; und ich, weil ich meine rächende Antwort missbilligte, die mich just auf eben die niedere Stufe setzte, auf welcher mir meine Tante den unedlen Vorwurf gemacht hatte. Doch es ist Zeit, Sie zu einer von den zwoen Quellen zu führen, wovon ich Ihnen nach meiner Liebe zur Bildersprache geredet habe.

Die erste hat sich in Privatbesuchen gezeigt, welche meine Tante empfängt und ablegt, worin ich eine Menge abwechselnder Betrachtungen über die unendliche Verschiedenheit der Charakter und Geister machen kann, die sich in Beurteilungen, Erzählungen, Wünschen und Klagen abdrücken. Aber was für einen Zirkel von Kleinigkeiten damit durchloffen wird; mit was für