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; bleibt er unter ihr, so fehlt seinem Werk die Vollkommenheit.

Die Linie der sittlichen Reize der Tänzerin dünkt mich ebenso fein gezogen; dann sie schien mir sehr oft übertreten zu werden.

Überhaupt bin ich es sehr zufrieden, ein Schauspiel gesehen zu haben, weil die Vorstellung, die ich davon hatte, dadurch ganz bestimmt worden ist; aber ich bin es auch zufrieden, wenn ich keines mehr sehe.

Nach der Komödie speiste ich mit der Prinzessin von W*, da wurde ich dem Fürsten vorgestellt. Was soll ich Ihnen davon sagen? Dass er ein schöner Mann und sehr höflich ist, dass er meinen werten Papa sehr gelobt hat und dass ich missvergnügt damit war. Ja, meine Emilia, ich kann nicht mehr so froh über die Lobsprüche sein, die man ihm gibt; der Ton, worin es geschieht, klingt mir gerade, als wenn man sagte: Ich weiss, dass Sie von Ihrem Vater sehr eingenommen sind, ich sage Ihnen also Gutes von ihm. Und dann, mein Kind, muss ich Ihnen sagen, dass die Blicke, die der Fürst auf mich warf, auch das Beste verdorben hätten, das er hätte sagen können.

Was für Blicke, meine Liebe! Gott bewahre mich, sie wieder zu sehen! Wie hasste ich die spanische Kleidung, die mir nichts als eine Palatine erlaubte. Wäre ich jemals auf meine Leibesgestalt stolz gewesen, so hätte ich gestern dafür gebüsst. Der bitterste Schmerz durchdrang mich bei dem Gedanken, der Gegenstand so hässlicher Blicke zu sein. Meine Emilia, ich mag nicht mehr hier sein; ich will zu Ihnen, zu den Gebeinen meiner Eltern. Die Gräfin R. bleibt zu lange weg.

Heute erzählte mir die Gräfin F. mit vielem Wortgepränge das Lob des Fürsten über meine person und meinen Geist.

Morgen gibt der Graf ein grosses Mittagessen, und ich soll dabei sein. Niemals, seitdem ich hier bin, hatte ich die Empfindungen eines Vergnügens nach meinem Geschmack. Die Freundschaft des fräulein C* war das einzige, was mich erfreute; aber auch diese ist nicht mehr, was sie war. Sie spricht so kalt; sie besucht mich nicht mehr; wir kommen beim Spiel nicht mehr zusammen; und wenn ich mich ihr oder dem Mylord Seimour nähere, welche immer zusammen reden, so schweigen sie, und Mylord entfernt sich traurig, bewegt; und das fräulein sieht ihm nach und ist zerstreut. Was soll ich denken? Will das fräulein nicht, dass ich Mylorden spreche? Geht er weg, um ihr seine vollkommene Ergebenheit zu zeigen? Denn er redt mit keiner andern Seele als mit ihr. O mein Kind, wie fremd ist mein Herz in diesem land! Ich, die mein Glück für anderer ihres hingäbe, ich muss die sorge sehen, dass ich es zu stören denke. liebes fräulein C*, ich will Ihnen diese Unruhe nehmen; denn ich werde meinen Augen das Vergnügen versagen, Mylord Seimour anzuschauen. Meine Blicke waren ohnehin flüchtig genug. Ich will Sie selbst nicht mehr aufsuchen, wenn Sie in einem glücklichen gespräche mit dem liebenswerten mann begriffen sind. – Sie sollen sehen, dass Sophie Sternheim das Glück ihres Herzens durch keinen Raub zu erhalten sucht! – Emilia, eine Träne füllte mein Auge bei diesem Gedanken. Aber der Verlust einer geliebten Freundin, der einzigen, die ich hier hatte, der Verlust des Umgangs eines würdigen Mannes, den ich hochschätze, dieser Verlust verdient eine Träne. D. wird mich keine andre kosten; morgen, mein Kind, morgen wünsche ich abzureisen.

Warum sagt mir Ihr Brief nichts von meinem Pflegvater; warum nichts von Ihrer Reise und Ihrem Gesellschafter?

Emilia, Ihre Briefe, Ihre Liebe und Vertrauen sind alles Gute, so ich noch erwarte.

D. hat nichtsnichts für mich.

Mylord Derby

an seinen Freund in Paris

Bald werde ich deinen albernen Erzählungen ein Ende machen, die ich bisher nur deswegen geduldet, weil ich sehen wollte, wie weit du deine Prahlerei in dem Angesichte deines Meisters treiben würdest. Auch solltest du heute die Geissel meiner Satyre fühlen, wenn ich nicht im Sinne hätte, dir den Entwurf einer deutsch-galanten Historie zu zeigen, zu deren Ausführung ich mich fertig mache. Was wollen die Pariser Eroberungen sagen, die du nur durch Gold erhältst? Dann was würde sonst eine Französin mit deinem breiten Gesicht und hagern Figürchen machen; die Eroberungen der Herren Mylords in Paris, was sind die? Eine Kokette, eine Aktrice, beide artig einnehmend; aber sie waren es schon für so viel Leute, dass man ein Tor sein muss, sich darüber zu beloben. War ich nicht auch da, meine schöne Herren? und weiss ich nicht ganz sicher, dass die wohlerzogene Tochter eines angesehenen Hauses und die geistvolle achtungswerte Frau gar nicht die Bekanntschaften sind, die man uns machen lässt? Also prahle mir nicht mehr, mein guter B*, denn von Siegen wie die eurige ist kein Triumphlied zu singen. Aber ein den Göttern gewidmetes Meisterstück der natur und der Kunst zu erbeuten, den Argus der Klugheit und Tugend einzuschläfern, Staatsminister zu betrügen, alle weitergesuchte Vorbereitungen eines gefährlichen und geliebten Nebenbuhlers zu zernichten, ohne dass man die Hand gewahr wird, welche an der Zerstörung arbeitet, dies verdient angemerkt zu werden!

Du weisst, dass ich der Liebe niemals keine andere Gewalt als über meine Sinnen gelassen habe, deren feinstes und lebhaftestes Vergnügen sie ist. Daher war die Wahl