ich Unzufriedenheit an ihr. Man hob die Tafel bald auf, um zu spielen; die Prinzessin nahm das fräulein zu sich, ging bei den Spieltischen mit ihr herum, setzte sich auf den Sofa und redete sehr freundlich mit ihr. Der Fürst kam, nachdem er eine Tour mit Mylorden gespielt hatte, auch dazu.
Den zweeten Tag sagte Graf F. zu Mylord; er wünschte dem Löbau alles Böse auf den Hals, das fräulein hieher gebracht zu haben. Sie ist ganz dazu gemacht, um eine heftige leidenschaft zu erwecken; aber ein Mädchen, das keine Eitelkeit auf ihre Reize hat, bei einem Schauspiel nichts als die vereinigte Mühe von vielerlei Talenten betrachtet, an einer ausgesuchten Tafel nichts als eine Äpfel-Kompotte isst, wasser dazu trinkt, an einem hof nach dem haus eines Landpfarrers seufzet und bei allem dem voll Geist und voll Empfindung ist – ein solches Mädchen ist schwer zu gewinnen!
Gott wolle es, dachte' ich; lange kann ich den gewaltsamen Stand, in dem ich bin, nicht aushalten!
Schreiben Sie mir bald; sagen Sie mir, was Sie von mir denken, und was ich hätte tun sollen.
Das fräulein von Sternheim
an Emilia
O meine Emilia! wie nötig ist mir eine erquickende Unterhaltung mit einer zärtlichen und tugendhaften Freundin!
Wissen Sie, dass ich den Tag, an dem ich mich zu der Reise nach D. bereden liess, für einen unglücklichen Tag ansehe. Ich bin ganz aus dem Kreise gezogen worden, den ich mit einer so seligen Ruhe und Zufriedenheit durchging. Ich bin hier niemanden, am wenigsten mir selbst, nütze; das Beste, was ich denke und empfinde, darf ich nicht sagen, weil man mich lächerlich-ernstaft findet; und so viel Mühe ich mir gebe, aus gefälligkeit gegen die Personen, bei denen ich bin, ihre Sprache zu reden, so ist doch meine Tante selten mit mir zufrieden, und ich, Emilia, noch seltner mit ihr. Ich bin nicht eigensinnig, mein Kind, in Wahrheit, ich bin es nicht; ich fodere nicht, dass jemand hier denken solle wie ich; ich sehe zu sehr ein, dass es eine moralische Unmöglichkeit ist. Ich nehme keinem übel, dass der Morgen am Putztische, der Nachmittag in Besuchen, der Abend und die Nacht mit Spielen hingebracht wird. Es ist hier die grosse Welt, und diese hat die Einrichtung ihres Lebens mit dieser Haupteinteilung angefangen. Ich bin auch sehr von der Verwunderung zurückgekommen, in die ich sonst geriet, wenn ich an Personen, die meine selige Grossmama besuchten, einen so grossen Mangel an guten Kenntnissen sah, da sie doch von natur mit vielen Fähigkeiten begabt waren. Es ist nicht möglich, meine Liebe, dass eine junge person in diesem betäubenden Geräusche von lärmenden Zeitvertreiben einen Augenblick finde, sich zu sammeln. Kurz, alle hier sind an diese Lebensart und an die herrschenden Begriffe von Glück und Vergnügen gewöhnt und lieben sie ebenso, wie ich die Grundsätze und Begriffe liebe, welche Unterricht und Beispiel in meine Seele gelegt haben. Aber man ist mit meiner Nachsicht, mit meiner Billigkeit nicht zufrieden; ich soll denken und empfinden wie sie, ich soll freudig über meinen wohlgeratnen Putz, glücklich durch den Beifall der andern und entzückt über den Entwurf eines Soupers, eines Balls werden. Die Opera, weil es die erste war, die ich sah, hätte mich ausser mir selbst setzen sollen, und der Himmel weiss, was für elendes Vergnügen ich in dem Lob des Fürsten habe Enden sollen. Alle Augenblicke wurde ich in der Komödie gefragt: "Nun wie gefällt's Ihnen, fräulein?"
"Gut", sagte ich ganz gelassen; "es ist vollkommen nach der idee, die ich mir von diesen Schauspielen machte." Da war man missvergnügt und sah mich als eine person an, die nicht wisse, was sie rede. Es mag sein, Emilia, dass es ein Fehler meiner Empfindungen ist, dass ich die Schauspiele nicht liebe, und ich halte es für eine wirkung des Eindrucks, den die Beschreibung des Lächerlichen und Unnatürlichen eines auf dem Schlachtfeld singenden Generals und einer sterbenden Liebhaberin, die ihr Leben mit einem Triller schliesst, so ich im Englischen gelesen habe, auf mich machte. Ich kann auch niemand tadeln, der diese Ergötzlichkeiten liebt. Wenn man die Verbindung so vieler Künste ansieht, die für unser auge und Ohr dabei arbeiten, so ist schon dieses angenehm zu betrachten; und ich finde nichts natürlicher als die Leidenschaften, die eine Aktrice oder Tänzerin einflösst. Die Intelligenz (lassen Sie mir dieses Wort), mit welcher die erste ihre Rolle spielt, da sie ganz in dem Charakter, den sie vorstellt, eintritt, von edlen zärtlichen Gesinnungen mit voller Seele redt, selbst schön dabei ist und die ausgesuchte Kleidung, die affektvolleste Musik mit allen Verzierungen des Teaters dabei zu Gehülfen hat – wo will sich der junge Mann retten, der mit einem empfindlichen Herzen in den Saal tritt und da von natur und Kunst zugleich bestürmt wird?
Die Tänzerin, von muntern Grazien umgeben, jede Bewegung voll Reiz, in Wahrheit, Emilia, man soll sich nicht wundern, nicht zanken, wenn sie geliebt wird! Doch dünkt mich der Liebhaber der Aktrice edler als der von der Tänzerin. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Linie der Schönheit für den Maler und Bildhauer sehr fein gezogen sei; geht er darüber, so ist sie verloren