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sie diesen Brief nicht zu sehen bekommen kann, nicht verhindern, Ihnen zu sagen, dass diese vortreffliche Dame nächst jener den meisten Anteil an dem Wunsch hatte, mein Leben, wenn es möglich gewesen wäre, in dieser glücklichen Entfernung von der Welt hinzubringen. Stilles Verdienst, das nur desto mehr einnimmt: weil es nicht glänzen will, ein feiner, durch Belesenheit und Kenntnisse ausgeschmückter Geist, verbunden mit ungefärbter Aufrichtigkeit und Güte des Herzens, macht dieser Dame der Hochachtung und der Freundschaft jeder edlen Seele wert. Selbst der dichte Schleier, den ihre beinahe allzugrosse, wiewohl unaffektierte Bescheidenheit über ihre Vorzüge wirft, erhöht in meinen Augen den Wert derselben. Selten legt sie diesen anderswo als in dem Zimmer der Gräfin G. von sich, deren Beifall ihr eine Art von Gleichgültigkeit gegen alles andere Lob zu geben scheint; so wie sie auch der seltenen Geschicklichkeit, womit sie das Klavier spielt, und welche genug wäre, hundert andere stolz zu machen, nur darum, weil sie ihrer Freundin dadurch Vergnügen machen kann, einigen Wert beizulegen scheint. Ich kann nicht vergessen, unter den übrigen würdigen Damen dieses Stifts, der Grafen T. W., welche alle ihre Tage mit übenden Tugenden bezeichnet und einen teil ihrer besonderen Geschicklichkeit zum Unterricht armer Mädchen in allerlei künstlichen arbeiten verwendetund besonders der Fürstin, welche die Vorsteherin des Stifts ist, mit der zärtlichen Ehrerbietung zu erwähnen, welche sie durch die vollkommenste Leutseligkeit, eine sich selbst immer gleiche Heiterkeit der Seele und die Würde voll Anmut, womit sich diese Eigenschaften in ihrer ganzen person ausdrücken, allen, die sich ihr nähern, einflösst. Wenn ich etwas beneiden könnte, so würde es das Glück sein, unter der Leitung der erfahrnen Tugend und Klugheit einer so würdigen mütterlichen Vorsteherin meine Tage hinzubringen.

Ich begnüge mich, Ihnen, was den Hauptpunkt meiner Tante bei dieser Reise betrifft, zu melden, dass er vollkommen erreichet wurde; wir sind nun wieder in D., und der Menge von Besuchen, welche wir zu geben und anzunehmen hatten, messen Sie die Schuld bei, dass Sie so lange ohne Nachricht von mir geblieben sind.

Mylord Seimour

an den Doktor T * *

Lieber Freund, ich hörte Sie oft sagen, die Beobachtungen, die Sie auf Ihren Reisen durch Deutschland über den Grundcharakter dieser Nation gemacht, hätten in Ihnen den Wunsch hervorgebracht, auf einer Seite den Tiefsinn unsrer Philosophen mit dem metodischen Vortrag der Deutschen, und auf der andern das kalte und langsam gehende Blut ihrer übrigen Köpfe mit der feurigen Einbildungskraft der unsern vereinigt zu sehen. Sie suchten auch lang eine Mischung in mir hervorzubringen, wodurch meine heftigen Empfindungen möchten gemildert werden, indem Sie sagten, dass dieses die einzige Hindernis sei, warum ich in den Wissenschaften, die ich doch liebte, niemals zu einer gewissen Vollkommenheit gelangen würde. Sie gingen sanft und gütig mit mir um, weil Sie durch die Zärtlichkeit meines Herzens den Weg zu der Biegsamkeit meines Kopfs finden wollten; ich weiss nicht, mein teurer Freund, wie weit Sie damit gekommen sind; Sie haben mich das wahre Gute und Schöne erkennen und lieben gelehrt, ich wollte auch immer lieber sterben, als etwas Unedles oder Bösartiges tun, und doch zweifle ich, ob Sie mit der Ungeduld zufrieden sein würden, mit welcher ich das Ansehen meines Oheims über mich ertrage. Es deucht mir eine dreifache Last zu sein, die meine Seele in allen ihren Handlungen hindert; Mylord G. als Oheim, als reicher Mann, den ich erben soll, und als Minister, dem mich meine Stelle als Gesandtschaftsrat unterwirft. Fürchten Sie dennoch nicht, dass ich mich vergesse oder Mylorden beleidige; nein, soviel Gewalt habe ich über meine Bewegungen; sie werden durch nichts anders sichtbar als eine tötende Melancholie, die ich vergebens zu unterdrücken suche; aber warum mache ich so viele Umschweife, um Ihnen am Ende meines briefes etwas zu sagen, das ich gleich anfangs sagen wollte, dass ich in einer jungen Dame die schöne und glückliche Mischung der beiden Nationalcharaktere gesehen habe. Ihre Grossmutter mütterlicher Seite war eine Tochter des alten Sir Watson und ihr Vater der verdienstvolle Mann, dessen Andenken in dem edelsten Ruhme blühte. Diese junge Dame ist eine Freundin des fräulein C*, von welchem ich Ihnen schon geschrieben habe, das fräulein Sternheim ist aber erst seit einigen Wochen hier, und zwar zum erstenmal; vorher war sie immer auf dem land gewesen. Erwarten Sie keine Ausrufungen über ihre Schönheit; aber glauben Sie mir, wenn ich sage, dass alle mögliche Grazien, deren die Bildung und Bewegung eines Frauenzimmers fähig ist, in ihr vereinigt sind; eine holde Ernstaftigkeit in ihrem Gesicht, eine edle anständige Höflichkeit in ihrem Bezeugen, die äusserste Zärtlichkeit gegen ihre Freundin, eine anbetungswürdige Güte und die feinste Empfindsamkeit der Seele; ist dies nicht die Stärke des englischen Erbes von ihrer Grossmutter?4 Einen mit Wissenschaft und richtigen Begriffen gezierten Geist, ohne das geringste Vorurteil, männlichen Mut, Grundsätze zu zeigen und zu behaupten, viele Talente mit der liebenswürdigsten Sittsamkeit verbunden; dieses gab ihr der rechtschaffene Mann, der das Glück hatte, ihr Vater zu sein. Nach dieser Beschreibung, mein Freund, können Sie den Eindruck beurteilen, welchen sie auf mich machte. Niemals, niemals ist mein Herz so eingenommen, so zufrieden mit der Liebe gewesen! Aber was werden Sie dazu sagen, dass man dieses edle, reizende Mädchen zu einer Mätresse des Fürsten bestimmt? dass mir Mylord verboten, ihr