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viele Fremde gekommen, zu deren Unterhaltung man notwendigerweise Spieltische machen musste. Denn unter zwanzig Personen waren gewiss die meisten von sehr verschiedenem Geist und Sinnesart, welches sich bei der Mittagstafel und dem Spaziergang am stärksten äusserte, wo jeder nach seinen herrschenden Begriffen und Neigungen von allen vorkommenden Gegenständen redete, und wo öfters teils die feinern Empfindungen der Tugend, teils die Pflichten der Menschenfreundlichkeit beleidigt worden waren. Bei dem Spielen aber hatten alle nur einen Geist, indem sie sich denen dabei eingeführten Gesetzen ohne den geringsten Widerspruch unterwarfen; keines wurde unmutig, wenn man ihm sagte, dass hier und da wider die Regeln gefehlt worden sei; man gestund es, und besserte sich sogleich nach dem Rat eines Kunsterfahrnen.

Ich bewunderte und liebte die Erfindung des Spielens, da ich sie als ein Zauberband ansah, durch welches in einer Zeit von wenigen Minuten Leute von allerlei Nationen, ohne dass sie sich sprechen können, und von Personen von ganz entgegengesetzten Charaktern viele Stunden lang sehr gesellig verknüpft werden; da es ohne dieses Hülfsmittel beinahe unmöglich wäre, eine allgemeine gefällige Unterhaltung vorzuschlagen. Aber ich konnte mich nicht entalten, der Betrachtung nachzuhängen: Woher es komme, dass eine person vielerlei Gattungen von Spielen lernt und sehr sorgfältig allen Fehlern wider die gesetz davon auszuweichen sucht, so dass alles, was in dem Zimmer vorgeht, diese person zu keiner Vergessenheit oder Übertretung der Spielgesetze bringen kann; und eine Viertelstunde vorher war nichts vermögend, sie bei verschiednen Anlässen von Scherzen und Reden abzuhalten, die alle Vorschriften der Tugend und des Wohlstandes beleidigten. Ein andrer, der als ein edler Spieler gerühmt wurde und in der Tat ohne Gewinnsucht mit einer gleich gelassnen und freundlichen Miene spielte, hatte einige Zeit vorher, bei der Frage von herrschaft und Untertan, von den letzteren als Hunden gesprochen und einem jungen, die Regierung seiner Güter antretenden Kavalier die heftigste und liebloseste Massregeln angeraten, um die bauern in Furcht und Unterwürfigkeit zu erhalten und die Abgaben alle Jahre richtig einzutreiben, damit man in seinem standesgemässen Aufwand nicht gestöret würde. –

Warum? sagte mein Herz, warum kostet es die Leute weniger, sich den oft bloss willkürlichen Gesetzen eines Menschen zu unterwerfen, als den einfachen, wohltätigen Vorschriften, die der ewige Gesetzgeber zum Besten unsrer Nebenmenschen angeordnet hat? Warum darf man niemand erinnern, dass er wider diese gesetz fehle? Meiner Tante hätte ich diesen zufälligen Gedanken nicht sagen wollen; denn sie macht mir ohnehin immer Vorwürfe über meine strenge und zu scharf gespannte moralische Ideen, die mich, wie sie sagt, alle Freuden des Lebens misstönend finden liessen. Ich weiss nicht, warum man mich immer hierüber anklagt. Ich kann munter sein; ich liebe Gesellschaft, Musik, Tanz und Scherz. Aber die Menschenliebe und den Wohlstand kann ich nicht beleidigen sehen, ohne mein Missvergnügen darüber zu zeigen; und dann ist es mir auch unmöglich, an geist- und empfindungslosen Gesprächen einen angenehmen Unterhalt zu finden oder von nichtswürdigen Kleinigkeiten Tage lang reden zu hören.

O fände ich nur in jeder grossen Gesellschaft oder unter den Freunden unsers Hauses in D. eine person wie die Stiftsdame zu**, man würde den Ton meines Kopfs und Herzens nicht mehr mürrisch gestimmt finden! Diese edelmütige Dame lernte mich zu G. kennen, ihre erste Bewegung für mich war achtung, mich als eine Fremde etwas mehr als gezwungene Höflichkeit geniessen zu lassen. Ich hatte das Glück, ihr zu gefallen, und erhielt dadurch den Vorteil, den liebenswürdigen Charakter ihres Geistes und Herzens ganz kennenzulernen. Niemals habe ich die Fähigkeiten des einen und die Empfindungen des an dem in einem so gleichen Mass fein, edel und stark gefunden als in dieser Dame. Ihr Geist und die angenehme Laune, die ihren Witz charakterisiert, machen sie zu der angenehmsten Gesellschafterin, die ich jemals gesehen habe; [und beinahe möchte ich glauben, dass einer unsrer Dichter an sie gedacht habe, da er von einer liebenswürdigen Griechin sagte:

–Es hätt' ihr Witz auch Wangen ohne Rosen

Beliebt gemacht, ein Witz, dem 's nie an Reiz

gebrach,

Zu stechen oder liebzukosen

Gleich aufgelegt, doch lächelnd, wenn er stach,

Und ohne Gift–3

Sie besitzt die seltene Gabe, für alles, was sie sagt und schreibt, Ausdrücke zu finden, ohne dass sie das geringste Gesuchte an sich haben; alle ihre Gedanken sind wie ein schönes Bild, welches die Grazien in ein leichtes natürlich fliessendes Gewand eingehüllt haben. Ernstaft, munter oder freundschaftlich, in jedem Licht nimmt die Richtigkeit ihrer denkart und die natürliche ungeschmückte Schönheit ihrer Seele ein; und ein Herz voll Gefühl und Empfindung für alles, was gut und schön ist, ein Herz, das gemacht ist, durch die Freundschaft glücklich zu sein und glücklich zu machen, vollendet die Liebenswürdigkeit ihres Charakters.

Nur um dieser Dame willen habe ich mir zum ersten Male alte Ahnen gewünscht, damit ich Ansprüche auf einen Platz in ihrem Stifte machen und alle Tage meines Lebens mit ihr hinbringen könnte. Die Beschwerlichkeiten der Präbende würden mir an ihrer Seite sehr leichte werden.

Urteilen Sie selbst, ob es mir empfindlich war, diese liebenswürdige Gräfin wieder verlassen zu müssen; wiewohl sie die Gütigkeit hat, mich durch ihren Briefwechsel für den Verlust ihres reizenden Umgangs zu entschädigen. Sie sollen Briefe von ihr sehen und dann sagen, ob ich zu viel von den Reizungen ihres Geistes gesagt habe.

Die Bescheidenheit, welche einen besonderen Zug des Charakters ihrer Freundin, der Gräfin von G., ausmacht, soll mich, da