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vor dem Saal, bis mein onkel hinaussah und ihn einführte. Ich musste gleich noch vor dem Essen spielen und singen. Ich war nicht munter und sang mehr aus Instinkt als Wahl ein Lied, in welchem sehnsucht nach ländlicher Freiheit und Ruhe ausgedrückt war. Ich empfand selbst, dass mein Ton zu gerührt war; meine Tante rief auch: "Kind, du machst uns alle traurig; warum willst du uns zeigen, dass du uns so gerne verlassen möchtest? Singe was anders." Ich gehorchte still und nahm eine Gärtnerarie aus einer Opera, welche mit vielem Beifall aufgenommen wurde Mylord G. fragte: ob ich nicht englisch singen könnte? ich sagte, nein; aber wenn ich was hörte, so fiele mir's nicht schwer. Derby sang gleich, seine stimme ist schön, aber zu rasch. Ich akkompagnierte ihm, sang auch mit. Daraus machte man viel Lobens von meinem musikalischen Ohr.

Die Gräfin F. sagte mir Zärtlichkeiten; Lord Seimour nichts; er ging oft in den Garten allein und kam mit Zügen einer gewaltsamen Bewegung in der Seele zurück, redete aber nur mit fräulein C*, die auch gedankenvoll aussah. G. sah mich bedeutend an, doch war Vergnügen in seinem gesicht; Lord Derby hatte ein feuriges Falkenauge, in welchem Unruhe war, auf mich gerichtet. Mein onkel und meine Tante liebkosten mir. Um elf Uhr gingen wir schlafen, und ich schrieb noch diesen Brief. Gute Nacht, teure Emilia! Bitten Sie unsern ehrwürdigen Vater, dass er für mich bete! Ich finde Trost und Freude in diesem Gedanken.

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Ich wünsche, dass meine Tante immer kleine Reisen machte, ich würde sie mit viel mehr Vergnügen begleiten, als ich es unter dem immerwährenden Kreislauf unserer Hof- und Stadtvisiten tun kann. Mein onkel hat eine Halbschwester in dem Damenstift zu G., die er wegen einem reichen Erbe, so ihr zugefallen ist, zum Besten seiner Kinder zu gewinnen sucht.

Und aus dieser Ursache musste meine Tante mit ihren beiden Söhnen die Reise zu ihr machen. Sie nahm mich mit und verschaffte mir dadurch einen teil des Vergnügens, für welches ich am empfindlichsten bin, abwechselnde Szenen der natur und Kunst in ihren mannigfaltigen Abänderungen zu betrachten. Wäre es auch nichts als der Anblick der auf- und niedergehenden Sonne gewesen, so würde ich diese Ausflucht von D. geliebt haben; aber ich sah mehr. Der Weg, den wir zurückzulegen hatten, zeigte mir ein grosses Stück unsers deutschen Bodens und darin manchmal ein rauhes stiefmütterliches Land; welches von seinen leidenden geduldigen Einwohnern mit abgezehrten Händen angebaut wurde.

Zärtliches Mitleiden, Wünsche und Segen erfüllten mein Herz, als ich ihren sauren Fleiss und die traurigen, doch gelassnen Blicke sah, mit welchen sie den Zug unsrer zwoen Chaisen betrachteten. Die Ehrerbietung, mit der sie uns als Günstlinge der Vorsicht grüssten, hatte etwas sehr Rührendes vor mich; und ich suchte durch Gegenzeichen meiner menschlichen Verbrüderung mit ihnen, und auch durch einige Stükke Gelds, die ich den nächsten an unserm Wege ungebeten zuwarf, ihnen einen guten Augenblick zu schaffen. Besonders gab ich armen Weibern, die bei ihrer Arbeit hie und da ein Kind auf dem feld sitzen hatten. Ich dachte, meine Tante macht eine Reise zum verhofften Vorteil ihrer Söhne, und diese Frau verrichtet zum Besten der ihrigen eine kümmerliche Arbeit; ich will diese Mutter auch eine unerwartete Güte geniessen lassen.

Der reitende Bediente erzählte uns dann die Freude der armen Leute und den Dank, den sie uns nachriefen.

Reiche Felder, fette Triften und grosse Scheuren der bauern in andern Gegenden bewiesen mir das Glück ihrer günstigen Lage, und ich wünsche ihnen einen guten Gebrauch ihres Segens. Meine Empfindungen waren angenehm, wie sie es allezeit beim ersten Anblick der Kennzeichen des Glücks zu sein pflegen; bis nach und nach aus ihrer Betrachtung der Gedanke der Vergleichung unserer minder guten Umstände entspringt und der bittern Unzufriedenheit einen Zugang in die Seele gibt. Wir kehrten unterwegs auf dem schloss des Grafen von W. ein, dessen Beschreibung ich unmöglich vorbeigehen kann. Es ist an der Spitze eines berges erbaut und hat auf vierzehen Stunden weit die schönste Gegend eines mit Feldern, Wiesen und zerstreuten Bauerhöfen gezierten Tales vor sich liegen welches ein fischreicher Bach durchfliesst und waldichte Anhöhen umfassen. Auf dem Berge sind weitläuftige Gärten und Spaziergänge, nach dem edlen Geschmack des vorigen Besitzers angelegt, in welchem ich seinen Lieblingsgrundsatz, "das Angenehme immer mit dem Nützlichen zu verbinden", sehr schön ausgeführt sah.

Dieses und die vollkommene Edelmanns-Landwirtschaft die auserlesene Bibliotek, die Sammlung physikalischer Instrumenten, die edle, von Üppigkeit und Kargheit gleich weit entfernte Einrichtung des Hauses, die Stiftung eines Arztes für die ganze herrschaft, der lebenslängliche Unterhalt, dessen sich alle Hausbedienten zu erfreuen haben, die Wahl geschickter und rechtschaffener Männer auf den Beamtungen und eine Menge kluger Verordnungen zum Besten der Untertanen etc., alles sind lebende Denkmale des Geschmacks, der Einsichten und der edlen denkart des vormaligen Besitzers, der, nachdem er mit grösstem Ruhm viele Jahre die erste Stelle an einem grossen hof bekleidet hatte, seine letzten Tage auf diesem angenehmen Landsitz verlebte. Seine Güte und Leutseligkeit scheint seinen Erben mit den Gütern eigen geworden zu sein, daher sich immer die beste Gesellschaft der umliegenden Einwohner bei ihnen versammelt. Die sechs Tage über, welche wir da zubrachten, kam ich durch das Spielen auf eine idee, die ich gern von Herrn Br. untersucht haben möchte. Es waren