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fräulein C* sagte, sie sollte von mir lernen, ich spräche sehr gut. Wie er sich entfernte, so lag Mylord Seimour dem fräulein an, sie möchte sich doch die Mühe nehmen, nur lesen zu lernen; sie versprach's und sagte dabei, alle Tage, wo sie den Hofdienst nicht ganz hatte, wollte sie zu mir kommen.

"Dann habe aber ich kein Verdienst dabei", sagte er traurig.

"Sie sollen alle Wochen einmal zuhören, wieviel ich gelernt habe."

Er antwortete mit einer blossen Verbeugung.

Die Fürstin liess mich rufen. Ich musste ihr in ihr Kabinett folgen. "Da haben Sie meine Laute, liebe Sternheim," sagte sie, "alles spielt; lassen Sie mich allein Ihre stimme und Geschicklichkeit hören." Was konnte ich tun? Ich spielte und sang das erste Stück, das mir in die Finger kam. Sie umarmte mich; "liebenswürdiges Mädchen", sagte sie, "wie beschämen Sie alle bei Hof erzogene Damen durch die vielen Talente, die Sie auf dem land gesammelt haben!" – Sie führte mich an der Hand zurück in den Saal; ich musste bis zu Ende der Assemblee bei ihr bleiben, und sie sprach von hundert Sachen mit mir. Mylord Seimour sah mich oft an, und, meine Emilia (lesen Sie dies meinem lieben Pflegevater vor!), seine Achtsamkeit freute mich. Manche Augen gafften nach mir, aber sie waren mir zur Last, weil mich immer dünkte, es wäre ein Ausdruck darin, welcher meine Grundsätze beleidigte.

Heute machten wir einen Besuch bei der Gräfin F., gegen die ich mich bemühte gefällig zu sein. Man sieht wohl, dass ihr Gemahl ein Liebling des Fürsten ist; denn sie sprach beinahe von nichts als von Gnadenbezeugungen, welche sie genössen, machte auch viel Aufhebens von der Ergebenheit ihres Gemahls gegen einen Herrn, der alles würdig wäre. Diesem folgten grosse Lobeserhebungen des Prinzen; sie rühmte die Schönheit seiner person, allerhand Geschicklichkeiten, seinen guten Geschmack in allem, besonders in Festins, seine prächtige Freigebigkeit, worin er eine fürstliche Seele zeigte. (Ich dachte, die Dame möge freilich Ursache haben, diese letzte Eigenschaft so sehr anzupreisen.) Von seiner Neigung gegen das schöne Geschlecht sagte sie: "Wir sind Menschen; es sind freilich darin Ausschweifungen geschehen; aber das Unglück war nur, dass der Herr noch keinen Gegenstand gefunden hat, der seinen Geist ebensosehr als seine Augen gefesselt hätte; denn gewiss, eine solche person würde Wunder für das Land und für den Ruhm des Herrn gewürkt haben."

Meine Tante stimmte mit ein. Ich sass stille und fand in diesem Bilde eines Landesherrn keinen einzigen Zug von demjenigen, welches die Anmerkungen meines Vaters über den wahren Fürsten, bei Durchlesung der Historie, in meinem Gedächtnis gelassen hatten. Zumal, wenn ich es noch dabei nach den Grundzügen des deutschen National-Charakters beurteilte. – Ich war froh, dass man meine Gedanken nicht zu wissen verlangte; denn da mich die Gräfin in ihr Zimmer führte, um mir sein Bildnis in Lebensgrösse zu weisen, konnte ich wohl sagen, dass die Figur schön sei, wie sie es denn wirklich ist. Ich soll auch gemalt werden, will meine Tante. Ich kann es leiden; und schicke dann meiner Emilia eine Kopie; ich weiss, dass sie mir dafür dankt. Ich bitte mir die Gedanken meines Pflegvaters über diesen Brief aus.

Dritter Brief

Alles, was Sie in meinem letzteren Briefe gesehen haben, ist, dass Mylord Seimour seine beste Freundin in mir gefunden hat; und mein lieber Pflegvater betet für mich, weil es für menschliche Kräfte das einzige ist, das man nun für mich tun kann.

Emilia, Sie lieben mich; Sie kennen mich, und Sie dachten nicht an den Kummer, den mir dieser so viel bedeutende Gedanke Ihres Vaters geben konnte?

Ich erkenne alles; die lebhafte Hochachtung, welche ich für die Verdienste, für die Vorzüge des Charakters vom Mylord Seimour gezeigt habe, machen Sie besorgt für mich. Sein Sie ruhig, werte Freunde! Aller Anteil, den ich je an Mylord Seimour nehmen kann, ist der, den mir meine Liebe für das fräulein C* gibt; denn diese ist's, die er liebt; diese ist's, die er glücklich machen wird. Der teil, den ich davon geniesse, ist allein die Freude, die ein edles Herz in der Zufriedenheit seiner Freunde und in der Betrachtung der guten Eigenschaften seiner Nebenmenschen findet.

Noch eins, meine Emilia, ist für mich dabei: Weil ich von der Wirklichkeit eines vollkommenen edlen, gütigen und weisen liebenswürdigen Mannes überzeugt bin, so wird der Niederträchtige oder der blosse Witzling und der nur allein artige Mann niemals, niemals keine Gewalt über mein Herz erhalten; und dies ist viel Vorteil, den ich von der Bekanntschaft des Mylords habe.

Ich bedaure, dass die Krankheit des rechten Arms Ihres Papa ihm nicht zulässt, selbst an mich zu schreiben; nicht weil ich mit Ihren Briefen unzufrieden bin, sondern weil er mir mehr von seinen eignen Gedanken über mich sagen würde als Sie. Ich hoffe, der Zufall verliert sich, und dann bitte ich ihn, es zu tun.

Gestern waren wir bei einer grossen Mittagstafel bei Mylord G. Der Graf F. kam nachmittags dazu, und noch abends spät reiseten alle zum Fürsten. Der Graf ist ein angenehmer Mann von vielem Verstand. Seine