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dünkte mich, wären ihre freimütige, ganz liebreiche Augen, zu lang und zu bedeutend auf die Augen der Mannsleute geheftet gewesen. Ihr Verstand ist liebenswürdig, und alle ihre Ausdrücke sind mit dem Merkmal des gutgesinnten Herzens bezeichnet. Sie war in der ganzen Gesellschaft die person, die mir am besten gefiel, und ich werde mir das Anerbieten ihrer Freundschaft zunutze machen.

Endlich kam die Gräfin F***, für welche mir meine Tante viele achtung zu haben empfohlen hatte, weil ihr Gemahl meinem onkel in seinem Prozesse viele Dienste leisten könne. Ich tat alles, aber doch fühlte ich einen Unmut über die Vorstellung, dass die gefälligkeit der Nichte gegen die Frau des Ministers die Gerechtsamen des Oheims sollte stützen helfen. An seinem platz würde ich weder meine noch des Ministers Frau in diese Sache mengen, sondern eine männliche Sache mit Männern behandeln. Der Minister, den seine Frau führt, steht mir auch nicht an; doch ist alles dieses eine eingeführte Gewohnheitssache, worüber der eine nichts klagt und der andre nicht stutzig wird.

Das fräulein C** und die Gräfin F*** blieben beim Abendessen. Die Unterredungen waren belebt, aber so verflochten, dass ich keinen Auszug machen kann. Die Frau von F*** schmeichelte mir bei allen Gelegenheiten, ich mochte reden oder vorlegen. Wenn sie im Sinn hat, sich dadurch bei mir beliebt zu machen, so verfehlt sie ihren Zweck. Denn diese Frau werde ich nimmer lieben, wenn ich der stimme meines Herzens folge; und dann glaube ich nicht, dass mich eine Pflicht verbinde, meine Abneigung gegen sie zu überwinden, wie ich bei meiner Tante getan habe; wiewohl auch diese manchmal aufwachte. Aber das fräulein C** werde ich lieben. Sie war mit mir auf meinem Zimmer, wo wir so freundlich redeten, als kennten wir uns viele Jahre her. Sie sprach viel von ihrer Prinzessin, und wie diese mich lieben würde, indem ich ganz nach ihrem Geschmack wäre. Wie ich meine Laute und meine stimme hören lassen musste, gab sie mir noch mehr Versicherungen darüber, und ich erhielt überhaupt viele Lobsprüche. Der Ton und die Bezeugung der Hofleute sind in der Tat dadurch angenehm, weil die Eigenliebe eines jeden so wohl in acht genommen wird.

Meine Tante war mit mir zufrieden, wie sie sagte; denn sie hatte befürchtet, ich würde ein gar zu fremdes, gar zu ländliches Ansehen haben. Die Gräfin F*** hatte mich gelobt, aber etwas stolz und trocken gefunden. Ich war es auch. Ich kann die Versicherungen meiner Freundschaft und Hochachtung nicht enteiligen. Ich kann niemand betrügen und sie geben, wenn ich sie nicht fühle. Meine Emilia! mein Herz schlägt nicht für alle, ich werde in diesem Stocke vor der Welt immer ein Gespenst bleiben. Dies ist meine Empfindung. Kein fliegender unwilliger Gedanke. Ich war billig; ich legte keinem nichts zum Argen aus. Ich sagte zu mir: Eine Erziehung, welche falsche Ideen gibt, das Beispiel, so sie ernährt, die Verbundenheit wie andere zu leben, haben diese Personen von ihrem eignen Charakter und von der natürlichen sittlichen Bestimmung, wozu wir da sind, abgeführt: Ich betrachte sie als Leute, auf die eine Familienkränklichkeit fortgepflanzt ist; ich will liebreich mit ihnen umgehen, aber nicht vertraut, weil ich mich der sorge, mit ihrer Seuche angesteckt zu werden, nicht entalten kann.

So wünschen Sie mir dann eine dauerhafte Seelengesundheit, meine liebe Freundin, und lieben Sie mich. Unserm ehrwürdigen Papa alles Gute! wie wird er sich von seiner ihn so zärtlich besorgenden Emilie trennen können? Aber wie glücklich treten Sie den Kreis des ehlichen Lebens an, da Sie den treuen Segen eines würdigen Vaters und alle Tugenden Ihres Geschlechts mit sich bringen! Grüssen Sie mir den auserwählten Mann, dessen Eigentum Sie mit allen diesen Schätzen werden.

Zweiter Brief

Es ist mir lieb, meine Emilia, dass Sie diesen Brief noch in dem väterlichen haus erhalten, weil er Ihnen eine scheinbare Verwirrung meiner Ideen zeigen wird, wo unser Papa das beste Mittel, sie in Ordnung zu bringen, anzeigen kann. Ich bin bei der Prinzessin von W** und dem ganzen Adel zur Erscheinung gebracht worden und kenne nun den Hof und die grosse Welt durch mich selbst.

Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich beide aus der Abschilderung kenne, so mir davon gemacht worden. Lassen Sie mich dieses Gleichnis noch weiter brauchen; es war meinem Auge nichts fremde. Aber denken Sie sich eine person voll Aufmerksamkeit und Empfindung, die schon lange mit einem grossen Gemälde von reicher und weitläuftiger Komposition bekannt ist. Oft hat sie es betrachtet, und über den Plan, die Verhältnisse der Gegenstände und die Mischung der Farben nachgedacht, alles ist ihr bekannt; aber auf einmal kommt durch eine fremde Kraft das stillruhende Gemälde, mit allem, was es entält, in Bewegung; natürlicherweise erstaunt diese person, und ihre Empfindungen werden auf mancherlei Art gerührt. Diese erstaunte person bin ich; die Gegenstände und Farben machen es nicht; die Bewegung, die fremde Bewegung ist's, die ich sonderbar finde.

Soll ich Ihnen sagen, wie ich hier und da aufgenommen wurde? Gut, allentalben gut! denn für solche begebenheiten hat der Hof eine allgemeine Sprache, die der Geistlose ebenso fertig zu reden weiss als der Allervernünftigste. Die Prinzessin, eine Dame von beinahe fünfzig Jahren, hat einen sehr feinen Geist; in ihrem Bezeugen und in ihren Ausdrücken herrscht ein Ton von Güte, dessen allgemeine gefälligkeit mir die