Hoffnung meiner künftigen Tage sind. Indem ich so dachte, war mein erster Einfall, eine schöne Abschrift von Ihrem Manuskripte machen zu lassen, um in einigen Jahren unsrer kleinen Sophie (denn Sie sind so gütig, sie auch die Ihrige zu nennen) ein Geschenke damit zu machen; – und wie erfreute mich der Gedanke, die Empfindungen unsrer vieljährigen, wohlgeprüften und immer lauter befundenen Freundschaft auch durch dieses Mittel auf unsre Kinder fortgepflanzt zu sehen! An diesen Vorstellungen ergötzte ich mich eine Zeitlang, als mir, ebenso natürlicherweise, der Gedanke aufsteigen musste: Wie manche Mutter, wie mancher Vater lebt jetzt in dem weiten Umfange der Provinzen Germaniens, welche in diesem Augenblicke ähnliche Wünsche zum Besten ebenso zärtlich geliebter, ebenso hoffnungsvoller Kinder tun! Würde ich diesen nicht Vergnügen machen, wenn ich sie an einem Gute, welches durch die Mitteilung nichts verliert, Anteil nehmen liesse? Würde das Gute, welches durch das tugendhafte Beispiel der Familie Sternheim gewürkt werden kann, nicht dadurch über viele ausgebreitet werden? Ist es nicht unsre Pflicht, in einem so weiten Umfang als möglich Gutes zu tun? Und wie viele edelgesinnte Personen würden nicht durch dieses Mittel den würdigen Charakter des Geistes und des Herzens meiner Freundin kennenlernen und, wenn Sie und ich nicht mehr sind, ihr Andenken segnen! – Sagen Sie mir, meine Freundin, wie hätte ich, mit dem Herzen, welches Sie nun so viele Jahre kennen und unter allen meinen äusserlichen und innerlichen Veränderungen immer sich selbst gleich befunden haben, solchen Vorstellungen widerstehen können? Es war also sogleich bei mir beschlossen, Copeien für alle unsre Freunde und Freundinnen, und für alle, die es sein würden, wenn sie uns kennten, machen zu lassen; ich dachte so gut von unsern Zeitgenossen, dass ich eine grosse Menge solcher Copeien nötig zu haben glaubte; und so schickte ich die meinige an meinen Freund Reich, ihm überlassend, deren so viele zu machen, als ihm selbst belieben würde. Doch nein! So schnell ging es nicht zu. Bei aller Wärme meines Herzens blieb doch mein Kopf kalt genug, um alles in Betrachtung zu ziehen, was vermögend schien, mich von meinem Vorhaben abzuschrecken. Niemals, dass ich wüsste, hat mich das Vorurteil für diejenige, die ich liebe, gegen ihre Mängel blind gemacht. Sie kennen diese Eigenschaft an mir, und Sie sind ebensowenig fähig zu erwarten, oder nur zu wünschen, dass man Ihnen schmeicheln soll, als ich geneigt bin, gegen meine Empfindung zu reden. Ihre Sternheim, so liebenswürdig sie ist, hat als ein Werk des Geistes, als eine dichterische Komposition, ja nur überhaupt als eine deutsche Schrift betrachtet, Mängel, welche den Auspfeifern nicht verborgen bleiben werden. Doch diese sind es nicht, vor denen ich mich in Ihrem Namen fürchte. Aber die Kunstrichter auf der einen Seite und auf der andern die ekeln Kenner aus der Klasse der Weltleute – soll ich Ihnen gestehen, meine Freundin, dass ich nicht gänzlich ohne Sorgen bin, wenn ich daran denke, dass Ihre Sternheim durch meine Schuld dem Urteil so vieler Personen von so unterschiedlicher denkart ausgestellt wird? Aber hören Sie, was ich mir selbst sagte, um mich wieder zu beruhigen. Die Kunstrichter haben es, in Absicht alles dessen, was an der Form des Werkes und an der Schreibart zu tadeln sein kann, lediglich mit mir zu tun. Sie, meine Freundin, dachten nie daran, für die Welt zu schreiben oder ein Werk der Kunst hervorzubringen. Bei aller Ihrer Belesenheit in den besten Schriftstellern verschiedener Sprachen, welche man lesen kann, ohne gelehrt zu sein, war es immer Ihre Gewohnheit, weniger auf die Schönheit der Form als auf den Wert des Inhalts aufmerksam zu sein; und schon dieses einzige Bewusstsein würde Sie den Gedanken, für die Welt zu schreiben, allezeit haben verbannen heissen. Mir, dem eigenmächtigen Herausgeber Ihres Manuskripts, wäre es also zugekommen, den Mängeln abzuhelfen, von denen ich selbst erwarte, dass sie den Kunstrichtern, wo nicht anstössig sein, doch den Wunsch, sie nicht zu sehen, abdringen könnten. Doch, indem ich von Kunstrichtern rede, denke ich an Männer von feinem Geschmack und reifem Urteil, an Richter, welche von kleinen Flecken an einem schönen Werke nicht beleidigt werden und zu billig sind, von einer freiwillig hervorgekommenen Frucht der blossen natur und von einer durch die Kunst erzogenen, mühsam gepflegeten Frucht (wiewohl, was den Geschmack anbetrifft, diese nicht selten jener den Vorzug lassen muss) einerlei Vollkommenheit zu fordern. Solche Kenner werden vermutlich, ebensowohl wie ich, der Meinung sein, dass eine moralische Dichtung, bei welcher es mehr um die Ausführung eines gewissen lehrreichen und interessanten Hauptcharakters als um Verwicklungen und Entwicklungen zu tun ist, und wobei überhaupt die moralische Nützlichkeit der erste Zweck, die Ergötzung des Lesers hingegen nur eine Nebenabsicht ist, einer künstlichen Form um so eher entbehren könne, wenn sie innerliche und eigentümliche Schönheiten für den Geist und das Herz hat, welche uns wegen des Mangels eines nach den Regeln der Kunst ausgelegten Plans und überhaupt alles dessen, was unter der Benennung Autors-Künste begriffen werden kann, schadlos halten. Eben diese Kenner werden (oder ich müsste mich sehr betrügen) in der Schreibart des Fräuleins von Sternheim eine gewisse Originalität der Bilder und des Ausdrucks und eine so glückliche Richtigkeit und Energie des letzteren, oft gerade in Stellen, mit denen der Sprachlehrer vielleicht am wenigsten zufrieden ist, bemerken, welche die Nachlässigkeit