sie hat einen Bund mit der geheimen Beobachterin unsrer Handlungen (ich meine das Gewissen) gemacht: denn bei der Menge Stoffe und Putzsachen, die mir letztin vorgelegt wurden, und wovon dieses zur nächsten Gala, jenes auf den bevorstehenden Ball, ein anderes zur Assemblee bestimmt war, wendete sich, indem ich das eine und andere betrachtete, unter der Bewegung meiner hände, das Bild meiner Mama an dem Armband, und indem ich, im Zurechtemachen, meine Augen darauf heftete und ihre feine Bildung mit dem simpelsten Aufsatz und Anzug gezieret sah, überfiel mich der Gedanke, wie unähnlich ich ihr in kurzer Zeit in diesem Stück sein werde! Gott verhüte, dass diese Unähnlichkeit ja niemals weiter als auf die Kleidung gehe! – die ich als ein Opfer ansehe, welches auch die Besten und Vernünftigsten der Gewohnheit, den Umständen und ihrer Verhältnis mit andern bald in diesem, bald in jenem Stücke bringen müssen. Dieser Gedanke dünkt mich ein gemeinschaftlicher Wink der Trauer und des Gewissens zu sein. Aber ich komme von meiner Erscheinung ab. Doch Sie, mein väterlicher Freund, haben verlangt, ich soll, wie es der Anlass gebe, das, was mir begegnet und meine Gedanken dabei aufschreiben, und das will ich auch tun. Ich werde von andern wenig reden, wenn es sich nicht besonders auf mich bezieht. Alles, was ich an ihnen selbst sehe; befremdet mich nicht, weil ich die grosse Welt aus dem Gemälde kenne, welches mir mein Papa und meine Grossmama davon gemacht haben.
Ich kam also in das Zimmer zu meiner Tante, da schon etliche Damen und Kavaliere da waren. Ich hatte mein weisses Kleid an, welches mit blauen italienischen Blumen garniert worden war; mein Kopf nach der Mode in D. gar schön geputzt. Meinen Anstand und meine Gesichtsfarbe weiss ich nicht; doch mag ich blass ausgesehen haben; weil kurz nachdem mich die Gräfin als ihre geliebte Nichte vorgestellt hatte, ein von natur artig gebildeter junger Mann mit einem verkehrt lebhaften Wesen sich näherte und, Brust und Achseln mit einer seltsamen Beugung gegen meine Tante, den Kopf aber seitwärts gegen mich mit einer Art Erschrockenheit gewendet, ausrief: "Meine gnädige Gräfin, ist es wirklich ihre Nièce?" – "Und warum wollen Sie meinem Zeugnis nicht glauben?" – "Der erste Anblick ihrer Gestalt, die Kleidung und der leichte Sylphidengang, haben mich auf den Gedanken gebracht, es wäre die Erscheinung eines liebenswürdigen Hausgespenstes." –
"Armer F**", sagte eine Dame; "und Sie fürchten sich vielleicht vor Gespenstern?"
"Vor den hässlichen", versetzte der witzige Herr, "habe ich natürlichen Abscheu, aber mit denen, welche dem fräulein von Sternheim gleichen, getraue ich mir ganze Stunden allein hinzubringen."
"So, und Sie brächten mit diesem schönen Einfall mein Haus in den Ruf, dass es darin spüke!"
"Das möchte ich wohl; um alle übrige Kavaliere abzuhalten, hieher zu kommen; aber dann würde ich auch den reizenden Geist zu beschwören suchen, dass er sich wegtragen liesse." –
"Gut, Graf F**, gut, das ist artig gesagt!" wurde in dem Zimmer von allen wiederholt.
"Nun meine Nichte, würden Sie sich beschwören lassen?"
"Ich weiss sehr wenig von der Geisterwelt", antwortete ich; "doch glaube ich, dass für jedes Gespenst eine eigne Art von Beschwörung gewählt werden müsse, und die Entsetzung, die ich dem Grafen bei meiner Erscheinung verursachte, lässt mich denken, dass ich unter dem Schutz eines mächtigern Geistes bin, als der ist, der ihn beschwören lernt."
"Vortrefflich, vortrefflich, Graf F**. Wie weiter?" rief der Oberste von Sch***.
"Ich habe doch mehr erraten als Sie alle", antwortete der Graf; "denn wenngleich das fräulein kein Geist ist, so sehe ich doch, dass sie unendlich viel Geist haben müsse."
"Das mögen Sie erraten haben, und das war vermutlich auch der Grund, warum Sie in dieses Schrekken gerieten", sagte das fräulein von C**, Hofdame bei der Prinzessin von W***, die bisher sehr stille gewesen war.
"Sie misshandeln mich immer, meine ungnädige C**. Denn Sie wollen doch damit sagen, der kleine Geist hätte sich vor dem grösseren zu fürchten angefangen."
Ja, dachte ich, in diesem Scherz ist in Wahrheit viel Ernst Ich bin wirklich eine Gattung von Gespenstern, nicht nur in diesem haus, sondern auch für die Stadt und den Hof. Jene kommen, wie ich, mit der Kenntnis der Menschen unter sie, und verwundern sich über nichts, was sie sehen und hören; machen aber, wie ich, Vergleichungen zwischen dieser Welt und der, woher sie kommen, und jammern über die Sorglosigkeit, womit die Zukunft behandelt wird; die Menschen aber bemerken an ihnen, dass diese Geschöpfe, ob sie wohl ihre Form haben, dennoch ihrem innerlichen Wesen nach nicht unter sie gehören.
Das fräulein Von C** liess sich hierauf in eine Unterredung mit mir ein, an deren Ende sie mir viele achtung bewies und den höflichen Wunsch äusserte, öfters in meiner Gesellschaft zu sein. Sie ist sehr liebenswürdig, etwas grösser als ich, wohl gewachsen, ein grosses Ansehen in ihrem gang und der Bewegung ihres Kopfs; ein länglicht Gesicht, nach allen Teilen schön gebildet, blonde Haare und die vortrefflichste Gesichtsform; einnehmende Züge von Sanftmut: nur manchmal