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da er erfuhr, das fräulein sei in den Dörfern, die ihr gehörten, von Haus zu Haus gegangen, hätte allen Leuten liebreich zugesprochen, sie beschenkt, zu Fleiss und Rechtschaffenheit ermahnt, die Almosen für Witwen, Waisen, Alte und Kranke vermehrt, dem Schulmeister eifrig zugeredet, seine Besoldung verbessert und Preise für die Kinder ausgesetzt, meinen Schwager, den Amtmann, mit einer Tabatiere und meine Schwester mit einem Ring zum Andenken beschenkt und den ersten um wahre Güte und Gerechtigkeit für ihre Untertanen gebeten. Wir weinten alle über diese Beschreibung. Mein Vater sprach uns Mut ein, indem er sagte: Alle melancholischzärtliche Charakter hätten die Art, ihren Handlungen eine gewisse Feierlichkeit zu geben, es wäre ihm lieb, dass sie mit so starken Eindrücken des wahren edlen und Guten in die grosse Welt träte, worin doch manche von diesen Empfindungen geschwächt werden dürften, also, dass durch eine unmerkliche Mischung von Leichtsinn und glänzender Munterkeit und die Vermehrung ihrer Kenntnis von menschlichen Herzen der Entusiasmus ihrer Seele gemildert und in den gehörigen Schranken würde gehalten werden.

Meine Emilia bekam ihr Bildnis und ein artiges Kästgen worin Geld zu einer Haussteuer war. Ihren Bedienten liess sie zurück, weil er verheiraet war und der Graf von Löbau geschrieben hatte, dass seine Leute zu ihren Diensten sein sollten.

Etliche Tage hernach kam der Graf, ihr onkel, sie abzuholen, und ich begleitete sie, wie sie sich ausgebeten hatte. Der Abschied von meinem Vater war rührend. Sie haben ihn gekannt, den ehrwürdigen Mann, Sie wissen, dass er alle Hochachtung, alle Liebe verdient. Wir reiseten erst auf das Löbauische Gut und von da mit der Gräfin nach D.; wo sich nun der fatale Zeitpunkt anfängt, worin Sie diese liebenswürdige junge Dame in Schwierigkeiten und Umstände verwickelt sehen werden, die den schönen Plan eines glücklichen Lebens, den sie sich gemacht hatte, auf einmal zerstörten, aber durch die probe, auf welche sie ihren innerlichen Wert setzten, ihre geschichte für die Besten unsers Geschlechts lehrreich machen. Ich glaube, dass ich am besten tun werde, wenn ich hier, anstatt die Erzählung fortzusetzen, Ihnen eine Reihe von Originalberichten oder Abschriften, welche in der Folge in die hände meines geliebten Fräuleins gekommen sind, vorlege, aus denen Sie teils den Charakter ihres Geistes und Herzens, teils die geschichte ihres Aufentalts in D. weit besser als durch einen blossen Auszug werden kennenlernen.

fräulein von Sternheim

an Emilien

Ich bin nun vier Tage hier, meine Freundin, und in Wahrheit nach allen meinen Empfindungen, in einer ganz neuen Welt. Das Geräusch von Wagen und Leuten habe ich erwartet; doch plagte es mein an die ländliche Ruhe gewöhntes Ohr die ersten Tage über gar sehr. Was mir noch beschwerlicher fiel, war, dass meine Tante den Hoffriseur rufen liess, meinen Kopf nach der Mode zuzurichten. Sie hatte die Gütigkeit, selbst mit in mein Zimmer zu kommen, wo sie meine Haare losband und ihm sagte: "Monsieur le Beau, dieser Kopf kann Ihrer Kunst Ehre machen; wenden Sie alles an; aber haben Sie ja sorge, dass diese schönen Haare durch kein heisses Eisen verletzt werden".

Diese Schmeichelei meiner Tante nahm ich noch mit Vergnügen an; aber der Friseur ärgerte mich mit seinen Lobsprüchen. Es dünkte meinem Stolz, der Mensch hätte mich sorgfältig bedienen und stillschweigend bewundern sollen. Aber der Schneider und die Putzmacherin waren noch unerträglicher. fragen Sie meine Rosine über ihr albernes Geschwätz und über die etwas boshafte Anmerkung, die mir einfiel: Die Eitelkeit der Damen in D. müsste sehr heisshungrig sein, weil sie diese Leute gewöhnt hätte, ihr eine so grobe und mir sehr unschmackhafte Nahrung zu bringen. Das Lob des Schlössers, welches der schönen Montbason so viel besser gefiel als der Hofleute ihres, war von einer ganz andern Art, weil es das Gepräge einer wahren Empfindung hatte, die durch den Anblick dieser schönen Frau in ihm entstund, da er, ganz mit seiner Arbeit beschäftigt, ungefähr aufsah, als eben die Dame bei seiner Werkstatt vorbeifuhr. Aber was heisst der Beifall derer, welche ihren Nutzen von mir suchen? Und wie froh bin ich, mit keiner besonderen Schönheit bezeichnet zu sein; weil ich diese Art von Ekel für allgemeinem Lob in mir fühle.

Diesen Nachmittag habe ich etliche Damen und Kavaliere gesehen, denen meine Tante ihre Ankunft hatte wissen lassen, indem sie die Unterlassung ihres eignen Besuchs mit dem Vorwand einer grossen Müdigkeit von der Reise entschuldigte. Wiewohl die wahre Ursache nichts anders war, als dass die Hof und Stadtkleider noch nicht fertig sind, in welchen ich meine Erscheinung machen soll. Vielleicht stutzen Sie über das Wort Erscheinung, aber es wurde heute von einem witzigen Kopf in der Tat sehr richtig gebraucht, wiewohl er es nur auf mein Kleid und meine erste Reise in die Stadt anwandte. Sie wissen, Emilia, dass mein teurer Papa mich immer in den Kleidern meiner Mama sehen wollte, und dass ich sie auch am liebsten trug. Diese sind hier alle aus der Mode, und ich konnte nach dem Ausspruch meiner Tante (der ich dieses Stück von herrschaft über meinen Geschmack gerne einräume) kein anderes als das von weissem Taft tragen, welches sie mir zu Ende der Trauer hatte machen lassen. Ende der Trauer, meine Emilia! O glauben Sie es nicht so wörtlich; die äusserlichen Kennzeichen davon habe ich abgelegt; aber sie hat ihren alten Sitz in dem grund meines Herzens behalten, und ich glaube,