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Vater ihrentalben in Sorgen geriet; besonders da auch die alte Dame, welche gleich gesagt hatte, dass ihr dieser Fall das Herz gebrochen hätte, von Tag zu Tag schwächlicher wurde. Das fräulein wartete sie mit einer Zärtlichkeit ab, welche die Dame sagen machte: "Sophie, die Sanftmut, die Güte deiner Mutter, ist ganz in deiner Seele! Du hast den Geist deines Vaters, du bist das glückseligste geschöpf auf der Erde, weil die Vorsicht die Tugenden deiner Eltern in dir vereiniget hat! Du bist nun dir selbst überlassen und fängst den Gebrauch deiner Unabhängigkeit mit Ausübung der Wohltätigkeit an deiner Grossmutter an. Denn es ist eine edlere Wohltat, das Alter zu beleben und liebreich zu besorgen, als den Armen Gold zu schenken."

Sie empfahl sie auch dem Grafen und der Gräfin von Löbau auf das eifrigste, als sie von ihnen noch vor ihrem Ende einen Besuch erhielt. Diese beiden Personen waren dem Ansehen nach gegen das fräulein sehr verbindlich und wollten sie sogleich mit sich nehmen; aber sie bat sich aus, ihr Trauerjahr in unserm haus zu halten.

In dieser Zeit bildete sich die vertraute Freundschaft, welche sie in der Folge allezeit mit meiner Schwester Emilia unterhielt. Mit dieser ging sie oft in die Kirche zum Grabstein ihrer Eltern, kniete da, betete, redete von ihnen. – "Ich habe keine Verwandten mehr als diese Gebeine", sagte sie. "Die Gräfin Löbau ist nicht meine Verwandtin; ihre Seele ist mir fremde, ganz fremde, ich liebe sie nur, weil sie die Schwester meines Oheims war." Mein Vater suchte ihr diese Abneigung, als eine Ungerechtigkeit, zu benehmen und war überhaupt bemüht, alle Teile ihrer Erziehung mit ihr zu erneuern und besonders auch ihr Talent für die Musik zu unterhalten. Er sagte uns oft: Dass es gut und wahr wäre, dass die Tugenden alle an einer Kette gingen, und also die Bescheidenheit auch mit dabei sei. Und was würde auch aus der fräulein von Sternheim geworden sein, wenn sie sich aller ihrer Vorzüge in der Vollkommenheit bewusst gewesen wäre, worin sie sie besass?

Der Sternheimische Beamte, ein rechtschaffener Mann, heiratete um diese Zeit meine älteste Schwester; und sein Bruder, ein Pfarrer, der ihn besuchte, nahm meine Emilia mit sich; mit dieser führte unser fräulein einen Briefwechsel, welcher mir gelegenheit geben wird, sie künftig öfter selbst reden zu lassen. Aber vorher muss ich Ihnen noch das Bild meiner jungen Dame malen. Sie müssen aber keine vollkommene Schönheit erwarten. Sie war etwas über die mittlere Grösse; vortrefflich gewachsen; ein länglich Gesicht voll Seele; schöne braune Augen, voll Geist und Güte, einen schönen Mund, schöne Zähne. Die Stirne hoch, und, um schön zu sein, etwas zu gross, und doch konnte man sie in ihrem gesicht nicht anders wünschen. Es war soviel Anmut in allen ihren Zügen, soviel Edles in ihren Gebärden, dass sie, wo sie nur erschien, alle Blicke auf sich zog. Jede Kleidung liess ihr schön, und ich hörte Mylord Seimour sagen, dass in jeder Falte eine eigne Grazie ihren Wohnplatz hätte. Die Schönheit ihrer lichtbraunen Haare, welche bis auf die Erde reichten, konnte nicht übertroffen werden. Ihre stimme war einnehmend, ihre Ausdrücke fein, ohne gesucht zu scheinen. Kurz, ihr Geist und Charakter waren, was ihr ein unnachahmlich edles und sanftreizendes Wesen gab. Denn ob sie gleich bei ihrer Kleidung die Bescheidenheit in der Wahl der Stoffe auf das äusserste trieb, so wurde sie doch hervorgesucht, wenn die Menge von Damen noch so gross gewesen wäre.

So war sie, als sie von ihrer Tante an den Hof nach D. geführt wurde.

Unter den Zubereitungen zu dieser Reise, wozu sie mein Vater mit bereden half, muss ich nur eine anmerken. Sie hatte die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ihrer Frau Mutter in Feuer gemalt und zu Armbändern gefasst, welche sie niemals von den Händen liess. Diese wollte sie umgefasst haben, und es musste ein Goldarbeiter kommen, mit welchem sie sich allein beredete.

Die Bildnisse kamen wieder mit Brillanten besetzt, und zwei Tage vor der Abreise nahm sie meine Emilia und ging zum Grab ihrer Eltern, wo sie einen feierlichen Abschied von den geliebten Gebeinen nahm, Gelübde der Tugend erneuerte und endlich ihre Armbänder losmachte, an welchen sie die Bildnisse hatte hohl fassen lassen, so dass sie mitten ein verborgenes Schloss hatten. Dieses machte sie auf, und füllte den kleinen Raum mit Erde, die sie in der Gruft zusammenfasste.

Tränen rollten über ihre Wangen, indem sie es tat, und meine Emilia sagte: "liebes fräulein, was tun Sie? Warum diese Erde?" – "Meine Emilie", antwortete sie, "ich tue nichts, als was bei dem weisesten und edelsten volk für eine Tugend geachtet wurde; den Stand der Rechtschaffenen zu ehren; und ich glaube, es war ein empfindendes Herz, wie das meinige, welches in spätern zeiten die achtung der Reliquien anfing. Dieser Staub, meine Liebe, der die geheiligte Überbleibsel meiner Eltern bedeckte, ist mir schätzbarer als die ganze Welt und wird in meiner Entfernung von hier das Liebste sein, was ich besitzen kann."

Meine Schwester kam in Sorgen darüber und sagte uns, es hätte sie eine Ahndung von Unglück befallen; sie fürchte, das fräulein nicht mehr zu sehen. Mein Vater beruhigte uns, und dennoch wurde auch er bestürzt,