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würde gerächt oder belohnt werden; Gott sei Dank, dass ich durch meine Aufführung gegen meinen ehrwürdigen Vater den Segen verdient habe, ein gehorsames, tugendvolles Kind zu besitzen, welches mich an dem Ende meines Lebens das Glück der Erinnerung geniessen lässt, dass ich die letzten Tage meines Vaters mit dem vollkommensten Vergnügen gekrönt habe, das ein treues väterliches Herz empfinden kann, nämlich zu sagen – "Du hast mich durch keine böse Neigung, durch keinen Ungehorsam jemals gekränkt, deine Liebe zur Tugend, dein Fleiss, deinen Verstand zu üben und nützlich zu machen, haben mein Herz, so oft ich dich ansah, mit Freude erfüllt. Gott segne dich dafür; und belohne dein Herz für die Erquickung, die dein Anblick deinem sterbenden Vater durch die Versicherung gibt, dass ich meinen Nebenmenschen an meinem Sohn einen rechtschaffnen Mitbürger zurücklasse." Dieses Vergnügen, mein Freund, fühle ich jetzt auch, indem ich meiner Tochter das nämliche Zeugnis geben kann, in der ich noch eine traurige Glückseligkeit mehr genossen habe. Ich sage, traurige Glückseligkeit, weil sie als das wahre Bild meiner seligen Gemahlin das Andenken meiner höchstglücklichen Tage und den Schmerz ihres Verlusts bei jedem Anblick in mir erneuerte. Wie oft riss mich der Jammer von dem Tisch oder aus der Gesellschaft fort, wenn ich in den zwei letzten Jahren (da sie den ganzen Wuchs ihrer Mutter hatte und Kleider nach meinem Willen trug) den eignen Ton der stimme, die Gebärden, die ganze Güte und liebenswürdige Fröhlichkeit ihrer Mutter an ihr sah !

Gott gebe, dass dieses Beispiel des Wiedervergeltungsrechts von meiner Tochter bis auf ihre späteste Enkel fortgepflanzt werde; denn ich habe ihr ebensoviel davon gesprochen, als mein Vater mir! Mit lebhafter Wehmut erinnere ich mich der letzten Stunden dieses edlen Mannes und seiner Unterredungen während den Tagen seiner zunehmenden Krankheit. Das teure fräulein konnte wenig weinen, sie lag auf ihren Knien neben dem Bette ihres Vaters; aber der Ausdruck des tiefsten Schmerzens war in ihrem Gesicht und in ihrer Stellung. Die Augen ihres Vaters auf sie gehefteteine Hand in den ihrigen; ein Seufzer des Vaters – "Meine Sophie!" und dann die arme des Fräuleins gegen den Himmel ausgebreitet, ohne einen lautaber eine trostlose bittende Seele in allen ihren Zügen! O dieser Anblick des feierlichen Schmerzens, der kindlichen Liebe, der Tugend, der Unterwerfung zerriss uns allen das Herz.

"Sophie, die natur tut uns kein Unrecht, sechzig Jahre sind nicht zu früh. Der Tod ist kein Übel für mich; er vereinigt meinen Geist mit seinem liebreichen Schöpfer und mein Herz mit deiner würdigen Mutter ihrem! Gönne mir dieses Glück auf Unkosten des Vergnügens, das dir das längere Leben deines Vaters gegeben hatte."

Sie überwand ihren Kummer; sie selbst war es, welche ihren Herrn Vater aufs sorgfältigste und ruhigste pflegte. Er sah diese Überwindung und bat sie, ihm in den letzten Tagen den Trost zu geben, die Frucht seiner Bemühungen für sie in der Fassung ihrer Seele zu zeigen. Sie tat alles. "Bester Vater! Sie haben mich leben gelernt, Sie lernen mich auch sterben; Gott mache Sie zu meinem Schutzgeist, und zum Zeugen aller meiner Handlungen und Gedanken! Ich will Ihrer würdig sein!"

Wie er dahin war, und sein ganzes Haus voll weinender Untertanen, sein Sterbezimmer voll kniender schluchzender Hausbedienten waren, das fräulein vor seinem Bette die kalten hände küssend nichts sagen konnte, bald kniend, bald sich erhebend die hände rang – O meine Freundin! wie leicht grub sich das Andenken dieses Tages in mein Herz! Wieviel Gutes kann eine empfindende Seele an dem Sterbebette des Gerechten sammeln! –

Mein Vater sah stillschweigend zu; er war selbst so stark gerührt, dass er nicht gleich reden konnte. Endlich nahm er das fräulein bei der Hand: "Gott lasse Sie die Erbin der Tugend Ihres Herrn Vaters sein, zu deren Belohnung er nun gegangen ist! Erhalten Sie in diesen gerührten Herzen (wobei er auf uns wies) das gesegnete Andenken Ihrer verehrungswürdigen Eltern durch die Bemühung, in ihren Fussstapfen zu wandeln!"

Die alte Dame war auch da, und dieser bediente sich mein Vater zum Vorwand, das fräulein aus dem Zimmer zu bringen, indem er sie bat, ihre Frau Grossmutter zur Ruhe zu führen. Wie das fräulein anfing zu gehen, machten wir alle Platz. Sie sah uns an, und Tränen rollten über ihre Backen; da drängten sich alle und küssten ihre hände, ihre Kleider; und gewiss, es war nicht die Bewegung, sich der Erbin zu empfehlen, sondern eine Bezeugung der Ehrfurcht für den Überrest des besten Herrn, den wir in ihr sahen.

Mein Vater und der Beamte sorgten für die Beerdigung.

Niemals ist ein solches Leichenbegängnis gewesen. Es war vom Herrn von Sternheim befohlen, dass es nachts und ruhig sein sollte: weil er seine Sophie mit der Marter verschonen wollte, ihn beisetzen zu sehen. Aber die Kirche war Voller Leute; alle feierlich angezogen, der Chor beleuchtet, wie es die traurige Ursache erforderte; alle wollten ihren Herrn, ihren, Wohltäter noch sehen. Greise, Jünglinge weinten, segneten ihn und küssten seine hände und Füsse, das Leichentuch, den Deckel des Sarges, – und erbaten von Gott, er möchte an der Tochter alles das Gute, so ihnen der Vater bewiesen, belohnen!

Noch lange Zeit hernach war alles traurig zu S. und das fräulein so still, so ernstaft, dass mein