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wir alle von P. aus kommen, ich bin's gewiss. Der benachbarte Adel ehrte und liebte den Obersten Sternheim so sehr, dass man ihn bat, auf einige Zeit junge Edelleute in sein Haus zu nehmen, welche von ihren Reisen zurückgekommen waren und nun vermählt werden sollten, um den Stamm fortzuführen. Da wollte man sie die wahre Landwirtschaft eines Edelmanns einsehen und lernen lassen. Unter diesen war der junge Graf Löbau, welcher in diesem haus die gelegenheit hatte, das endlich ruhig gewordene fräulein Charlotte P. kennenzulernen und sich mit ihr zu verbinden.

Herr von Sternheim nahm die edle Beschäftigung, diesen jungen Herren richtige Begriffe von der Regierung der Untertanen zu geben, recht gerne auf sich. Seine Menschenliebe erleichterte ihm diese Mühe durch den Gedanken: vielleicht gebe ich ihnen den so nötigen teil von Mitleiden gegen Geringe und Unglückliche, deren hartes und mühseliges Leben durch die Unbarmherzigkeit und den Stolz der Grossen so oft erschwert und verbittert wird. Überzeugt, dass das Beispiel mehr würkt als weitläuftige gespräche, nahm er seine junge Leute überall mit sich, und wie es der Anlass erforderte, handelte er vor ihnen. Er machte ihnen die Ursachen begreiflich, warum er dieses verordnet, jenes verboten, oder diese oder jene andere Entscheidung gegeben; und je nach der Kenntnis, die er von den Gütern eines jeden hatte, fügte er kleine Anwendungen für sie selbst hinzu. Sie waren Zeugen von allen seinen Beschäftigungen und nahmen Anteil an seinen Ergötzlichkeiten; bei gelegenheit der letzteren bat er sie oft inständig, die ihrigen ja niemals auf Unkosten ihrer armen Untertanen zu suchen; wozu vornehmlich die Jagd einen grossen Anlass gebe. Er nannte sie ein anständiges Vergnügen, welches aber ein liebreicher, menschlicher Herr allezeit mit dem Besten seiner Untertanen zu verbinden suche. Auch die Liebe zum Lesen war eine von den Neigungen, die er ihnen zu geben suchte, und besonders gab ihm die geschichte gelegenheit, von der moralischen Welt, ihren Übeln und Veränderungen zu reden, die Pflichten der Hof- und Kriegsdienste auszulegen und ihren Geist in der Überlegung und Beurteilung zu üben. Die geschichte der moralischen Welt, sagte er, macht uns geschickt, mit den Menschen umzugehen, sie zu bessern, zu tragen und mit unserm Schicksal zufrieden zu sein; aber die Beobachtung der physikalischen Welt macht uns zu guten Geschöpfen, in Absicht auf unsern Urheber. Indem sie uns unsre Unmacht zeigt, hingegen seine Grösse, Güte und Weisheit bewundern lehrt, lernen wir ihn auf eine edle Art lieben und verehren; ausser dem, dass uns diese Betrachtungen sehr glücklich über mancherlei Kummer und Verdrüsslichkeiten trösten und zerstreuen, die in der moralischen Welt über dem haupt des Grossen und Reichen oft in grösserer Menge gehäuft sind als in der Hütte des bauern, den nicht viel mehr Sorgen als die für seine Nahrung drücken.

So wechselte er mit Unterredungen und Beispiel ab. In seinem haus sahen sie, wie glücklich die Vereinigung eines rechtschaffenen Mannes mit einer tugendhaften Frau seie. Zärtliche, edle achtung war in ihrem Bezeugen; und die Dienerschaft ehrfurchtsvoll und bereit, ihr Leben für die ebenso gnädige als ernstliche herrschaft zu lassen.

Sternheim hatte auch die Freude, dass alle diese junge Herren erkenntliche und ergebene Freunde von ihm wurden, welche in ihrem Briefwechsel sich immer bei ihm Rats erholten. Der Umgang mit dem verehrungswürdigen Baron P., der ihnen öfters kleine Feste gab, hatte viel zu ihrer Vollkommenheit beigetragen.

Seine Gemahlin hatte ihm eine Tochter gegeben, welche sehr artig heranwuchs und von ihrem neunten Jahr an (da Sternheim das Unglück hatte, ihre Mutter in einem Wochenbette zugleich mit dem neugebornen Sohne zu verlieren) der Trost ihres Vaters und seine einzige Freude auf Erden war, nachdem auch der Baron P. durch einen Sturz vom Pferde in so schlechte Gesundheitsumstände geraten, dass er wenige Monate darauf ohne Erben verstorben war. Dieser hatte in seinem Testamente nicht nur seine vortreffliche Frau wohl bedacht, sondern nach den Landsrechten die Gräfin von Löbau, seine jüngere Schwester, und die junge Sophie von Sternheim, als die Tochter der ältern Schwester, zu Haupterben eingesetzt; welches zwar dem Grafen und der Gräfin als unrecht vorkam, aber dennoch Bestand hatte.

Die alte Frau von P., von Kummer über den frühen Tod ihres Sohnes beinahe ganz niedergedrückt, nahm ihren Wohnplatz bei dem Herrn von Sternheim und diente dem jungen fräulein zur Aufsicht. Der Oberste machte ihr durch seine ehrerbietige Liebe und sein Beispiel der geduldigsten Unterwerfung viele Erleichterung in ihrem Gemüte. Der edeldenkende Pfarrer und seine Töchter waren beinahe die einzige Gesellschaft, in welcher sie Vergnügen fanden. Gleichwohl genoss das fräulein von Sternheim die vortrefflichste Erziehung für ihren Geist und für ihr Herz. Eine Tochter des Pfarrers, die mit ihr gleiches Alter hatte, wurde ihr zugegeben, teils einen Wetteifer im Lernen zu erregen, teils zu verhindern, dass die junge Dame nicht in ihrer ersten Jugend lauter düstre Eindrücke sammeln möchte; welches bei ihrer Grossmutter und ihrem Vater leicht hätte geschehen können. Denn beide weinten oft über ihren Verlust, und dann führte Herr von Sternheim das zwölfjährige fräulein bei der Hand zu dem Bildnis ihrer Mutter und sprach von ihrer Tugend und Güte des Herzens mit solcher Rührung, dass das junge fräulein kniend bei ihm schluchzte und oft zu sterben wünschte, um bei ihrer Frau Mutter zu sein. Dieses machte den Obersten fürchten, dass ihre empfindungsvolle Seele einen zu starken Hang zu melancholischer Zärtlichkeit bekommen und durch eine allzusehr vermehrte Reizbarkeit der Nerven unfähig werden möchte, Schmerzen und Kummer zu ertragen