als der Kummer sie der Verzweiflung zuführen wollte. Ihr sollt die Pfeiler meines Glücks werden; auf euch will ich in der Ruhe des Wohlseins mich lehnen und die ewige Güte bitten, mich fähig zu machen, an der Seite meines edelmütigen menschenfreundlichen Gemahls ein Beispiel wohlverwendeter Gewalt und Reichtümer zu werden! –
Sie sehen, meine Freundin, dass alle meine Bedenklichkeiten meinen Empfindungen weichen mussten. Ich sah das Vergnügen so vieler rechtschaffenen Herzen an das Glück des meinigen gebunden, dass ich meine Hand gerne zum Unterpfand meiner Liebe für ihre Zufriedenheit gab. Mylord will ein Schulhaus und ein Hospital nach der Einrichtung der Sternheimischen erbauen lassen; er betreibt den Plan, weil er den Bau während unsrer deutschen Reise führen lassen will. Künftige Woche gehen wir nach Summerhall; dort wollen wir die Briefe meines Oncles von R- erwarten, und dann (sagen Seimour und Rich) wollen sie jede heilige Statte besuchen, wo mich mein Kummer herumgeführt habe. Sie werden also, meine Emilia, sehen und überzeugt werden, dass die erste und stärkste Neigung meines Herzens der würdigsten person meines Geschlechts gewidmet war. Morgen kommen Mylord Crafton und Sir Tomas Watson, meiner Grossmutter Bruders Sohn, zu uns; ich werde aber meine übrigen Verwandten, London und den grossen Kreis meiner Nachbarn erst nach unserer Zurückkunft aus Deutschland sehen.
Mylord Rich an Doktor T.
Ich bin wieder in Seimourhouse, weil mir ohne die Familie meines Bruders die ganze Erde leer ist. Mit tausendfachen geistigen Banden hat mich die Lady Seimour gefesselt, und die Herbsttage meines Lebens wurden so glühend, dass unsere Reise mich beinahe mein Leben kostete. Ich sah sie in Summerhall; zu Vaels bei ihrer Emilia; in ihrem Gesindhause; in D* bei hof; in Sternheim bei ihren Untertanen; bei dem grab ihrer Eltern! – die anbetungswürdige Frau! In allen Gelegenheiten, in allen Stellen, wohin der Lauf des Lebens sie führt, zeigt sie sich als das echte Urbild des wahren weiblichen Genies und der übenden Tugenden ihres Geschlechts. – Auf unserer Rückreise wurde sie Mutter; – und was für eine Mutter! O Doktor! ich hätte mehr, viel mehr als Mensch sein müssen, wenn der Wunsch, sie zu meiner Gattin, zu der Mutter meiner Kinder zu haben, nicht tausendmal in meinem Herzen entstanden wäre! Mit wie vielem Recht besitzt die Tugend der grossmütigen Aufopferung unsers Glücks die erste Stelle des Ruhms! Wie teuer kostet sie auch ein edelgewöhntes Herz! – Wundern Sie sich ja nicht, wenn sie selten ist. – Doch eine probe wie diejenige, die ich machte, hat nicht leicht statt. Mit Vergnügen hab' ich das Glück meines Bruders dem meinigen vorgezogen. Die Handlung reuet mich nicht, ich litt nicht nur niederträchtigen Neid, sondern allein durch das gezwungene Stillschweigen meiner Empfindungen, die ich keinem Unheiligen anvertrauen will, um die falsche Beurteilungen meiner ehrerbietigen leidenschaft zu vermeiden und die reine Freundschaft meiner edlen Schwester in kein zweideutiges Licht zu bringen. Ich fiel in eine düstre Melancholie und entzog mich Seimours haus auf einige Monate. Die Stille meines Landguts, wo ich ehemals von meiner grossen Reise ausruhete, gab mir diesmal kein ganzes Mass von Frieden; ich wollte mich überwinden; aber ich bin an den süssen Umgang der fühlbarsten Seele gewöhnt; ihre schönen Briefe sind nicht sie selbst. Mein Lord Rich wurde geboren, und ich flog nach Seimourhouse; eine selige Stunde war es, in welcher Lady Seimour mir dieses Kind auf die arme gab und mit allem Reiz ihrer seelenvollen Physionomie und stimme sagte: "Hier haben Sie Ihren jungen Rich; Gott gebe ihm mit Ihrem Namen Ihren Geist und Ihr Herz!" – Ein entzückender Schmerz durchdrang meine Seele. Er ruht in mir; niemand soll jemals eine Beschreibung von ihm haben. Der kleine Rich hat die Züge seiner Mutter; diese Ähnlichkeit schliesst ein grosses Glück für mich in sich. Wenn ich das Leben behalte, soll dieser Knabe keinen andern Hofmeister, keinen andern Begleiter auf seinen Reisen haben als mich. – Alle Ausgaben für ihn sind meine; seine Leute sind doppelt belohnt; ich schlafe neben seinem Zimmer; ja, ich baue ein Haus am Ende des Gartens, in das ich mit ihm ziehen werde, wenn er volle zwei Jahre alt sein wird. Indessen bilde ich mir die Leute, die um ihn sein werden. Dieses Kind ist die Stütze meiner Vernunft und meiner Ruhe geworden. Wie wert macht ihn mir jede Umarmung, jede zärtliche sorge, die er von seiner Mutter erhält – und wie glücklich wächst er und sein Bruder auf! Jede Handlung ihrer Eltern sind Beispiele von Güte und Edelmütigkeit. Segen und Freude blühen in jedem Gefilde der Gebiete meines Bruders; Danksagungen und Wünsche begleiten jeden Schritt, den er mit seiner Gattin macht. Mit einer Hand stützen sie das leidende Verdienst und helfen andrer Elende ab; mit der andern streuen sie Verzierungen in der ganzen herrschaft aus, aber dies mit der feinsten Unterscheidung. Denn die Lady Seimour sagt: niemals müsse auf dem land die Kunst die natur beherrschen; man solle nur die Fussstapfen ihrer flüchtigen Durchreise und hier und da einen kleinen Platz sehen, wo sie ein wenig ausgeruhet hätte. Unsere Abende und unsere Mahlzeiten sind reizend; ein munterer Geist und die Mässigkeit beleben und regieren sie. Fröhlich treten wir in die Reihen der Landtänze unserer Pächter, deren Freude wir durch unsern Anteil verdoppeln. Die Gesellschaft der Lady Seimour wird von dem Verdienst gesucht, so wie Laster und Dummheit vor ihr fliehen;