Ihrem Verfolger reden hören? Er ist am Ende seines Lebens, und die grösste sorge seiner Seele windet sich unaufhörlich um das Andenken Ihrer Tugend und seiner Ungerechtigkeit gegen Sie. Sein Kummer über Ihren vermeinten Tod ist unaussprechlich; er hat mich und Lord Seimour zu sich gebeten und uns schwören lassen, in die Bleigebürge zu reisen, um Ihre Leiche da aufzuheben und mit allen Zeugnissen Ihrer Tugend und seiner Reue in Dumfries beizusetzen. – Ich will nicht sagen, wie traurig dieses Amt uns war. Nachdem wir so lange Zeit vergebens nach Ihnen gesucht hatten, sollten wir Sie tot wiedersehen! – Mein armer Bruder und – (ich konnte mich nicht verhindern dazuzusetzen) Ihr armer Freund Rich!" – Eine Träne zitterte in ihren Augen indem sie sagte: "Lord Derby ist grausam, sehr grausam mit mir umgegangen. Gott vergebe es ihm; ich will es von Herzen gerne tun – aber – sehen kann ich ihn niemals wieder, sein Anblick würde mir tödlich sein." – Ihr Kopf sank mit ihrer sinkenden stimme bei den letzten Worten auf ihre Brust. Mein Seimour fühlte die rührende Verlegenheit dieser reinen Seele und ging, mit sich kämpfend, ins Fenster – Lady Sternheim stunde auf und verliess uns; Seimour und ich sahen ihr bewundernd nach. Nur in schottische Leinwand gekleidet, war sie reizend schön durch ihren nach dem vollkommensten Ebenmass gebildeten Wuchs und den schönsten Anstand in gang und Bewegung; und ob sie schon hager und blass geworden, so war dennoch ihre ganze Seele mit aller ihrer Schönheit und Würde in ihren Zügen ausgedrückt. Seimour und ich sagten der Gräfin Douglas alles, was die Lady Sternheim anging, und sie erzählte uns hingegen, was sie von ihr wusste, seitdem sie die Tochter des Bleiminenknechts zu sich genommen, und wie sie gleich gedacht hatte, diese person müsse eine edle Erziehung haben und in einer unglücklichen Stunde von ihrer Bestimmung entfernt worden sein; zärtliches Mitleiden habe sie eingenommen, besonders da sie ihre sorge für das Kind gesehen habe, und sie wäre gleich entschlossen gewesen, sie zu sich zu nehmen, wenn sie mit ihrem Bruder zurückginge; die Krankheit der Dame hätte es aber früher erfodert. Sie freute sich, ihrem Herzen gefolgt zu haben. Sie ging hierauf, nach ihrem Gast zu sehen, und wir blieben allein. Gedankenvoll blieb ich sitzen. Seimour kam und fiel mir mit Weinen um den Hals: "Rich! – lieber Bruder, ich bin mitten im Glück elend und werde es bleiben. – Ich sehe deine Liebe und deine Verdienste um sie. – Ich fühle, dass sie missvergnügt mit mir ist; – sie hat recht, tausend recht, es zu sein. – Sie hat recht, dir mehr Vertrauen, mehr Freundschaft zu zeigen; aber ich fühle es mit einem tötenden Kummer. Meine Gesundheit leidet schon lang auf allerlei Weise unter dieser Liebe. – Ich habe sie nun gesehen; ich werde um ihretwillen sterben, und dies ist mir genug." Ich drückte ihn mit einer sonderbaren Bewegung an meine Brust, und ich glaube, ihm etwas kalt und rauh gesagt zu haben: "Ja, Seimour, du bist im Glück unglücklich, aber andere sind's ganz. – Warum müssen deine Nebenbuhler allezeit mehr Licht sehen als du? – Derby hat recht; sie zieht dich vor. Ihr Zurückhalten beweist mir alles, was er sagte. Sei ihrer würdig und beneide mir ihre achtung, ihr Vertrauen nicht!" – "O Rich – o mein Bruder, ist dieses, kann dieses wahr sein? betrügt dich deine leidenschaft nicht, wie mich die meinige? – O Gott! – ich muss sie erhalten oder sterben – wer wird für mich reden: wer? Ich kann nichts sagen – und du?" – "Ich will es tun", erwiderte ich, "aber heute noch nicht; wir müssen ihre Empfindlichkeit und geschwächte Gesundheit schonen." Zu meinen Füssen war er, er umfasste sie: "Bester, edelster Bruder", rief er, "fodre mein Leben, alles, ich kann nicht genug für dich tun! du willt – du! willt für mich reden? Gott segne dich ewig, mein treuester, mein gütigster Freund!" – "Ich will nichts, liebster Seimour, als sei glücklich, sei deines Glücks würdig! du kennst den ganzen Umfang davon nicht so wie ich; aber ich gönne, ich wünsche dir es, so gross es ist." Die Damen kamen zurück wir redeten von Tweedale, und unsere Freundin erzählte, wie gerührt sie gewesen, Gottes schöne Erde wiederzusehen. Dann sprach sie von ihrer Entführung und ihren ersten Tagen im Gebürge. – Abends gab sie mir ihre Papiere; ich las sie mit Seimour durch. O Freund, was für eine Seele malt sich darin! Wie unermesslich wäre meine Glückseligkeit gewesen! – Aber ich ersticke meine Wünsche auf ewig. Mein Bruder soll leben! – Seine Seele kann den Verlust ihrer Hoffnungen nicht noch einmal ertragen; meine Jahre und Erfahrung werden mir durchhelfen. Seimour muss das Mass der Zufriedenheit voll haben sonst geniesst er nichts, mir reicht ein teil davon zu, dessen Wert ich kenne. Schicken Sie uns Seimours Briefe an Sie gleich; sie müssen gelesen werden und für ihn reden.
Von Sternheim an Emilia
Was wird die Vorsicht noch aus mir machen? In widrigen Begegnissen, in den empfindlichsten Erschütterungen aller Kräfte der Seele und des Lebens erhält sie mich. Gewiss nicht