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gemacht dünkte. Können nicht, meine Emilia, alle Kräfte meiner Seele wieder so aufleben wie das Gefühl für die wohltätigen Wunder der Schöpfung und das von der frohen Hoffnung, die Freundin meines Herzens bald wieder zu umarmen? –

Lord Rich, von Tweedale,

an Doktor T.

Wenn es billig ist, dass der Stärkere nicht nur seine eigene volle Last, sondern auch die Bürde des Schwächern trage, so erfülle ich meine Pflicht, indem ich nicht nur unter dem gehäuften Mass meiner Empfindungen seufze, sondern auch das überströmende Gefühl von meinem Bruder zusammenfassen muss. Meine Briefe an Sie sind die Stütze, die meine Seele erleichtert. Seimour sitzt wirklich zu den Füssen des Gegenstandes meiner Wünsche; ich entfernte mich; ihre Augen sagten mir zwar, dass sie mich gerne bleiben sähe; aber mein Bruder hielt ihre Hand, sein Herz fühlte den sanften Druck, den die ihrige ihm vielleicht ohne ihr Wissen gab; das einige fühlte ich auch, und dieses Gefühl hiess mich gehen. Zwei Tage sind's, dass wir hier angekommen. sechs Pferde machten aufsehen im Schlosshofe, und die Bedienten liefen zusammen; mein Bruder warf sich vom Pferde und rief: "Ist die Gräfin Douglas mit der Lady aus den Bleigebürgen hier?" – Auf die Antwort Ja zog er mich am Arm mit einem eifrigen "kommen Sie, Bruder, kommen Sie". "Wen muss ich melden?" – rief ein Diener; "Lord Rich, Lord Seimour", rief mein Bruder hastig und eilte dem Kerl nach, der kaum klopfen konnte, als wir schon in der tür waren. Die Gräfin Douglas sass der tür gegenüber; Lady Sternheim aber mit dem rücken gegen uns und las der Dame etwas vor. Seimours Eindringen und das eilende Rufen des Bedienten, wer wir wären, machte die Gräfin stutzen und meine englische Freundin den Kopf wenden. Sie fuhr mit Schrecken zusammen – "O Gott", rief sie und liess das Buch auf die Erde fallen, als Seimour sich zu ihren Füssen warf. "O die ehrlichen Leute sie lebt – O mein göttliches, mein angebetetes fräulein Sternheim!" rief er mit ausgestreckten Armen. Sie sah halb ausser sich ihn und mich an, wendete aber den Augenblick den Kopf weg und liess ihn auf ihren zitternden Arm sinkenDie Gräfin Douglas sah mit Staunen hin und her, ich musste redenaber mein erstes war, auf die Sternheim zu zeigen. "Teure Gräfin, unterstützen Sie den Engel, den Sie bei sich haben! Ich bin Lord Rich, hier ist Lord Seimour." – Die Gräfin hatte sich eilends meiner Freundin genähert, die ihre beiden Armen um sie schlug und ihr Gesicht einige Minuten an der Gräfin Busen verbarg. Seimour konnte dieses Abwenden ihres Gesichts nicht ertragen und rief in vollem Schmerzen aus – "O mein onkel, warum musste ich meine Liebe verbergen! Alle Qual, alle Zärtlichkeit meines Herzens kann mich nun nicht von dem Widerwillen schützen, den mir meine Nachlässigkeit zuzog! – O Sternheim, Sternheim! was soll aus mir werden, wenn ich in dem Augenblicke der Freude, Sie wiedergefunden zu haben, Ihren Unmut auf mir legen sehe? Gönnen Sie mir, o, gönnen Sie mir nur einen gütigen blick." – Mit dem Anblick eines Engels und der ganzen Würde der sich fühlenden Tugend richtete Lady Sternheim sich auf, reichte errötend meinem Bruder die Hand, und mit gedämpfter stimme sagte sie: "Stehen Sie auf, Lord Seimour, ich versichere Sie, dass ich nicht den geringsten Unmut über Sie habe"; und seufzend setzte sie hinzu, "wo wäre mein Recht dazu gewesen?" – Feurig zärtlich küsste er ihre Hand; meine Augen sanken zur Erde; aber sie näherte sich mir mit freundschaftlichen Blicken, nahm meine Hand: "Teurer Lord! was für Freundschaft! wie haben Sie mich finden können? Hat Lady Summers es Ihnen gesagt? – Was macht sie, meine liebreiche Mutter?" – Ich küsste die Hand auch, die sie mir gegeben hatte; "Lady Summers ist wohl", antwortete ich, "und wird glücklich sein, Sie wiederzusehen; aber nicht Lady Summers hat mich hergeleitet; Reue und Gerechtigkeit riefen meinen Bruder und mich auf." – Mit einer erhöheten Gesichtsfarbe fragte sie mich; "ist Lord Seimour Ihr Bruder?" – "Ja, und dies von der edelsten Mutter, die jemals lebte." Sie antwortete mir nur mit einem bedeutenden Lächeln und wandte sich zur Gräfin Douglas. "Meine grossmütige Erretterin", sprach sie, "sehen hier zwei unverwerfliche Zeugen der Wahrheit dessen, was ich Ihnen von meiner Geburt und meinem Leben sagte; ich danke Gott, dass er mich den Augenblick erleben lassen, wo Ihr Herz die Zufriedenheit fühlen kann, dass Ihre Güte für mich nicht verloren ist." "Nein", fiel Seimour ein, "niemals lebte eine Seele, welche der Verehrung der ganzen Erde würdiger wäre als die Dame, welche die Gräfin errettet haben; solang ich atmen werde, sollen Sie, edelmütige Gräfin Douglas, den ewigen Dank dieses Herzens haben." – Mit tränenden Augen drückte er zugleich die Hand der Gräfin an seine Brust. Ich hatte mich indessen gefasst, um etwas von unserem Überfall zu erklären. Einige Miauten waren wir alle stille. Ich nahm die Hand der Lady Sternheim: "Können Sie", fragte ich, "ohne Schaden Ihrer Ruhe und Gesundheit von