Douglas führte mich in ein artiges Zimmer und hiess mich zu Bette gehen; Molly war dabei und fragte die Dame, wo die kleine Lidy hin sollte? – "Hieher", sagte Lady Douglas, "denn Sie werden die Kleine am liebsten bei sich haben, und es gefällt mir sehr, dass Sie auch im Unglück den Pflichten der natur getreu geblieben sind." "Beste Lady", fiel ich ein, "Sie – –" "Keine Unruhe, meine Liebe", sprach sie mit lebhaftem, aber liebreichem Tone, "legen Sie sich, ich komme dann zurück, aber von allem unangenehmen Vergangenen sollen Sie nicht reden" – und damit ging sie weg. – Ich warf mich aufs Bette mit der traurigen Betrachtung, dass ich den ersten freien Atemzug durch Erduldung eines widrigen Urteils bezahlen müsse. Ich wollte diese Begriffe keine Wurzeln in der Lady Douglas fassen lassen und verlangte Schreibzeug und Papier. Ich schrieb den andern Tag der Lady die Erklärung ihrer Zweifel wegen der kleinen Lidy und zeigte die Beweggründe an, warum ich mich des Kindes angenommen hatte. Ich bat sie daneben, mir bald gelegenheit zu geben, Nachrichten an Lady Summers gelangen zu lassen; denn durch diese Dame würde sie auch überzeuget werden, dass alles, was ich ihr sagte, die Wahrheit sei, und dass sie ihre bisherige Güte für mich nicht zu bereuen haben würde. Sie konnte die drei Blätter kaum gelesen haben, so kam sie zu mir, und bat mich gleich beim Eintritt in das Zimmer, ihr die Unruhe zu vergeben, die sie mir gemacht hätte; aber es wäre nicht leicht möglich gewesen, bei einer fremden person einen solchen Grad von Liebe und sorge für das Kind eines Feindes zu denken, und ich könne glauben, dass, da sie mich wegen meiner vermeinten Muttertreue geliebt habe, sie mich wegen meiner grossmütigen Liebe gegen das Blut meines unwürdigen Verfolgers desto mehr liebe und bewundere. Zwo Stunden redte sie mit mir von vielen Sachen in einem feinen zärtlichen Tone fort. Die teure Lady besitzt eine bei den Grossen seltene Eigenschaft; sie nimmt Anteil an den Leiden der Seele und sucht mit der edelsten, feinsten Empfindung Trostworte und Hülfsmittel aus. In den zeiten meines ehemaligen Umganges mit der grossen glücklichen Welt beobachtete ich, dass ihr Mitleiden meistens für äusserliche Übel, Krankheiten, Armut usw. in Bewegung kam; Kummer des Gemüts, Schmerzen der Seele, von denen man ihnen redete oder die sie verursachten, machten wenig Eindruck und brachten selten eine anteilnehmende Bewegung hervor. – Aber sie werden auch selten gewöhnt, an den innerlichen Wert oder die wahre Beschaffenheit der Sachen zu denken; durch äusserlichen Glanz verblenden sie und werden verblendet. Witz hat die Stelle der Vernunft, eine kalte, gezwungene Umarmung heisst Freundschaft, Pracht und Aufwand Glück – – O mein Kind, sollte ich jemals wieder diesem Kreise mich nähern, so will ich mit einiger sorge alles vermeiden, was mich in den Stufen meiner Erinnerung und meines Unglücks an den Grossen und Glücklichen schmerzte. Die Gräfin Douglas nimmt die kleine Lidy zu sich; sie sagt, ich hatte genug für das Kind getan, und es solle niemand mehr Anlass haben, die Übung der grössten Tugend als die Folge eines Fehltritts zu beurteilen; am allerwenigsten aber Derby auch nicht vermuten können, dass eine anhänglichkeit für ihn auf irgendeine Weise an meinem Mitleiden gewesen sei. Ich sah alles Edle ihrer Beweggründe und dankte ihr zärtlich, dass sie mich nicht nur für künftigen falschen Beurteilungen schützte, sondern auch der Belästigung des Lobs entöbe, das man meiner sogenannten Grossmut noch einmal geben könnte. Meine Briefe an Lady Summers hat die Gräfin gelesen; sie wollte es nicht tun, um mich von ihrem Vertrauen in mich zu überzeugen. Die Briefe an Sie hab' ich ihr durchgeblättert, weil sie aber ganz deutsch sind, so hätte die Übersetzung viele Zeit gekostet; ich redete ihr also kurz von dem Inhalt eines jeden Blatts; denn ich eilte zu sehr, Ihnen Nachrichten zu geben, und gerne schlüpfte ich über das Gute darin hinweg, weil mich dünkte, dass das Vergnügen, mich loben zu hören, die Summe meiner innerlichen Zufriedenheit vermindert. Möchte ich doch bald Nachrichten von Lady Summers haben und zu ihr reisen können, um mich bald, bald in die arme meiner Emilia zu werfen. Mein Entusiasmus für England ist erloschen; es ist nicht, wie ich geglaubt habe, das Vaterland meiner Seele. – Ich will auf meine Güter, einsam will ich da leben und Gutes tun. Mein Geist, meine Empfindungen für die gesellschaftliche Welt sind erschöpft; ich kann ihr auch zu nichts mehr gut sein, als einigen Unglücklichen eine kleine Lehrschule von Ertragung widriger Schicksale zu halten. In Wahrheit, es ist bei der neu erheiterten Aussicht in meine künftigen Tage einer der ersten Wünsche meiner Seele gewesen, dass bei jedem Anbau eines jungen Herzens diejenigen Samenkörner meiner Erziehung eingestreuet würden, deren erquickende Früchte in der Zeit meiner härtesten Leiden reif wurden, die mein anfängliches Murren besänftigten und mir die Stärke gaben, alle Tugenden des Unglücklichen auszuüben. Mein erneuertes Gefühl der Schönheiten unsrer physikalischen Welt kann ich Ihnen unmöglich in seiner Stärke beschreiben; es war gross, mannigfaltig, wie die schöne Aussicht dieses Edelsitzes, wo man über einen jähen Absturz an dem Flusse Tweda die fruchtbarsten Hügel von ganz Schottland übersieht, die von Schafen wimmeln. Die Sehkraft meiner Augen dünkt mich vervielfältigt, wird verfeinert, so wie sie mich in den Bleigebürgen vermindert und stumpf