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Jahre am meisten liebe, ist der Vater, den es mir gab; weil ich gewiss in andern Umständen keinen so treuen und weisen Führer meiner Jugend gehabt hätte, als er für mich war. Er verbarg mir aus weiser Überlegung und Kenntnis meines Gemüts (vielleicht des ganzen menschlichen Herzens überhaupt) den grössten teil seines Reichtums; einmal um der Nachlässigkeit vorzubeugen, mit welcher einzige und reiche Söhne den Wissenschaften obliegen; und dann die Verführung zu vermeiden, denen diese Art junger Leute ausgesetzt ist; und weil er dachte, wann ich einmal die Kräfte meiner Seele, für mich und andere, wohl zu gebrauchen gelernt hätte, so würde ich einst auch von den Glücksgütern einen klugen und edlen Gebrauch zu machen wissen. Daher suchte mich mein Vater zuerst, durch Tugend und Kenntnisse, moralisch gut und glücklich zu machen, ehe er mir die Mittel in die hände gab, durch welche man alle Gattungen von sinnlichem Wohlstand und Vergnügen für sich und andre erlangen und austeilen kann. Die Liebe und Übung der Tugend und der Wissenschaften, sagte er, geben ihrem Besitzer eine von Schicksal und Menschen unabhängige Glückseligkeit und machen ihn zugleich durch das Beispiel, das seine edle und gute Handlungen geben, durch den Nutzen und das Vergnügen, das sein Rat und Umgang schaffen, zu einem moralischen Wohltäter an seinen Nebenmenschen. Durch solche Grundsätze und eine darauf gegründete Erziehung machte er mich zu einem würdigen Freund Ihres Bruders; und, wie ich mir schmeichle, zu dem nicht unwürdigen Besitzer Ihres Herzens. Die Hälfte meines Lebens ist vorbei. Gott sei Dank, dass sie weder mit sonderbaren Unglücksfällen noch Vergehungen wider meine Pflichten bezeichnet ist! – Der gesegnete Augenblick, wo das edle gütige Herz der Sophie P. zu meinem Besten gerührt war, ist der Zeitpunkt, in welchem der Plan für das wahre Glück meiner übrigen Tage vollführt wurde. Zärtliche Dankbarkeit und Verehrung wird die stete Gesinnung meiner Seele für Sie sein."

Hier hielt er inne, küsste meine beiden hände und bat mich um Vergebung, dass er so viel geredet hätte.

Ich konnte nichts anders als ihn versichern, dass ich mit Vergnügen zugehört und ihn bäte, fortzufahren, weil ich glaubte, er hätte mir noch mehr zu sagen.

"Ich möchte Sie nicht gerne ermüden, liebste Gemahlin; aber ich wünsche, dass Sie mein ganzes Herz sehen könnten. – Ich will also, weil Sie es zu wünschen scheinen, nur noch einige Punkte berühren.

Ich habe mir angewöhnt, in allen Stücken, die ich in Erlernung der Wissenschaften oder in meinen Militär-Diensten zu ersteigen hatte, mich sorgfältig nach allen Pflichten umzusehen, die ich darin in Absicht auf mich selbst, meine Obern und die übrigen zu erfüllen verbunden war. Nach dieser Kenntnis teilte ich meine Aufmerksamkeit und meine Zeit ab. Mein Ehrgeiz trieb mich, alles, was ich zu tun schuldig war, ohne Aufschub und auf das Vollkommenste zu verrichten. War es geschehen, so dachte ich auch an die Vergnügungen, die meiner Gemütsart die gemässesten waren. Gleiche Überlegungen habe ich über meine itzigen Umstände gemacht; und da finde ich mich mit vierfachen Pflichten beladen. Die erste gegen meine liebenswürdige Gemahlin, welche mir leicht ist, weil immer mein ganzes Herz zu ihrer Ausübung bereit sein wird. – Die zwote gegen Ihre Familie und den übrigen Adel, denen ich, ohne jemals schmeichlerisch und unterwürfig zu sein, durch alle meine Handlungen den Beweis zu geben suchen werde, dass ich der Hand von Sophien P. und der Aufnahme in die freiherrliche Klasse nicht unwürdig war. Die dritte Pflicht geht die Personen von demjenigen stand an, aus welchem ich herausgezogen bin. Diese will ich niemals zu denken veranlassen, dass ich meinen Ursprung vergessen habe. Sie sollen weder Stolz noch niederträchtige Demut bei mir sehen. Viertens treten die Pflichten gegen meine Untergebene ein, für deren Bestes ich auf alle Weise sorgen werde, um ihrem Herzen die Unterwürfigkeit, in welche sie das Schicksal gesetzt hat, nicht nur erträglich, sondern angenehm zu machen, und mich so zu bezeugen, dass sie mir den Unterschied, welchen zeitliches Glück zwischen mir und ihnen gemacht hat, gerne gönnen sollen.

Der rechtschaffene Pfarrer in P. will mir einen wakkern jungen Mann zum Seelsorger in meinem Kirchspiele schaffen, mit welchem ich gar gerne einen schon lang gemachten Wunsch für einige Abänderungen in der gewöhnlichen Art, das Volk zu unterrichten, veranstalten möchte. Ich habe mich gründlich von der Güte und dem Nutzen der grossen Wahrheiten unsrer Religion überzeugt; aber die wenige wirkung, die ihr Vortrag auf die Herzen der grössten Anzahl der Zuhörer macht, gab mir eher einen Zweifel in die Lehrart als den Gedanken ein, dass das menschliche Herz durchaus so sehr zum Bösen geneigt sei, als manche glauben. Wie oft kam ich von Anhörung der Kanzelrede eines berühmten Mannes zurück, und wenn ich dem moralischen Nutzen nachdachte, den ich daraus gezogen, und dem, welchen der gemeine Mann darin gefunden haben könnte, so fand ich in Wahrheit viel Leeres für den letzteren dabei; und derjenige teil, welchen der Prediger dem Ruhme der Gelehrsamkeit oder dem ausführlichen, aber nicht allzuverständlichen Vortrag mancher spekulativer Sätze gewidmet hatte, war für die Besserung der meisten verloren, und das gewiss nicht aus bösem Willen der letzteren.

Denn wenn ich, der von Jugend auf meine Verstandskräfte geübt hatte und mit abstrakten Ideen bekannt war, Mühe hatte, nützliche Anwendungen davon zu machen; wie sollte der Handwerksmann und seine Kinder damit zurechte kommen?