Ehrenbezeugung widerfahren sei. – Lord Rich redete ihm hierauf wenige patetische Worte zu, und ich bezwang meinen mit der Wut kämpfenden Kummer; wir reisten sogleich ab. – Morgens gehen wir nach Dumfries. – Was für eine Reise! – o Gott, was für eine Reise! –
Lord Rich aus den Bleigebürgen
an Doktor T.
Ich glaube, Sie kennen mich nicht mehr, aber die starke Seite meiner Seele ist mit der Ihrigen verwandt, und Seimour ist mein Bruder. Von diesem und von dem Gegenstand seiner Schmerzen soll ich Ihnen reden. Wir kamen heute abend hier an; unsere Reise war traurig, und jeder nähernde Schritt zu dieser Gegend beklemmte unser Herz. Die ganze Erde hat keinen Winkel mehr, der so elend, so rauh sein kann wie der Zirkel um diese Hütte. Mit Grausamkeit hat das Schicksal in dieser Landschaft dem Boshaftesten unter allen Menschen die Hand geboten, die empfindsamste Seele zu martern. Wenn ich an die edle kindliche Bewegung ihres Herzens denke, die sie bei den Schönheiten der natur gegen ihren Schöpfer zeigte, so fühle ich das Mass des Leidens, so diese unfruchtbare Steine für sie entielten; – und die Hütte, worin sie eine so lange Zeit wohnte, ihre arme Lagerstätte, wo sie den edelsten Geist aushauchte, der jemals eine weibliche Brust belebte. – O Doktor! selbst Ihr teologischer Geist würde, wie mein philosophischer Mut, in Tränen ausgebrochen sein, wenn Sie dieses, wenn Sie den Sandhügel gesehen hätten, der an dem fuss eines einsamen magern Baums die Überbleibsel des liebenswürdigsten Frauenzimmers bedeckt. Der arme Lord Seimour sank darauf hin und wünschte seine Seele da auszuweinen und neben ihr begraben zu werden; ich musste ihn mit unsern zwei Leuten davon wegziehen. Im haus wollt' er sich auf ihr Sterbebette werfen; ich liess es aber wegnehmen und führte ihn auf den Platz, wo die Leute sagen, dass sie meistens gesessen wäre; da liegt er seit zwo Stunden, unbeweglich auf seine arme gestützt, sieht und hört nichts. Die Leute scheinen mir keine guten Leute zu sein; ich fürchte, sie haben ihre hände auch zu dem Einkerkern geboten. Sie sehen scheu aus; sie beredeten sich schon etlichemal vor der Hütte allein, haben auf meine fragen nach der Dame kurz und verwirrt geantwortet und waren sehr betroffen, wie ich sagte, das Grab müsste morgen geöffnet werden. Ich zittre selbst davor; ich befürchte, Merkmale eines gewaltsamen Todes zu finden. Was würde da aus meinem Bruder werden? Ich sage nichts von mir selbst; ich verberge meinen Jammer, um Seimours seinen nicht zu vergrössern, aber gewiss hat die Angst des Untergangs in einem Sturm und die Qual eines lechzenden Durstes in den sandigten Gegenden von Asien meine Seele nicht so heftig angegriffen als der Gedanke an den Leiden dieses weiblichen Engels. Mein Bruder ist aus Mattigkeit eingeschlafen, er liegt auf den Kleidern unsrer Leute, die sie auf den Boden gebreitet haben; immer fährt er auf und stösst ächzende Seufzer aus; doch beruhiget mich unser Wundarzt wegen seiner Gesundheit. Ich kann nicht schlafen, der morgende Tag quält mich voraus; ich sammle Mut, um Seimouren zu stützen, aber ich bin selbst wie ein Rohr, und ich fürchte, bei dem Anblick dieser Leiche mit ihm zu sinken. Denn ich liebte sie nicht mit der jugendlich aufwallenden leidenschaft meines Bruders; meine Liebe war von der Art anhänglichkeit, welche ein edeldenkender Mann für Rechtschaffenheit, Weisheit und Menschenliebe fühlt. Niemals hab' ich Verstand und Empfindungen so moralisch gesehen, als beide in mir waren; niemals das Grosse mit einem so richtigen Mass wahrer Würde und das Kleine mit einer so reizenden Leichtigkeit behandeln gesehen. Ihr Umgang hätte das Glück eines ganzen Kreises geistvoller und tugendliebender Personen gemacht; – und hier musste sie unter aufgetürmten Steinen, bei ebenso gefühllosen Menschen, unter der höchsten Marter des Gemüts, ihren schönen Geist aufgeben! O Vorsicht! du siehst die Frage, welche in meiner Seele schwebt; aber du siehst auch die Ehrerbietung für das Unergründliche deiner Verhängnisse, welche ihren Ausdruck zurückhält! –
Fortsetzung den zweiten Tag
Doktor – Menschenfreund! nehmen Sie teil an unserer Freude. Der Engel, Sternheim, lebt noch. Eine göttliche Schickung hat sie erhalten. Seimour weint Tränen der Freude und umfasst die armen Wirte dieser Hütte unaufhörlich. Vor einer Stunde schleppten wir uns bleich, traurig, mit einer Totenstille gegen den kleinen Garten, wo man uns gestern das Grab gewiesen hatte. Der Mann und sein Sohn gingen unentschlossen und mit einem merklichen Widerwillen mit uns. Als wir nahe an der Stelle des Sandbügels waren und ich den Leuten kurz sagte – grabt auf – sank mein Bruder an meinen Hals und umfasste mich, indem er mit Schmerz "o Rich!" ausrief und seinen Kopf auf meiner Achsel verbarg. Diese Bewegung von ihm, just da die erste Schaufel voll Sand durch einen meiner Leute vom Grab gehoben wurde, durchbohrte meine Seele; ich schloss meine arme um ihn und erhob meine Augen zum Himmel, um Stärke für ihn und mich zu erflehen. Den nämlichen Augenblick aber fielen Mann, Frau und Sohn vor uns auf die Knie und baten um unsern Schutz. Ich geriet in die äusserste Bestürzung, weil ich mich vor der Entdeckung eines an der Dame verübten Mords fürchtete. – "Leute! was wollt ihr, was soll euer Rufen um Schutz?" "Wir haben unsern Lord betrogen", riefen sie; "die Frau ist nicht gestorben, sie ist