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zu werden. O Schicksal, lass mir diese Hoffnung!

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Ich will meiner Emilia noch ein Nebenstück meines quälenden Schicksals erzählen. Sie wissen, wie reinlich ich immer in Wäsche war, und hier zog ich mich, ich weiss nicht wie lang, gar nicht aus; endlich kam mit meiner Überlegung das Missvergnügen über den Kleidermangel, und beim Nachdenken war ich sehr froh, dass ich bei meiner Entführung ein ganz weisses leinen Kleid anhatte, welches ich gleich auszog und der modischen Üppigkeit für die vielen Falten dankte, die sie darin gemacht hatte; denn ich konnte füglich drei Hemden daraus schneiden und ein kurz Kleid daneben behalten; meine Schürze machte ich zu Halstüchern und aus dem ersten Rock Schürzen, so dass ich mit ein wenig leichter Lauge meine Kleidung recht reinlich halten kann und abzuwechseln weiss. Ich plätte sie mit einem warmen Stein. Die kleine Lidy hab' ich auch nähen gelernt, und sie macht recht artige Stiche in meinem Tapetengrund. Meine Wirte säubern ihre wohnung mir zulieb alle Tage sehr ordentlich, und mein gekochtes Haberbrot fängt an, mir wohl zu bekommen. Die Bedürfnisse der natur sind klein, meine Emilia; ich stehe satt von dem magern Tische auf, und meine Wirte hören mich mit Erstaunen von den übrigen Teilen der Welt erzählen. Ich habe die Bildnisse meiner Eltern noch; ich wies sie den Leuten und erzählte ihnen von meiner Erziehung und ehemaligen Lebensart, was sie fassen konnten und ihnen gut war. Ungekünstelte mitleidige Zähren träufelten aus ihren Augen, da ich von meinem genossenen Glücke sprach und ihnen die Geduld erklärte, die wirklich in meinem Herzen ist. Ich rede wenig von Ihnen, meine Liebe! Ich bin nicht stark genug, oft an Ihren Verlust zu denken, an Ihren Kummer um mich zu denken. Könnte ich durch mein Leiden nur Ihres um mich und meiner gütigen Lady ihres loskaufen, ich wollte mich bemühen, nicht mehr zu sagen, dass ich leide; aber das Schicksal wusste, was mich am meisten quälen würde; es wusste, dass mich meine Unschuld und meine Grundsätze trösten und beruhigen würden, es wusste, dass ich Armut und Mangel ertragen lernen würde; daher gab es mir das Gefühl von dem Weh meiner Freunde, ein Gefühl, dessen Wunde unheilbar ist, weil es ein Vergehen wäre, wenn ich mich davon loszumachen suchte. – Wie glücklich machte mich dieses Gefühl ehemals, da ich, im Besitz meiner Güter, jeden belauschten Wunsch meiner Freunde befriedigen und jeden bemerkten Schmerzen lindern konnte. Zwei Jahre sind es, dass ich glänzend unter den schimmernden Haufen trat und Aussichten von Glück vor mir hatte, mich geliebt sah und wählen oder verwerfen konnte. O mein Herz, warum hütetest du dich so lange vor dieser Erinnerung! Niemals mehr getrautest du dir den Namen Seimour zu denken, nun fragst du, was würde er sagen? und weinst über seine Vergessenheit! O! nimm diesen teil weg, lass ihn nimmer in mein Gedächtnis kommen;- sein Herz kannte das meine für ihn niemals, und nun ist es zu spät! – Mein Papier, ach Emilia, mein Papier geht zu Ende; ich darf nun nicht mehr viel schreiben; der Winter ist lange; ich will den Überrest auf Erzählung meiner noch dunklen Hoffnungen erhalten. O mein Kind! einige Bogen Papier waren mein Glück, und ich darf es nicht mehr geniessen! Ich will Cannevas sparen und Buchstaben hineinnähen.

Im April

O Zeit, wohltätigstes unter allen Wesen, wieviel Gutes hab' ich dir zu danken! du führtest allmählich die tiefen Eindrücke meiner Leiden und verlornen Glückseligkeit von mir weg und stelltest sie in den Nebel der Entfernung, während du eine liebreiche Heiterkeit auf die Gegenstände verbreitetest, die mich umgeben. Die Erfahrung, welche du an der Hand führest, lehrte mich die übende Weisheit und Geduld kennen. Jede Stunde, da ich mit ihnen vertrauter wurde, verminderte die Bitterkeit meines Grams. Du, alle Wunden des Gemüts heilende Zeit, wirst auch den Balsam der Beruhigung in die Seele meiner wenigen Freunde giessen und sie in Umstände setzen, worin sie die frohen Aussichten ihres Geschickes ohne den vergällenden Kummer um mich geniessen können. Du hast die Trostgründe der Güte meines Schöpfers, die das geringste Erdwürmchen unter den Schutz kleiner Sandkörner begleitet, wieder in meine Seele gerufen; du hast mich sie in diesen rauhen Gebürgen finden lassen, den Gebrauch meiner Kenntnisse in mir erneuert und die im Schosse des Glückes schlafenden Tugenden erweckt und geschäftig gemacht. Hier, wo die physikalische Welt wenige Gaben sparsam unter ihre traurigen Bewohner austeilt, hier habe ich den moralischen Reichtum von Tugenden und Kenntnissen in der Hütte meiner Wirte verbreitet, und mit ihnen geniesse und koste ich ihre Süssigkeit. Von allem, was den Namen von Glück, Ansehen und Gewalt führt, völlig entblösst, mein Leben den Händen dieser Fremdlinge anvertraut, wurde ich ihre moralische Wohltäterin, indem ich ihre Liebe zu Gott erweiterte, ihren Verstand erleuchtete und ihre Herzen beruhigte, da ich durch Erzählungen von andern Weltteilen und von den Schicksalen ihrer Einwohner in den Erholungsstunden meiner armen Wirte Vergnügen um sie hergoss. Ich habe die traurigen unschuldsvollen Tage einer doppelt unglücklichen Waise durch Liebe, sorge und Unterricht mit Blumen bestreut; von dem Genusse alles dessen, was die Menschen als Wohlsein betrachten, entfernt, geniesse ich die wahren Geschenke des himmels, die Freude wohlzutun und die Ruhe des Gemüts, als Früchte der wahren Menschenliebe und erfahrner Tugend. – Reine Freude, wahre Güter! ihr werdet mich in