Trost und die Stütze meines Lebens, jetzt bist du eine Vermehrung meiner Leiden geworden. Die klagende stimme, die Briefe deiner unglücklichen Freundin dringen nicht mehr zu dir, alles, alles ist mir entrissen, und noch musste mein Herz mit der Last des bittern Kummers beschweret werden, die Angst meiner Freunde zu fühlen. Beste Lady! – liebste Emilia! warum musste euer liebreiches Herz mit in das Los von Qual der Seele fallen, welches das Verhängnis mir Unglücklichen zuwarf? – O Gott, wie hart strafest du den einzigen Schritt meiner Abweichung von dem Pfade der bürgerlichen gesetz! – Kann meine heimliche Heurat dich beleidiget haben? – arme Gedanken, wo irret ihr umher? Niemand höret euch, niemand wird euch lesen; diese Blätter werden mit mir sterben und verwesen; niemand als mein Verfolger wird meinen Tod erfahren, und er wird froh sein, die Zeugnisse seiner Unmenschlichkeit mit mir begraben zu wissen. O Schicksal, du siehst meine Unterwerfung, du siehst, dass ich nichts von dir bitte; du willst mich langsam zermalmen; tue es – rette nur die Herzen meiner tugendhaften Freunde von dem Kummer, der sie meinetwegen beängstiget!
Dritter monat meines Elendes
Noch einen monat hab' ich durchgelebt und finde mein Gefühl wieder, um den ganzen Inbegriff meines Jammers zu kennen. Selige Tage, wo seid ihr, an denen ich bei dem ersten Anblick des Morgenlichts meine hände dankbar zu Gott erhob und mich meiner Erhaltung freute? Jetzt benetzen immer neue Tränen mein Auge und mit neuem Händeringen bezeichne ich die erste Stunde meines erneuerten Daseins. O mein Schöpfer, solltest du wohl die bittere Zähre meines Jammers lieber sehen als die überfliessende Träne der kindlichen Dankbarkeit?
*
Hoffnungslos, aller Aussichten auf hülfe beraubt, kämpfe ich wider mich selbst; ich werfe mir meine Traurigkeit als ein Vergehen vor und folge dem Zug zum Schreiben. Eine Empfindung von besserer Zukunft regt sich in mir. – Ach! redete sie nicht noch lauter in meinen vergangenen Tagen? – Täuschte sie mich nicht? – Schicksal! hab ich mein Glück gemissbraucht?
Hing mein Herz an dem Schimmer, der mich umgab? Oder ist der Stolz auf die Seele, die ich von dir empfing, mein Verbrechen gewesen? – arme, arme Kreatur, mit wem rechte ich! Ich beseelte Handvoll Staubes empöre mich wider die Gewalt, die mich prüft – und erhält. Willt du, o meine Seele, willt du durch Murren und Ungeduld das ärgste Übel in den Kelch meines Leidens giessen? Vergib, o Gott, vergib mir und lass mich die Wohltaten aufsuchen, mit denen du auch hier mein empfindliches Herz umgeben hast.
*
Komm, du treue Erinnerung meiner Emilia, komm und sei Zeuge, dass das Herz deiner Freundin seine Gelübde der Tugend erneuert, dass es zu dem Wege seiner Pflichten zurückkehrt, seiner eigensinnigen Empfindlichkeit absagt und vor den Merkmalen einer liebreichen immerdauernden Vorsicht nicht mehr die Augen verschliesst. – – Beinahe drei Monate sind's, dass ich durch einen betrügerischen Ruf in dem Park von Summerhall anstatt meiner gefühlvollen freundlichen Emma einem der grausamsten Menschen in die Gewalt kam, der mich Tag und Nacht reisen machte, um mich hieher zu bringen; Derby! Niemand als du war dieser Barbarei fähig! In der Zeit, wo ich für dein Vergnügen arbeitete, zetteltest du ein neues Gewebe von Kummer für mich an. – – Ehre und Grossmut müssen dir sehr unbekannt sein, weil du nicht denken konntest, dass sie mich deinen Augen entziehen und mich schweigen heissen würden! Was für ein Spiel machst du dir aus der Trübsal eines Herzens, dessen ganze Empfindsamkeit du kennst? – Warum, o Vorsicht, warum mussten alle boshafte Anschlage dieses verdorbenen Menschen in Erfüllung kommen, und warum alle guten Entwürfe der Seele, die du mir gabst, in diese traurige Gebürge verstossen werden?
*
Wie unstet macht die Eigenliebe den gang unserer Tugend! Vor zwei Tagen wollte mein Herz voll edler Entschlüsse geduldig auf dem dornichten Pfade meines unglücklichen Schicksals fortgehen, und meine Eigenliebe führt die Wiedererinnerung dazu, welche meine Blicke von dem Gegenwärtigen und Künftigen entfernt und allein auf das unveränderliche Vergangene heftet. – Tugendlehre, Kenntnisse und Erfahrung sollen also an mir verloren sein, und ein niederträchtiger Feind soll die verdoppelte Gewalt haben, nicht nur mein äusserliches Ansehen von Glück wie ein Räuber ein Kleid von mir zu reissen, sondern meine Gesinnungen, die Übung meiner Pflichten und die Liebe der Tugend selbst in meiner Seele zu zerstören?
*
glückliche, ja allerglücklichste Stunde meines Lebens, in der ich mein ganzes Herz wiedergefunden habe; in welcher die selige Empfindung wieder in mir erwachte, dass auch hier die väterliche Hand meines Schöpfers für die besten Güter meiner Seele gesorget hat! Er ist es, der meinen Verstand von dem Wahnsinne errettete, welcher in den ersten Wochen sich meiner bemeistern wollte. Er gab meinen rauhen Wirten Leutseligkeit und Mitleiden für mich; das reine moralische Gefühl meiner Seele erhebt sich allmählich über die Düsternheit meines Grams. Die Heiterkeit des himmels, der diese Einöde umgibt, giesst, ob ich ihn schon seufzend anblicke, ebensoviel Hoffnung und Friede in mein Herz als der zu Sternheim, Vaels und Summerhall. Diese aufgetürmten Berge reden mir von der allmächtigen Hand, welche sie schuf; überall ist die Erde mit den Zeugnissen seiner Weisheit und Güte erfüllt, und überall bin ich sein geschöpf. Er wollte hier meine Eitelkeit begraben, und die letzten Probestunden meines Lebens sollen allein vor seinen Augen und vor dem Zeugnis meines